Mittwoch, 19. Juni 2013

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Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren

23. März – 15. Juli 2012
Jüdisches Museum Berlin

Nach dem Ersten Weltkrieg war Berlin Zufluchtsort und Zwischenstation für Zehntausende von Juden aus Osteuropa. Die meisten kamen als Kriegs-, Pogrom- oder Revolutionsflüchtlinge aus den ehemaligen Gebieten des Russischen Reichs und der Habsburger Monarchie. Für ein gutes Jahrzehnt wurde die Stadt zu einem Zentrum jüdischer Migration in Europa. Vielfältig vernetzt und in mehreren Sprachen zu Hause, bewirkten die Einwanderer aus Osteuropa eine Blüte jüdischer Kultur in Berlin. Die Sonderausstellung »Berlin Transit«, die in Kooperation mit dem Forschungsprojekt »Charlottengrad und Scheunenviertel« der Freien Universität Berlin entstanden ist, zeichnet ein differenziertes Bild der jüdischen Lebenswelten im Scheunenviertel und im bürgerlichen Charlottenburg, das aufgrund des hohen russischen Anteils der Bevölkerung auch »Charlottengrad« genannt wurde.

Zur Ausstellung »Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren«

»Ich weiß nicht, warum alle diese Leute in Berlin leben! [...] Jedenfalls sind alle mit Berlin unzufrieden und lassen sich keine Gelegenheit entgehen, darauf zu schimpfen. Besonders die Russen.« Was Ilja Ehrenburg Anfang der 1920er Jahre im Romanischen Café formulierte, traf auf viele jüdische Migranten aus Osteuropa zu: Berlin war kein Sehnsuchtsort für sie, sondern Flucht- und Transitort zwischen Ost und West. Viele von ihnen verließen die Stadt bereits in den 1920er Jahren in Richtung USA oder Palästina.

Mit einer Fülle bislang unbekannten Materials folgt die Ausstellung den Spuren osteuropäischer Juden im Berlin der Weimarer Republik, gibt Einblick in die Gründe ihrer Flucht und das Ausmaß der antijüdischen Pogrome während des Russischen Bürgerkriegs. Die Pogrom-Zeichnungen von Issachar Ber Ryback und historisches Filmmaterial über Pogrome im Jahr 1919 sind eindrückliche Zeugnisse dieser Gewalterfahrung.

Die vom Berliner Büro für Szenografie »chezweitz & partner« gestaltete Ausstellung folgt keiner chronologischen Erzählung, sondern ist als Themenparcours angelegt.

»Charlottengrad und Scheunenviertel«

Den beiden Zentren jüdischen Lebens – Scheunenviertel und bürgerliches Charlottenburg – ist je ein Ausstellungsraum gewidmet: Historisches Fotomaterial vermittelt einen Eindruck der Gegend zwischen Grenadier-, Linien- und Mulackstraße, das vielen Berlinern damals als »Elendsbezirk« galt und heute nostalgisch verklärt wird. Die Genrebilder namhafter Fotografen wie Friedrich Seidenstücker und Abraham Pisarek prägen unsere Vorstellung von einem »ostjüdischen Schtetl« inmitten der Großstadt. In der Ausstellung werden diese Bilder kritisch analysiert und durch die Konfrontation mit Privat- und Polizeiaufnahmen neu interpretiert.

Weit weniger sichtbar geblieben sind die Zuwanderer, die sich im westlichen Charlottenburg niederließen: Exemplarisch für das bürgerliche russisch-jüdische Berlin erzählt die Ausstellung die Geschichte der Familie Kahan, die im Russischen Reich mit einer international tätigen Ölfirma ein Vermögen erwarb. Exotische Atelierfotografien und Objekte angewandter Kunst aus den Bezalel-Werkstätten in Jerusalem geben einen Einblick in das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Familie.

Ein Audioraum spiegelt das Selbstverständnis der Migranten wider und macht gleichzeitig ihre sprachliche Vielfalt hörbar: In Kooperation mit rbb Kulturradio wurden literarische und autobiografische Texte von Ilja Ehrenburg, Simon Dubnow und weniger bekannten Zuwanderern eigens für die Ausstellung in den Originalsprachen – Russisch, Jiddisch, Hebräisch und Deutsch – eingesprochen.

»Blütezeit«: Migrantenverlage und bildende Kunst

Der Ausstellungsraum »Babylon« thematisiert anhand des Mediums Buch die Blütezeit der Migrantenverlage: Aufgrund der günstigen wirtschaftlichen Bedingungen gab es in Berlin Anfang der 1920er Jahre eine Vielzahl russischer, jiddischer und hebräischer Verlage, an denen jüdische Migranten als Autoren, Übersetzer und Illustratoren beteiligt waren. Ein Schaukubus zeigt eine Auswahl dieser Publikationen, darunter einige mit Illustrationen von El Lissitzky.

Berlin war beliebter Aufenthaltsort für bildende Künstler, die vor den staatlichen Reglementierungen des Kunstbetriebs in Russland geflohen waren. Das letzte Ausstellungskapitel setzt die impressionistischen Porträts von Leonid Pasternak, die konstruktivistischen Skulpturen von Naum Gabo und die avantgardistischen Gemälde Issachar Ber Rybacks in einen beziehungsreichen Dialog.

Epilog: Spurensuche in Berlin

Der Ausstellungsepilog und die Website weisen den Weg in den heutigen Stadtraum und schicken die Besucher auf Spurensuche nach den weitgehend vergessenen Orten der osteuropäisch-jüdischen Migration.

Den Gegenwartsbezug setzt die Ausstellung »Russen Juden Deutsche. Fotografien von Michael Kerstgens seit 1992« (vom 20. April bis 15. Juli 2012) fort: Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentieren den Prozess der Einwanderung russischsprachiger Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland in den letzten 20 Jahren. In seinen Bildern thematisiert Michael Kerstgens sowohl die sozialen und religiösen Herausforderungen der jüdischen Zuwanderer, als auch die Situation der »Alteingesessenen«.

Eine Ausstellung der Stiftung Jüdisches Museum Berlin in Kooperation mit dem Forschungsprojekt »Charlottengrad und Scheunenviertel. Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre« am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

Eintritt: 4 Euro, erm. 2 Euro
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstr. 9-14, 10969 Berlin
www.jmberlin.de

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