Ausstellungsprogramm 2010 – 2011 Bank Austria Kunstforum
AUGENSCHMAUS – VOM ESSEN IM STILLEBEN
10. Februar – 30. Mai 2010
Für Herbst und Winter 2009 plant das Bank Austria Kunstforum eine »kulinarische« Ausstellung, die sich der über die Jahrhunderte gewandelten Alltagskultur des Essens und Trinkens widmet – ein Thema, das im gleichsam »marginalen« Genre des Stilllebens seine weitreichendste Entfaltung erlebt.
Anhand von rund 100 exemplarischen Werken aus unterschiedlichen Kunstlandschaften und Epochen werden Geschichte und Stellenwert des Essens im Stillleben vom 16. bis ins 20. Jahrhundert in verschiedenen Erzählsträngen verfolgt. Das Stillleben wird in der Ausstellung als ein sich wandelndes Bedeutungssystem präsentiert, das in direktem Verhältnis zu den Veränderungen der Gesellschaft und ihren kulturellen Praktiken steht. Hierbei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit das Stillleben bloße Naturnachahmung, Symbolträger oder gar Konstruktion von Realität ist. Erstmals werden durch konzise Gegenüberstellungen neuzeitlicher und aktueller Kunst die Kontinuität, Differenz und Bandbreite des Stilllebens in seinem kreatürlichen und symbolischen Bezug zum Leben beleuchtet.
In ihrem Versprechen umfassender Sinnlichkeit üben Stillleben bis heute, in Zeiten der totalen Verfügbarkeit fast aller Dinge, eine ungebrochene Faszination aus: Seit ihren Ursprüngen in der Antike behandeln Stillleben mit ihrem Fokus auf die oftmals übersehene kreatürlich-materielle Ebene des menschlichen Daseins essentielle Themen wie das Verhältnis von Kunst und Realität, von Schein und Sein, von Geist und Materie, von Leben und Tod. Die Ausstellung zeigt, wie das Stillleben über die malerische Erfassung des Kreatürlichen selbst zum Modell malerischer Reflexion wird. Ausgehend von Pieter Aertsens Küchen- und Marktstücken, die die Bedeutungsumkehrung vom Religiösen zum Profanen markieren, wird die Entwicklung des Genres in seiner kontinuierlichen Entfaltung mit Werken des 17. und 18. Jahrhunderts vorzüglich aus den Niederlanden, Spanien und Italien nachvollzogen.
In der akademischen Gattungshierarchie auf den untersten Rang verwiesen und auf Grund der unheroischen, »niederen Existenz« der Darstellungsgegenstände als minderwertige Form künstlerischen Ausdrucks abgetan, war das Stillleben – eben durch diese vermeintliche Bedeutungslosigkeit aus dem Fokus gerückt – von jeher als Experimentierfeld für malerische Interessen prädestiniert. So verwundert es nicht, dass die Errungenschaften der modernen Malerei mit ihrem sukzessiven Rückzug aus der mimetischen Wiedergabe der Natur mit der Darstellung des Marginalen – und letztlich mit dem Genre des Stilllebens – verknüpft sind. In der Ausstellung wird dies an einem breiten Spektrum von Kunstwerken – von Chardin und Goya bis zu Cézanne und Picasso – vor Augen geführt.
Wie eine der möglichen Fortsetzungen dieser Entwicklung erscheint die Transformation der Nahrung vom Sujet der Malerei zum eigentlichen künstlerischen Material in der Eat Art – auch ihr ist in der Ausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet.
Kuratorinnen:
Evelyn Benesch
Heike Eipeldauer
FRIDA KAHLO RETROSPEKTIVE
1. September – 5. Dezember 2010
Im Herbst 2010 präsentiert das Kunstforum die erste umfassende Ausstellung über Frida Kahlo in Österreich. Der Mythos der mexikanischen Künstlerin hat globales Format angenommen; Frida ist eine Ikone mit Starcharakter: Identifikationsfigur der mexikanischen Kultur, Vorreiterin der feministischen Bewegung, Marke einer großen Merchandising-Maschinerie, schillernd exotische Filmvorlage für das Hollywoodkino.
Kahlos Kunst ist untrennbar mit ihrer Vita verbunden. Gemälde und Zeichnungen sind nicht nur das Spiegelbild ihres durch körperliches und psychisches Leid geprägten Lebens – die Malerin litt ihr Leben lang an den Folgeschäden eines lebensgefährliche Busunfalls in ihrer Jugend – sondern ihr malerisches und zeichnerisches Œuvre zählt auch zu den komplexesten Kapiteln der Kunst der Zwischenkriegszeit zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus. In den 1920er Jahren entstehen feingezeichnete Selbstdarstellungen, orientiert am Figurenideal der Renaissancemalerei. Zu Beginn der 1930er Jahre malt sie die ersten surrealistischen Bilder: in kombinatorischer Strategie, beeinflusst von den Cadavres exquis, den spontanen Zeichnungscollagen der Surrealisten, mit denen Frida regen Kontakt pflegte, malt sie ikonografisch-vielschichtige Kompositionen, die ihrer inneren Welt entspringen. Um 1940 gewinnen Kahlos Selbstbildnisse an Expression. Anstelle des neutralen Blicks tritt das »autoritäre Auge«: Frida inszeniert sich wie eine »anbetungswürdige« Heiligenfigur, ihrer dominanten Ausstrahlung ist nicht zu entkommen.
Die Ausstellung Frida Kahlo Retrospektive umfasst etwa 70 Gemälde und 30 Zeichnungen, ergänzt durch eine repräsentative Auswahl von fotografischem Dokumentationsmaterial, das von Cristina Kahlo, Fridas Großnichte, zusammengestellt wird. Der Großteil von Kahlos künstlerischem Vermächtnis befindet sich in Mexiko, der Rest vorwiegend in den USA – aus öffentlichen und privaten Sammlungen dieser Länder kommen auch die meisten von Fridas Hauptwerken nach Wien. Angesichts der mangelnden Präsenz von Kahlo’s Œuvre in europäischen Sammlungen und der spärlichen Ausstellungsprojekte in Europa darf diese Schau als Sensation für Wien angesehen werden.
KuratorInnen:
Ingried Brugger
Florian Steininger
Helga Prignitz-Peda (Gastkuratorin)
AIWASOWSKY: MALER DES MEERES
16. Dezember 2010 – 27. März 2011
Im Frühjahr 2010 präsentiert das Kunstforum das atemberaubende Werk des russischen Malers Iwan Konstantinowich Aiwasowsky (1817 – 1900) in einer Premiere: Aiwasowsky, der bereits zu Lebzeiten eine Legende war, internationale Ausstellungserfolge feierte und der heute in Russland jedem Kind ein Begriff ist, ist über die Landesgrenzen hinaus ein weitgehend unbekannter Künstler.
Geboren in der Hafenstadt Feodossija (heutige Ukraine) an der Krim-Halbinsel, studierte Aiwasowsky Malerei an der Kaiserlichen Akademie in St. Petersburg und wurde Hofmaler bei Zar Nikolaus I. Den Weitgereisten – er begleitete als Marinemaler die militärischen Truppen des Zaren – trieb es immer wieder zurück in seine Heimatstadt am Schwarzen Meer. In Aiwasowskys großem Œuvre ist die Urgewalt des Meeres zentrales Sujet. Es ist der Ozean, der für Aiwasowsky alles Leben speist, dem aber auch eine katastrophale Kraft innewohnt. Dabei will der Maler keine Momentaufnahme zeigen, sondern vielmehr eine allgemeingültige Aussage treffen: Die Symbolik eines Schiffs auf hoher See bedeutet eine Allegorie auf den menschlichen Lebensweg. Beruhigte, sonnen- und mondbespiegelte Wasseroberflächen wechseln mit aufbrausendem Sturm und tosender Gischt. Maritime Küsten und Landstriche, Stadtansichten, Schiffsmanöver, mythologische Szenen sowie gigantische Wellenbilder, die den Betrachter mitten ins Bild katapultieren, finden sich gleichermaßen in seinem Repertoire. In rasendem Arbeitstempo bannte Aiwasowsky Licht, Wasser und Luft auf großformatige Leinwände. Oft wurde er deshalb mit William Mallord Turner verglichen: In der Tat kannten die beiden Künstler die Arbeiten des anderen und schätzten einander. Wie Turner arbeitete auch Aiwasowsky nicht nach der Natur sondern dem Gedächtnis.
Aiwasowsky: Maler des Meeres ist die erste große Schau Aiwasowskys in einem westeuropäischen Ausstellungshaus und zeigt einen Querschnitt seines spektakulären Schaffens. Als Leihgeber dieses ehrgeizigen Ausstellungsprojekts fungieren das Aiwasowsky Museum Feodossija, das Staatliche Russische Museum in St. Petersburg und Kiew, die Tretyakow Galerie in Moskau sowie zahlreiche Privatleihgeber.
Kuratorinnen:
Ingried Brugger
Lisa Kreil
PIERRE BONNARD – DIE ANDERE MODERNE
2011
Für Frühjahr 2011 plant das Bank Austria Kunstforum eine Retrospektive zum Werk Pierre Bonnards, die erste diesem Künstler gewidmete Ausstellung in Österreich überhaupt. Sie wird an die 90 Gemälde aus internationalen Museen und Privatsammlungen zeigen und Bonnards Werk von seinen Anfängen im Kreise der Nabis über den Einfluss von Symbolismus und Impressio- nismus bis in die 1940er Jahre verfolgen.
Bonnard, der die Gegenständlichkeit nie in Frage gestellt hat und der abseits der Entwicklung aller -ismen zu Beginn des Jahrhunderts seinen eigenen, scheinbar immer der französischen Klassik verbundenen Stil der »anderen Moderne« gepflegt hat, soll in diesem Projekt anhand seiner wichtigsten Themen verstanden werden – Genres die, für ihn charakteristisch, die strengen Gattungsbegrenzungen weitestgehend gesprengt haben: das Stillleben, unkonventionell in der Einbeziehung lebendiger Protagonisten, die Landschaft, im Gegensatzpaar von Stadtlandschaft und wilder Naturschilderung und der weibliche Akt, wechselnd zwischen der intimen Darstellung der Toilette und der Konzentration auf komplexe Interieurs.
War Bonnard kurz nach seinem Tod um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch als Vertreter einer oberflächlichen Harmonie und »harmloser« Chronist eines großbürgerlichen Alltags klassifiziert, so herrscht nun – zumindest seit den 1980er Jahren –, allgemeiner Konsens, dass Bonnard vielleicht doch die große Beunruhigung einer Gesellschaft malte, die ahnte, dass sie ihre letzten glücklichen Tage verbrachte …
An diese Beurteilung Bonnards als Künstler »an der Kippe« schließt auch die Ausstellung des Bank Austria Kunstforums an – Bonnard, der mittels subtiler Nuancen die Harmonie in Frage stellt: Farbdissonanzen, räumliche Verschränkungen und unklare Verortungen, »Fehler« in der Personenführung, etc. Bonnard, der, wie er es selbst formulierte, eine Überwindung der Natur durch die Kunst suchte.
Kuratorin:
Evelyn Benesch
Stichwörter / Tags: Ausstellungsprogramm, Österreich, Bank Austria Kunstforum, Wien
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