Kunsthaus Bregenz Ausstellungsprogramm 2010
Thematisch kreisen die Ausstellungen des Kunsthaus Bregenz im Jahr 2010 im weitesten Sinne um Fragen der Identität. So beschäftigt sich die in Südafrika geborene und heute in Berlin lebende Candice Breitz in ihren jüngsten Arbeiten mit eineiigen Zwillingen und dem Verhältnis von angeborenen und durch Sozialisation erworbenen Eigenschaften. Die New Yorkerin Roni Horn entwirft in unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Zeichnung und Skulptur Porträts von Personen, deren Positionierung zwischen Authentizität und literarischer Fiktion in der Schwebe bleibt. Künstlerische Identität wurde in den frühen Ausstellungsbeiträgen der in Köln lebenden Cosima von Bonin häufig durch das Einbeziehen befreundeter Künstler, Musiker und anderer Kulturproduzenten aufgefächert, und selbst in ihren aktuellen großen Installationen und Leinwandbildern lässt sie sich nicht auf eine einzige individuelle Handschrift festlegen. Dass die eigene Identität auch immer das Produkt gesellschaftlicher Bedingungen darstellt, belegen die Filme und Videoinstallationen des in Berlin und Wien lebenden Harun Farocki, der sich mit der Prägung unserer Wahrnehmung und Selbstpositionierung durch Maschinen auseinandersetzt. Alle Ausstellungen wurden eigens für das Kunsthaus Bregenz konzipiert und stellen zum größten Teil Arbeiten vor, die speziell für seine Räume entstanden sind.
Eine wesentliche Neuerung im Programm wird die Aktivierung der KUB-Arena darstellen, für die in Zusammenarbeit mit Architekten, Archiven und verschiedenen anderen Kulturproduzenten interdisziplinäre Projekte entwickelt werden. Den Auftakt bildet im Sommer 2010 das Berliner Architektenkollektiv raumlaborberlin.
Mit der ambitionierten Landschaftsintervention Horizon Field von Antony Gormley führt das Kunsthaus die Zusammenarbeit mit dem britischen Künstler fort und setzt bei seinen Außenprojekten neue Maßstäbe.
Candice Breitz
06.02. - 11.04.2010
Konsequent, jedoch immer wieder überraschend beschreitet die Künstlerin Candice Breitz (*1972 in Johannesburg, Südafrika) ihren künstlerischen Weg, welcher zunächst mit collageartigen Fotografien (Rainbow Series, 1996) beginnt und sich Ende der 1990er-Jahre dem bewegten Bild zuwendet. 2005 gelang ihr auf der Biennale in Venedig mit ihrer Videoinstallation Mother + Father, einem auf klischeehafte Szenen zusammengeschnittenen Porträt der durch das Hollywood-Kino propagierten Elternrollen, der Durchbruch.
In der für die Künstlerin charakteristischen Methode von Montage und Collage liefern teils neue Aufnahmen, teils bekannte Filme das Ausgangsmaterial ihrer Werke, welches sie digital bearbeitet und nach einem eigenen Drehbuch neu strukturiert, formt und schneidet. Ihre technisch ausgefeilten und inhaltlich komplexen Videoarbeiten behandeln und durchleuchten die Erzählstrukturen des Hollywood-Kinos, gelebte Fankultur sowie die Position des Individuums in unserer medialen Massengesellschaft.
In der Arbeit Him, 1968–2008, beispielsweise verwebt die Künstlerin 23 Filmrollen des Schauspielers Jack Nicholson aus seiner 40-jährigen Karriere. Die filmischen Fragmente lassen den Schauspieler in einen kaleidoskopischen, schizophrenen Dialog mit sich selbst treten.
Candice Breitz untersucht in ihren aufwändigen Videoinstallationen – aus zahlreichen Monitoren oft zu Bildschirmwänden arrangiert – die Massenwirksamkeit von Popkultur und fragt nach Mythos, Idol, Projektion und Identität. Ihre Darstellungen von Popmusik-Fans bewegen sich zwischen der Bestätigung und der Persiflage von Stereotypen, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und den kreativen Möglichkeiten, der eigenen Identität in unserem digitalen Zeitalter Ausdruck zu verleihen.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt einige ihrer bekanntesten großformatigen Videoinstallationen sowie neue, in Europa erstmals ausgestellte Werke. Ein besonderer Höhepunkt wird die Premiere der für die Ausstellung geschaffenen Videoinstallation New York, New York, 2009, sein, eine Koproduktion von Performa, New York, und dem Kunsthaus Bregenz.
Roni Horn
24.04. - 04.07.2010
Roni Horn (*1955 in New York) ist eine international profilierte und einflussreiche zeitgenössische Künstlerin. Seit den frühen 1970er-Jahren bedient sie sich verschiedener Ausdrucksformen und hat Skulpturen, Fotografien, Künstlerbücher und Zeichnungen geschaffen. Da sie keinem bestimmten Medium den Vorzug gibt, widersetzen sich ihre Werke jeder simplen Kategorisierung. Die mit bemerkenswerter Virtuosität und Sensibilität verwendeten Materialien gewinnen metaphorische Qualität und vermitteln die zentralen Themen der Künstlerin mit großer visueller Eindringlichkeit.
Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist die Erkundung der Möglichkeiten, die in der Sprache als skulpturaler Form liegen. Würfel- und stabförmige Skulpturen aus Kupfer oder poliertem Aluminium verbindet Horn mit Textfragmenten von Emily Dickinson oder Franz Kafka. Das Kunsthaus Bregenz wird eine Auswahl aus dieser Serie mit dem Titel White Dickinsons zeigen.
Die Schau präsentiert auch eine neue Glasarbeit namens Well and Truly (2009), die aus mehreren Objekten besteht und der ein eigenes Stockwerk vorbehalten sein wird. Außerdem zeigt das Kunsthaus Bregenz die Fotoinstallation a.k.a. (2008/09). Das erst vor Kurzem abgeschlossene Werk besteht aus 15 Paaren fotografischer Porträts, welche die Künstlerin im Lauf mehrerer Jahrzehnte gesammelt hat.
Insgesamt betrachtet lässt das in jedem dieser Materialgenres wiederkehrende Verdopplungs- und Identitätsmotiv einen größeren Zusammenhang zwischen Porträt und Landschaft, Zeit und Materie erkennen.
Cosima von Bonin
17.07. - 03.10.2010
Spätestens seit ihrer Teilnahme an der letzten documenta, bei der eine große Anzahl ihrer Werke über den gesamten Parcours der Schau verteilt war, hat Cosima von Bonin (* 1962 in Mombasa, Kenia, lebt und arbeitet in Köln) ihren Status als Geheimtipp und sogenannte »Künstler-Künstlerin« verloren. 2007 hatte sie eine große Ausstellung im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, zu der ein umfangreicher Katalog erschien ist. Jedoch waren ihre Arbeiten in Europa in den letzten Jahren eher selten zu sehen.
Dies wird sich mit der großen Schau im Kunsthaus Bregenz ändern, denn im Anschluss wird das Rotterdamer Witte de With ebenfalls eine Einzelausstellung präsentieren. Im Gegensatz zu der späteren Ausstellung werden für Bregenz alle Arbeiten eigens für die Räume des Kunsthauses neu entstehen. Diese Schau wird die bis heute größte Präsentation ihres Werks darstellen.
Bekannt wurde Cosima von Bonin Anfang der 1990er-Jahre mit Ausstellungsbeteiligungen, bei denen sie, anstatt eigene Arbeiten zu zeigen, andere Kulturproduzenten wie Musiker oder Kunstkritiker einlud, performative Beiträge vorzustellen. Mit ihrer Infragestellung der Autorenfunktion, die vor allem in den frühen partizipatorischen Arbeiten deutlich zum Ausdruck kam, hat sie sich manchmal bewusst, manchmal unbewusst gegen die Vereinnahmung durch das Kunstsystem gerichtet. Wenn sie heute mit Leinwandbildern aus vorgefundenen Stoffen und Tüchern bzw. großen Stoffpilzen- und -hunden in einer Art Überaffirmation dieses wie eine Riesenkrake beherrscht oder sich ihm wahlweise ausliefert, so ist dies immer mit der Haltung verbunden, dass jede Arbeit die letzte sein und sie sich als Künstlerin jederzeit zurückziehen könnte. Ihre Titel Relax, it’s only a Ghost oder The Fatigue Empire umschreiben diese gebrechliche Stärke auf poetische Weise. In diesem Sinn ist Cosima von Bonin eine äußerst politische Künstlerin, deren Werk sich durch eine unmittelbar wahrnehmbare ästhetische Dimension auszeichnet. Diese Dialektik ist ein wesentliches Charakteristikum ihrer Arbeit.
Harun Farocki
23.10.2010 - 09.01.2011
In seinen Filmen und Videoinstallationen beschäftigt sich Harun Farocki mit der gesellschaftlichen und politischen Dimension bewegter Bilder. Hierfür verwendet er sowohl Material aus Archiven als auch neue, von ihm aufgenommene Sequenzen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Filme, die an der Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation angesiedelt sind und sich mit der kontrollierenden und überwachenden Funktion des Mediums auseinandersetzen. In den letzten beiden Jahrzehnten tritt der Filmemacher Harun Farocki vermehrt im Feld der zeitgenössischen Kunst mit raumgreifenden Videoinstallationen auf. Neben mehrfacher Beteiligung an der documenta und Einzelausstellungen in renommierten Museen schlägt sich sein Einfluss auf eine jüngere Generation von Künstlern vor allem auch in seiner Professur an der Akademie der bildenden Künste Wien nieder.
Für seine große Einzelausstellung im Kunsthaus Bregenz wird er nicht nur einen Überblick über seine bisherigen Arbeiten präsentieren, sondern auch eigens neue Werke schaffen. Im Zusammenhang der Ausstellung werden gemeinsam mit dem Künstler spezielle Formen der Präsentation entwickelt, die dem Publikum sowohl seine Essay- und Spielfilme als auch seine als Kunstwerke konzipierten Arbeiten zugänglich machen.
Pressemitteilung
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz
6900 Bregenz, Austria
Phone (+43-55 74) 4 85 94-0
Fax (+43-55 74) 4 85 94-408
kub@kunsthaus-bregenz.at
www.kunsthaus-bregenz.at
Stichwörter / Tags: Ausstellungsprogramm, Österreich, Bregenz, Kunsthaus Bregenz
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