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wechselausstellungen.de | 25. Mai 2009

Neuroästhetische Museumsforschung

Kann man „Kunst“ messen? Und falls ja, wie könnte das vonstatten gehen? Diesen Fragen widmet sich ein internationales Forscherteam aus fünf Nationen und ebenso vielen Universitäten in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum St. Gallen.

„eMotion – das psychogeografisch kartierte Museum“, so der Name des Nationalforschungsprojekts, hat nicht weniger als die Vermessung der Wirkung des Museums und seiner Exponate in Angriff genommen. Gefördert durch den Schweizer Nationalfonds und Ubisense, versucht das fünfzehnköpfige Forscherteam empirisch und experimentell die Wirkung des „Kraftfeldes Museum“ zu untersuchen.
Nach circa drei Jahren Vorbereitungszeit wird das Projekt am 4. Juni im Kunstmuseum St. Gallen der Öffentlichkeit vorgestellt. Museumsbesucher haben dann die Möglichkeit zwischen dem 5. Juni und dem 19. Juli aktiv an dem Kunstforschungsprojekt teilzunehmen. Sie erhalten unmittelbar Einblick in ihre eigene Kunstwahrnehmung sowie ihre körperlichen und geistigen Reaktionen während des Museumsbesuches. Der Name „eMotion“ ist Programm: eMotion steht zum Ersten für eine eigens für das Forschungsprojekt entwickelte Erhebungsmethoden, zum Zweiten geht es darum die körperlichen Reaktionen zu erfassen, die die Exponate und deren Hängung erzeugen. Zum Dritten wird die Bewegung der Museumsbesucher im Raum aufgezeichnet.

Das Museum als „Kraftfeld“

Dem Forschungsteam geht es um das „Kraftfeld Museum“, ein Ausdruck von Alexander Dorner, einem der Grünungsväter kuratorischen Arbeitens. Untersucht wird nicht was Kunst ist, sondern wie sie im Kontext des Museums zustande kommt, also wie sie wirkt beziehungsweise der Museumsbesucher Werke und ihre Wirkung empfindet. Zu dieser Frage existieren eine Vielzahl von Theorien, die bisher jedoch kaum empirisch geprüft wurden: Folgt man institutionstheoretischen Modellen, dann macht das Museum die Werke zu Kunstwerken. Eher kunstwissenschaftlich-kuratorische Vorstellungen gehen davon aus, einen Bedeutungsraum durch die Hängung, die Beziehung der Werke zueinander und zum Raum entstehen zu lassen. Oder ist es eher das Werk, seine Materialität und Gestalt die den Besucher in seinen Bann schlägt, wie die Kunstpsychologie argumentiert? Die Kultursoziologen hingegen weisen dem Besucher und seinem „biographical baggage“ eine zentrale Rolle zu: nach ihrer Auffassung macht erst der Besucher mit seinem Vorwissen und seinem Erwartungen das Werk zum Kunstwerk und den Museumsbesuch zum besonderen Moment.
Wie die Institution, das kuratorische Konzept, die Werke und der Besucher zusammenwirken und so gegebenenfalls Momente der „Kunstwerdung“ (Boris Groys) entstehen, versucht eMotion disziplinenübergreifend zu verstehen. Im Forschungsteam arbeiten daher Wissenschafter aus Soziologie, Psychologie, Kunsttheorie und Personen aus der Museumspraxis zusammen. Unterstützt werden sie von Programmierern, Tracking-Spezialisten und Interface-Entwicklern, die die technischen Voraussetzungen schaffen, die biophysiologischen Daten als auch die genaue Vermessung der Wegstrecke jeden einzelnen Besuchers während des Rundganges zu erheben.
Diese unterschiedlichen Disziplinen zu vereinen ist im Rahmen des Forschungsprojektes eine der Herausforderungen für den Projektleiter Martin Tröndle von der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel: „Reale Probleme halten sich leider zumeist nicht an die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen. Das bringt es mit sich, dass wenn man problemorientiert arbeitet, eine inter- oder gar wie bei uns eine transdisziplinäre Herangehensweise notwendig ist. Dazu müssen jedoch alle die Grenzen ihrer eigenen Disziplin überschreiten, das verlangt Mut und flexibles Denken. Insbesondere wenn Wissenschaftler mit Künstlern zusammenarbeiten und gemeinsam Fragestellungen aber auch Erhebungsmethoden entwickeln.“
Solch ein naturwissenschaftliches Vorgehen stösst im Kunstbetrieb nicht nur auf Interesse. In den Kunstwissenschaften und der Kunsttheorie sind empirische Untersuchungen selten, will man doch den Sonderbereich Kunst nicht der empirischen Analyse preisgeben.

Künstlerische Forschung

Künstlerische Methoden des Forschens und Präsentierens in die Wissenschaften zu transferieren, ist das Ziel des Instituts für Design- und Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel an dem das Projekt angesiedelt ist. Künstlerische Forschung versteht man dort als ein Forschungsprinzip der Kreativwirtschaft. Mit künstlerischen Prozessen und Methoden soll Flüchtiges, Neues oder bisher Ungesehenes erfahrbar und damit interpretierbar gemacht werden. Für das Kunstforschungsprojekt eMotion entwickelt beispielsweise der australische Medienkünstler Steven Greenwood eine Visualisierung der wissenschaftlichen erhobenen Daten und Chandrasekhar Ramakrishnan, ein Spezialist für Sonifikation der ETH Zürich, arbeitet an der klanglichen Umsetzung des erhobenen Datenmaterials. Die Aufgabe der am Projekt beteiligten Künstler ist es, ton- und bildgebende Verfahren zu entwickeln, die das Datenmaterial durch eine künstlerisch-ästhetische Transformation den Besuchern als auch den Wissenschaftlern ein direkt erfahrbares Verständnis zur Wirkungsweise des Museum und seiner Exponate eröffnen.

Kunstmuseum St.Gallen
Museumstrasse 32
CH-9000 St.Gallen

Eröffnung: Donnerstag, 4. Juni 2009, um 18.30 Uhr
Öffnungszeiten: 5. Juni - 19. Juli 2009
jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr

Dr. Martin Tröndle, Projektleiter
Hochschule für Gestaltung und Kunst HGK
Institut Design- und Kunstforschung IDK
Steinentorstrasse 30
CH-4051 Basel

Email: martin.troendle [at] fhnw.ch

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