Herausragende spätgotische Madonnenfigur für Berliner Skulpturensammlung erworben
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat kürzlich mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung eine „Thronende Muttergottes“ für die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin erworben.
Die große, vollrund bearbeitete thronende Muttergottes, ein Schlüsselwerk des Schönen Stils – eine böhmische Variante des Weichen Stils oder der Internationalen Gotik – war die wohl einzige noch auf dem Kunstmarkt verfügbare Madonna ihrer Art. Die Qualität der Ausführung sowie der bildhauerischen Konzeption und ihre Ausdruckskraft machen die Skulptur zu einem herausragenden Werk. Für die Berliner Skulpturensammlung ist sie aus zwei Gründen von besonderem Wert: Zum einen ist seit der Kriegszerstörung der Pietà aus Baden im Jahr 1945, von der nur noch die beiden Köpfe erhalten sind, kein Hauptwerk des Schönen Stils mehr in der Sammlung vorhanden. Zum anderen fügt die nachweislich in Bayern entstandene Figur dem Museum im Bereich der Entwicklung der deutschen Skulptur im frühen 15. Jahrhundert eine neue Dimension hinzu.
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, freut sich: „Mit der Schönen Madonna konnte endlich eine schmerzhafte Lücke im Bestand der Skulpturensammlung geschlossen werden. Für die Unterstützung beim Erwerb der Madonna danke ich der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung sehr herzlich. Ich bin sicher, dass uns gemeinsam auch in Zukunft Ankäufe ähnlich herausragender Stücke gelingen werden.“
Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin würdigt die außerordentliche Bedeutung der Skulptur für die enzyklopädisch sammelnde Berliner Skulpturensammlung: „Damit erhält das großartige Bode-Museum als Skulpturenmuseum auf der Museumsinsel Berlin eine weitere Preziose für seine weltbedeutende Sammlung.“
Julien Chapuis, Leiter der Skulpturensammlung, ergänzt: „Skulpturen dieses Ranges zählen auf dem Kunstmarkt zu den größten Seltenheiten. Dass ein Schlüsselwerk im Schönen Stil von dieser Größe und in diesem Erhaltungszustand noch zu erwerben sei, hätte ich nie für möglich gehalten.“
Die insgesamt gut erhaltene thronende Muttergottes dürfte um 1380-1400 entstanden sein. Sie zählt zu den Hauptwerken des Schönen Stils, einer Stilrichtung in der spätgotischen Malerei und Plastik um 1400, die sich am Prager Hof entwickelte und bald in ganz Mitteleuropa Bedeutung erlangte. Kennzeichnend dafür sind dynamische Kompositionen, die formale sowie psychologische Spannungen bewirken, eine differenzierte Behandlung der Oberflächen sowie in runden Forman fließende Gewandmassen, die bestimmte Teile der Anatomie betonen, während sie andere verhüllen.
Die Schöne Madonna ist ein herausragendes Beispiel dieser Stilrichtung: Obwohl unterlebensgroß, vermittelt die Kalkstein-Figur aufgrund der durchdachten Gliederung des Faltenwurfs einen monumentalen Eindruck. Breit und schwer sitzt die Gottesmutter, gehüllt in einen offenbar aus schwerem Wollstoff bestehenden Mantel, auf einer Thron- bank. Sie wendet den Kopf leicht zur Seite, um auf das Jesuskind, das ursprünglich in ihrer linken Armbeuge lag, herab zu schauen. Die komplexe Komposition lädt den Betrachter ein, die Skulptur zu umschreiten. Sie zeigt von jeder Seite einen ausgewogenen Gesamteindruck und beeindruckt durch die Logik ihrer Anatomie – Merkmale für die besten Figuren im Schönen Stil. Als thronende Madonna im Schönen Stil ist die Figur zudem eine Besonderheit: In der Prager Skulptur genossen zwei Typen große Beliebtheit: die stehende Muttergottes, die als „Schöne Madonna“ bezeichnet wird, und das Vesperbild oder die Pietà. In Süddeutschland hingegen waren seit dem 13. Jahrhundert thronend dargestellte Madonnen üblich. Darüber hinaus wurde der Stein als Schwammkalk aus dem Altmühltal identifiziert. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Figur von einem in Prag ausgebildeten Künstler für einen Bayerischen Auftraggeber gefertigt wurde. Damit hat die Madonna nicht nur besonderen ästhetischen sondern auch wissenschaftlichen Wert.
Presseeinladung:
Basilika des Bode-Museums
Museumsinsel Berlin
Monbijoubrücke, 10117 Berlin, Am Kupfergraben
am Mittwoch 27. Mai 2009, um 18 Uhr
Stichwörter / Tags: Berlin, Skulptur, Staatliche Museen zu Berlin
Die Nutzung der Kommentierungsfunktion ist als Gast ohne Registrierung möglich. Nach Eingabe eines Nutzernamens und einer E-Mail-Adresse können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Alternativ können Sie sich bei Disqus registrieren oder sich über Ihre Facebook-, Twitter-, Google-, Yahoo- oder OpenID-Accounts anmelden. blog comments powered by Disqus