Weltfrauentag in der Schirn
WELTFRAUENTAG IN DER SCHIRN: EINTRITT FREI FÜR BERTHE, MARY, EVA UND MARIE
SAMSTAG, 8. MÄRZ 2008, 12–18 UHR
Am internationalen Weltfrauentag am 8. März 2008 lädt die Schirn Kunsthalle Frankfurt im Rahmen der Ausstellung „Impressionistinnen. Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond“ zu einem besonderen Programm unter dem Motto „Vive les Femmes!“ ein. Frauen und Mädchen mit den Vornamen der vier Künstlerinnen – Berthe, Mary, Eva oder Marie – haben an diesem Tag freien Eintritt in die Ausstellung, alle anderen Besucherinnen erhalten den Eintritt zum ermäßigten Preis von 7 Euro. Führungen in fünf Fremdsprachen und offene Kunstgespräche mit Studierenden der Kunstpädagogik bieten Gelegenheit, mehr über die vier Künstlerinnen, ihre Werke, die Epoche sowie die Mode der Zeit zu erfahren. Im Impressionistinnen-Atelier können Besucherinnen und Besucher mit Pinsel und Pastellkreide selbst Hand anlegen, eine Dame im historischen Kostüm porträtieren oder auf der Malterrasse – sozusagen „en plein-air“ wie die Impressionisten – Frankfurter Ansichten auf der Leinwand einfangen.
„Ja, die Würde der Arbeit gibt mir die Möglichkeit, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, fünf Francs pro Tag und Selbstachtung“, schreibt Mary Cassatt um 1878 an ihre Schwester Lydia.
Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond entstammten bürgerlichen Kreisen und mussten mit ihrer Malerei zwar nicht ihren Lebensunterhalt verdienen, aber sie stehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Frauen, die ihre künstlerischen und beruflichen Zielen sehr bewusst zu verfolgen versuchten.
Die Möglichkeiten einer Berufsausbildung für Künstlerinnen waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschränkt auf teuren Privatunterricht bei den Meistern des Fachs oder den Besuch einer Kunstgewerbeschule. Morisot, Cassatt, Gonzalès und Bracquemond gehörten zu den wenigen Frauen, denen es mit Beharrlichkeit und teilweise unter persönlichen Entbehrungen zu Lebzeiten gelang, den ihnen gebührenden Platz im Kreis der Impressionisten einzunehmen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kämpften immer mehr Künstlerinnen in Europa und in den USA dafür, von den Kunstakademien aufgenommen und als Künstlerinnen anerkannt zu werden. 1957 gründete sich bereits die „Society of Female Artists“ in London sowie 1867 der „Verein Berliner Künstlerinnen“. In Paris organisierten sich 1881 Künstlerinnen in der „Union des Femmes Peintres et Sculpteurs“, die im Juli 1889 die Zulassung von Frauen zur École des Beaux-Arts mit einer Petition in die öffentliche Diskussion brachte. Es brauchte noch sieben Jahre bis die École des Beaux-Arts 1897 als erste Kunstakademie Frankreichs der großen Nachfrage von Frauen für ein Kunststudium nachgab. Dabei schätzte die Zeitschrift Gazette des Femmes bereits 1883 die Anzahl der professionell arbeitenden französischen Künstlerinnen (Malerinnen und Bildhauerinnen) auf etwa 3000.
Von den vier Impressionistinnen war es nur Mary Cassatt möglich, an einer Kunstakademie zu studieren: Die Pennsylvania Academy of the Fine Arts in den USA öffnete ab 1844, lange vor den europäischen Kunstakademien, das Studium für Frauen. Cassatts Studienplan glich dem der männlichen Kollegen, bis auf einen delikaten Unterschied: sie musste mit Zeichenklassen mit bedeckten Modellen vorlieb nehmen. Zum Aktstudium eines nackten Modells waren Studentinnen erst ab 1868 zugelassen. Die Vorstellung der Anwesenheit von Frauen in Aktzeichenkursen mit nacktem Modell löste bei Akademikern, Medizinern und Sittenwächtern die heftigsten Diskussionen aus. Sie befürchteten nicht nur den Verlust der „natürlichen Keuschheit“ der Frauen und in Folge gesundheitliche Schäden, sondern auch, dass die Studentinnen in gemischten Aktstudienklassen eine sexuell aufgeladene Atmosphäre auslösen und die schöpferische Kraft der männlichen Kollegen beinträchtigen könnten.
Angesichts der Tatsache, dass unverheiratete Frauen der Bourgeoisie beim Besuch von öffentlichen Orten wie Cafés, Restaurants oder Theatern ohne Anstandsdame Gefahr liefen, ihren guten Ruf zu verlieren, muss den männlichen Künstlern eine Frau in einem Aktzeichenkurs geradezu als Ausnahmezustand erschienen sein. Das bürgerliche Erziehungsideal sah für Mädchen und junge Frauen künstlerische Tätigkeiten ohnehin nur als Zierrat vor. Die Abwertung von Berufskünstlerinnen zu Dilettantinnen machte es Frauen schwer, ihre Professionalität unter Beweis zu stellen. Umso wichtiger waren die Mitgliedschaft an einer Kunstakademie und die Beteiligungen an Ausstellungen, um im Kunstbetrieb anerkannt zu werden.
Morisot, Cassatt, Gonzalès und Bracquemond konnten durch ihre regen Ausstellungsbeteiligungen am jährlich stattfindenden Pariser Salon ihre Werke einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren und sich im Kunstbetrieb durchsetzen. Morisot nahm als Gründungsmitglied der Gruppe der Impressionisten mit zahlreichen Werken an sieben der acht Impressionisten-Ausstellungen in Paris teil. Auch Bracquemond und Cassatt waren mehrfach vertreten. Wie ungewöhnlich und wenig selbstverständlich die künstlerische Entwicklung der vier Impressionistinnen und anderer Künstlerinnen war, zeigt der Lebenslauf Marie Bracquemonds, der für die Epoche als typisch gelten kann. 1890 gab sie ihre viel versprechende Karriere als Künstlerin wegen ihres eifersüchtigen Ehemannes Félix Bracquemond auf.
Auch wenn Frauen vor allem in den Industrienationen zunehmend Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur einnehmen, sind Errungenschaften wie die freie Berufswahl und die gleichen Ausbildungs- und Berufschancen für Frauen und Männer historisch vergleichsweise jung und lange nicht überall selbstverständlich. Am ersten offiziellen internationalen Weltfrauentag 1911 demonstrierten Frauen in Dänemark, Österreich, der Schweiz, Deutschland und in den USA für einen ersten Meilenstein in der Gleichberechtigung, für das Recht zu wählen. Eine der wichtigsten Befürworterinnen dieses Tages und eine Zeitgenossin der Impressionistinnen, die deutsche Sozialistin Clara Zetkin (1857−1933), engagierte sich für einen Achtstundentag, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Urlaub für Schwangere und die Gleichstellung der Frau im Arbeitsschutzgesetz. Der internationale Weltfrauentag leistet seit 1911 einen Beitrag dazu, dass immer mehr Frauen wie Mary Cassatt um 1882 von sich sagen können: „Ich bin unabhängig! Ich stehe auf eigenen Füßen und liebe meine Arbeit.“
Stichwörter / Tags: Frankfurt, Impressionismus, Morisot, Schirn Kunsthalle
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