Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus
Symposium, Freitag, 19. Februar 2010, 15.00 bis 19.30 Uhr, Städel Museum
Die Administration und Direktion des Städel Museums hatten 2008 in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ (FU Berlin / Universität Hamburg) unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner ein Vorhaben initiiert, das den widerspruchsvollen Weg des Städelschen Kunstinstituts durch die Jahre des nationalsozialistischen Regimes nachzeichnete.
Ziel des Projekts war es, Geschichte und Museumspolitik des Städelschen Kunstinstituts und der Städtischen Galerie insbesondere im »Dritten Reich« und in der Nachkriegszeit zu untersuchen. Im Rahmen des Forschungsprojektes galt es auch, die Handlungsstrategien von Georg Swarzenski (Direktor des Städelsches Kunstinstituts und der Städtischen Galerie von 1906-1933, Direktor des Städelschen Kunstinstituts von 1906-1937) und Ernst Holzinger (Direktor des Städelschen Kunstinstituts von 1938-1972) in einen kritischen Blick zu nehmen. Auch die Sammlungsgeschichte mit ihren Erwerbungen während des Nationalsozialismus und der große Verlust an Werken der Moderne durch die Aktion »Entartete Kunst« von 1937 sowie die besondere Rolle der Sammler und Mäzene und ihr Verhältnis zum Städel sind dabei differenziert untersucht worden. Für die Zeit nach 1945 wurden sowohl der Neubeginn der Frankfurter Museumsarbeit, aber auch Fragen von Restitution und Wiedergutmachung analysiert.
Der aktuelle Stand des Forschungsprojektes wird nun im Rahmen eines Symposiums zur Diskussion gestellt. Nach einer Einführung in das Thema durch Uwe Fleckner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und Leiter des Warburg-Hauses, wird Tanja Baensch, Vorsitzende der Richard- Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. Berlin, die Rolle der Städtischen Galerie im Städel Museum bis 1945 beleuchten, während sich Esther Tisa Francini, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Provenienzforschung am Museum Rietberg Zürich, dem Spannungsfeld zwischen privater und öffentlicher Institution und hier insbesondere den Handlungsspielräumen der Direktoren in der Zeit von 1933 bis 1945 widmen wird. Städel-Kuratorin Eva Mongi-Vollmer behandelt in ihrem Vortrag die Gemäldeerwerbungen des Städel von 1933 bis 1945. Die Beschlagnahmung der Kunstwerke in der Städtischen Galerie 1936 bis 1937 steht im Zentrum des Vortrags der Provenienzforscherin am Städel Museum Nicole Roth. Den Ausklang bildet der Vortrag der Kunsthistorikerin Dorothea Schöne zum Thema „Revision, Restitution und Neubeginn. Das Städel nach 1945“. Mit einer abschließenden Diskussion endet das Symposium.
Die Ergebnisse des Symposiums werden in der Schriftenreihe der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ im Akademie-Verlag Berlin im Frühsommer 2010 veröffentlicht werden.
Die Vorträge finden in den Veranstaltungsräumen des Städel Museum statt, der Eintritt ist frei. Der Zugang erfolgt über den Verwaltungseingang in der Dürerstraße 2. Es steht nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen zur Verfügung. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Programm
15.00 Uhr Begrüßung
Max Hollein, Direktor des Städel Museums
15.15 Uhr Einführung
Uwe Fleckner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und Leiter des Warburg-Hauses, Hamburg
15.30 Uhr Das Museum als „lebendiger Körper”. Die Geschichte der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut bis 1945
Tanja Baensch, Kunsthistorikerin und Vorsitzende der Richard-Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. Berlin
16.00 Uhr Im Spannungsfeld zwischen privater und öffentlicher Institution. Das Städelsche Kunstinstitut und seine Direktoren 1933-1945
Esther Tisa Francini, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Provenienzforschung am Museum Rietberg Zürich
16.30 Uhr Diskussion
Moderation Uwe Fleckner
17. 00 Uhr Pause
17.30 Uhr Alltägliches Recht, alltägliches Unrecht. Die Gemäldeerwerbungen des Städel 1933-1945
Eva Mongi-Vollmer, Kuratorin am Städel Museum, Frankfurt am Main
18.00 Uhr „Entartete Kunst” in Frankfurt am Main. Die Beschlagnahme der Kunstwerke in der Städtischen Galerie 1936-1937
Nicole Roth, Provenienzforscherin am Städel Museum, Frankfurt am Main
18.30 Uhr Revision, Restitution und Neubeginn. Das Städel nach 1945
Dorothea Schöne, Kunsthistorikerin, Berlin
19.00 Uhr Diskussion
Moderation Uwe Fleckner
19.30 Uhr Ende der Veranstaltung
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt, Veranstaltungsräume (Zugang über Verwaltungseingang, Dürerstraße 2)
Datum: 19. Februar 2010, 15.00 bis 20.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, E-Mail: info@staedelmuseum.de, Telefon: +49 (0) 69-60 50 98-0, Fax: + 49 (0) 69-60 50 98-111
Eintritt: frei
Daten und Fakten
Provenienzforschung im Städel Museum
Im Dezember 1998 wurden auf der Holocaust-Konferenz in Washington elf Punkte verabschiedet. Die Museen der unterzeichnenden Staaten wurden aufgefordert, ihre Bestände bezüglich ihrer Herkunft zu überprüfen und festzustellen, ob sich darunter Kulturgegenstände befinden, die während des Nationalsozialismus unrechtmäßig enteignet worden sind. 1999 bekräftigten die Bundesregierung, die Länder und die kommunalen Spitzenverbände in der Berliner Erklärung diese Forderung und ermunterten die deutschen Sammlungen und ihre Rechtsträger, die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut insbesondere aus jüdischem Besitz aufzunehmen und fortzusetzen. Seit 2002 wird an der Städtischen Galerie und am Städelschen Kunstinstitut das Projekt Provenienzforschung zur Ermittlung der Herkunft einzelner Kunstwerke durchgeführt. Im Rahmen dieses Projekts wird von der Kunsthistorikerin Nicole Roth im Gemäldebestand des Städel Museums nach verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern recherchiert. Bisher wurde die Provenienz von 400 Gemälden überprüft; sechs Kunstwerke wurden restituiert. Im Rahmen seiner Provenienzforschung hat das Städel Museum außerdem auf seiner Internetseite (www.staedelmuseum.de) sowie auf der Seite der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg (www.lostart.de) eine Aufstellung von Kunstwerken allgemein zugänglich gemacht, deren Zuordnung noch nicht gesichert ist und deren Herkunft aus jüdischem Eigentum möglich erscheint.
Forschungsprojekt zur Geschichte des Städel Museums in der Zeit des Nationalsozialismus
Parallel zu dem seit 2002 laufenden Projekt Provenienzforschung am Städel Museum haben die Administration und die Direktion des Städel Museums 2008 beschlossen, die Geschichte der Institution während des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Die wechselvollen Geschehnisse seit den 1930er Jahren, ihre Akteure – im Besonderen die Direktoren Georg Swarzenski und Ernst Holzinger –, deren Handlungsspielräume und Handlungsweisen sollten differenziert untersucht werden.
Georg Swarzenski (Direktor des Städelsches Kunstinstituts und der Städtischen Galerie von 1906-1933, Direktor des Städelschen Kunstinstituts von 1906-1937) hatte bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nicht zuletzt durch die Gründung der Städtischen Galerie im Städel 1907 hervorragende Bedingungen für die zeitgenössische Kunst geschaffen. 1933 bereits aus den städtischen Ämtern entlassen, musste Swarzenski – bemerkenswerter Weise noch im Dienste der privaten Stiftung des Städel stehend – im Juli 1937 die Beschlagnahmungsaktion „Entartete Kunst“ erleben, in der die von ihm explizit geförderte Moderne aus der Sammlung entfernt wurde. Insgesamt wurden 77 Gemälde, 572 Handzeichnungen und Graphiken und drei Skulpturen beschlagnahmt. Nach Swarzenskis Pensionierung Ende 1937 wurde Ernst Holzinger (Direktor des Städelschen Kunstinstituts von 1938-1972) von der Administration des Städel zum Direktor berufen. Sein Agieren innerhalb der privaten Stiftung, sein Verhältnis zu Sammlern und die Wahrnehmung seiner Aufgaben innerhalb der diktatorischen kunst- und kulturpolitischen Strukturen galt es sorgfältig darzustellen. Holzinger kam nach Ausbruch des Krieges auch die Aufgabe zu, die Museumssammlung zu evakuieren und nach 1945 den Wiederaufbau des beschädigten Gebäudes anzugehen. Zudem musste zu diesem Zeitpunkt die Sammlung neu gesichtet werden: Verluste deklariert, in der NS-Zeit erworbene Sammlungsteile restituiert und 1937 beschlagnahmte Kunst zurück erworben werden. Diesen Aufgaben kam Ernst Holzinger am Städel und darüber hinaus ab 1946 auch in seiner Funktion als Direktor der Museen in Großhessen für die Museumslandschaft zwischen Kassel und Wiesbaden nach.
Das 2008 gestartete Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ (FU Berlin/Universität Hamburg) unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner realisiert und wird mit einer in der Schriftenreihe der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ im Berliner Akademie-Verlag im Frühsommer 2010 erscheinenden Publikation seinen Abschluss finden.
Medienmitteilung
Städel Museum
Stichwörter / Tags: Entartete Kunst, Frankfurt, Restitution, Städel Museum
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