Donnerstag, 20. Juni 2013

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Ausstellungen Deutschland

Neueröffnung Sammlungen Antike und Renaissance

ab 31. August 2012
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Ausstellungsansicht "Neueröffnung Sammlungen Antike und Renaissance"

Ausstellungsansicht | Foto: Susann Rutscher

Die umfangreichen Sammlungen der Bereiche Antike und Renaissance werden ab Ende August in einer völlig neuen Präsentation neu eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem vielfach preisgekrönten neo.studio neumann schneider Architekten entsteht im Erdgeschoss des MKG ein spannender Ausstellungsrundgang, der die Exponate ins Rampenlicht rückt, sie in neue Nachbarschaften stellt und zentrale Aspekte in der Ausstellungsarchitektur aufgreift, um sie den Besuchern durch eigenes Erleben nachvollziehbar zu machen. Beeindruckende Raumbilder bringen die Werke mit einer besonderen Lichtdramaturgie zur Geltung und bieten einen sinnlichen Zugang zu den Werken. Raumfüllende Inszenierungen und ausgesuchte Farbwelten lenken den Blick auf Themen, die die Menschen in der Antike besonders umtrieben: Ägypten – Land der Pharaonen, Koptische Textilien, Mythos und Wahrheit von Homers Helden, Zeitalter der Tyrannis, Entwicklung einer kollektiven Identität, das rätselhafte Volk der Etrusker, Rom und sein Imperium. Neben der kulturräumlichen und chronologischen Ordnung bietet die neue Dauerausstellung auch Verbindungen zu kulturanthropologischen Fragen und stellt Verknüpfungen zu anderen Kulturen und Epochen in der Sammlung des MKG her. So wird die Renaissance in unmittelbarer Nachbarschaft zur Antike wiedereröffnet, da die Beschäftigung mit der Ästhetik und den Werten der Antike in dieser als Wiedergeburt der Antike bezeichneten Epoche einen hohen Stellenwert einnahm und dies an zahlreichen Kunstwerken ablesbar ist. Mit Kapiteln wie „Götter, Mythen und Grotesken“, „Die neue Welt“, „Die Kunstkammer “, „Akt und Anatomie“ und „Blühende Städte“ erzählt die neue Dauerausstellung die wesentlichen Merkmale der Kunst- und Kulturgeschichte der Renaissance und ihre Bezüge zur Antike.

Sammlung Antike
Die Sammlung Antike des MKG umfasst heute gut 5.500 Kunstwerke aus dem Alten Orient, aus Ägypten sowie der Griechen, Etrusker und Römer. Diese erlauben einen tiefen Einblick in künstlerische und kunsthandwerkliche Entwicklungen, Ideen und Schöpfungskraft des Menschen, zeugen vom Alltag, Sitten und Gebräuchen, religiösen Vorstellungen und vor allem auch von wechselseitigem kulturellen Austausch über mehr als vier Jahrtausende. Gleichzeitig beeinflusste die klassische Antike, aber auch die Entdeckungen der Orient- und Ägyptenexpeditionen die europäische Kunst nachhaltig bis heute. Mit der Neukonzeption und -gestaltung der Sammlung wird dem allgemeinen Interesse am Altertum sowie den veränderten Ansprüchen und Fragen heutiger Zeit Rechnung getragen. Im Südflügel des Erdgeschosses werden über 800 antike Objekte aus verschiedensten Materialien, u. a. Ton, Bronze, Silber, Gold, Elfenbein, Marmor, auf ungefähr 400 Quadratmetern ihren Platz finden. Die Sammlung Antike bildet fortan den Beginn des Rundgangs durch die Bestände des MKG und weist gezielt durch ihre enge räumliche, aber vor allem auch inhaltliche Verknüpfung mit der Sammlung Renaissance auf die Bedeutung der Antike für die Entwicklung unserer heutigen Kultur und Kunst hin. Die Neukonzeption wendet sich mit der Verbindung verschiedenster Vermittlungsaspekte an Jung und Alt. Schon seit Jahrzehnten wird die Sammlung Antike von zahlreichen Schulklassen besucht, die nicht nur durch das sachliche Betrachten der Objekte, sondern durch eigenes Erleben die Faszination der Antike sowie ihre Ausstrahlung in unsere Geschichte und Kultur kennenlernen. Diesem Umstand sollen vor allem die Raumbilder eine stärkere Rechnung tragen. Neben dem Kennenlernen der Antike steht das Fragen nach der eigenen Identität und Herkunft. Ebenso werden Fragestellungen wie Fälschung, Kopie oder Restaurierung aufgegriffen.

Die Neukonzeption basiert auf drei miteinander kombinierten Elementen: Als zentrale Ordnungskriterien sind die Unterscheidungen der Kulturräume Ägypten, Alter Orient, Welt der Griechen, Etrusker und Römer sowie eine chronologische Gliederung zugrunde gelegt. Diese ermöglichen dem Besucher eine einfache Orientierung. Erweitert wird diese Zusammenstellung durch die Einbindung thematischer Schwerpunkte und kulturanthropologischer Fragestellungen. Diese spiegeln zum einen allgemeine Themen antiker Lebenswelten, z. B. den Alltag (Bekleidung, Rolle der Frau), Religion und Ritual in Heiligtümern, Vorstellungswelten, die durch Mythen und Sagen überliefert sind, und die Grabkultur wieder. Sie werden ergänzt durch Themen wie z. B. den griechischen Agon (ein beständiger Wettstreit der einzelnen Stadtstaaten [Poleis] und Herrscher, aber auch der Bürger im öffentlichen und privaten Bereich), die Verbindung von Krieg und Sport in Griechenland, Handel als Medium des kulturellen Austausches oder auch das Trinkgelage (Symposion), bei dem sich politische und philosophische Diskussionen wie etwa die Dialoge Platons entwickelten.

Im Vorderen Orient wird nach der Bedeutung von Schrift und Schriftsystemen gefragt, die zunächst zur Verwaltung und Fixierung von Rechten entstanden und erst später zum Medium der Literatur wurden. Ägypten bietet in den Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende die Möglichkeit, das Zusammenleben verschiedener Kulturen – Ägypter, Griechen, Juden, Römer u. a. – und die sich daraus entwickelnden gemeinsamen Vorstellungen zu studieren. Die thematischen Schwerpunkte sollen einerseits einzelne Aspekte antiken Lebens aufzeigen und erklären, andererseits aber auch zu Fragen anregen, die den Besucher bei seinem Rundgang durch die anderen Sammlungen begleiten und Bögen über Zeiten und Räume schlagen. Des Weiteren werden gezielt Objekte anderer Epochen in die Gestaltung einbezogen; zunächst als Fremdkörper wirkend sollen sie die Neugier des Betrachters wecken. Bei ihrer Betrachtung ergibt sich schnell eine Verbindung zur Antike, sei es ikonografisch, handwerklich oder ideengeschichtlich. Unterstützt wird diese Konzeption durch lebendige, faszinierende und moderne Raumbilder. Im Zentrum stehen die Objekte und Objektgruppen, deren Kontext, Aussage und Wirkung neben erläuternden Grafiken und Karten vor allem durch eine neuartige Ausstellungsarchitektur unterstützt und hervorgehoben werden.

Die Renaissance als Wiedergeburt der Antike in der frühen Neuzeit
Die Renaissance-Sammlung des MKG umfasst Meisterwerke von internationalem Rang. Italienische Majolika, frühe wissenschaftliche Instrumente, Kabinettmöbel, italienische Kleinbronzen und Skulpturen, deutsche Plakettenkunst, Goldschmiedearbeiten und -modelle, deutsche und niederländische Kleinplastik aus Buchsbaum und Elfenbein des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, kunstvolle Bestecke, Gläser und Textilien sind in hochkarätigen Arbeiten vertreten. Nur wenige der Exponate waren für den alltäglichen Gebrauch bestimmt. Die meisten Objekte wurden vielmehr als geschätzte Kostbarkeiten in den höfischen und bürgerlichen Kunstkammern Europas gesammelt. Die neue Präsentation der Renaissance ist gegliedert in Themen-Räume, die das humanistische Gedankengut und den Zeitgeist dieser Epoche erfahrbar werden lassen. In direkter Gegenüberstellung von italienischen und nordalpinen Werken der Renaissance und teilweise auch des Manierismus bzw. des deutschen Frühbarock werden der Kulturtransfer, wechselseitige künstlerische Impulse und stilistische Einflüsse deutlich. Die Werke der Renaissance werden im Westflügel des Erdgeschosses in einer Abfolge von fünf Räumen auf einer Fläche von etwa 220 Quadratmetern unter folgenden Themen vereint: “Götter, Mythen und Grotesken”, “Die neue Welt (Mundus Novus)”, “Die Kunstkammer – Gesammelte Wunder”, “Akt – Anatomie” und “Blühende Städte”.

Die Bezeichnung Renaissance (französisch für Wiedergeburt) wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt. Sie beschreibt die Kunstepoche der mit ihr beginnenden Neuzeit des 15. und 16. Jahrhunderts, die in Italien um 1600 zunächst in den Manierismus überging und schließlich vom Zeitalter des Barock abgelöst wurde. Nördlich der Alpen kam die Renaissance erst etwas später an und mündete auch erst im Laufe des 17. Jahrhundert ins Barock. Erstmals verwendet wurde der italienische Begriff rinascita oder Rinascimento (=Wiedergeburt) bereits 1550 von dem italienischen Künstler und Künstlerbiographen Giorgio Vasari (1511-1574), um die Überwindung der mittelalterlichen Kunst zu bezeichnen. Diese “Wiedergeburt” manifestierte sich darin, dass die Wertvorstellungen und kulturellen Errungenschaften der Antike in der Renaissance neu entdeckt und belebt wurden. Im Humanismus wurde das antike Staatswesen studiert. Die Renaissance gilt ferner als das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen. Das schöpferische Individuum rückt ins Zentrum. Kunstschaffende verstehen sich nicht mehr als Handwerker, sondern als Künstler.

Der erste Renaissance-Raum ist dem Thema “Götter, Mythen und Grotesken” gewidmet. 1488 traten bei Ausgrabungen in den „Grotten“ der Domus Aurea in Rom antike Wandmalereien zutage, die in der Renaissance zu einem neuen ornamentalen Stil ,genannt „Grotesk“; inspirierten, bei dem Motive aus der Tier- und Pflanzenwelt und Fabelwesen zu einem ornamentalen Gebilde verknüpft werden. Solche Grotesken wurden in ganz Europa aufgegriffen und sind auch auf dem ausgestellten Brüssler Grotesken-Teppich mit der Göttin Minerva von 1525/50 zu sehen. Die Vielfalt der antiken Götter zeigt sich dem Besucher in den freistehenden Bronzeskulpturen der wichtigsten griechischen und römischen Gottheiten wie Apoll, Venus, Jupiter, Okeanos, Neptun und Saturn.

Der nächste Raum steht unter dem Motto „Die Neue Welt “. Es ist die Zeit der Entdeckungsreisen durch wagemutige Seefahrer wie Christoph Kolumbus, der 1492 den unbekannten Kontinent Amerika und damit die neue Welt entdeckt, die der Florentiner Gelehrte Amerigo Vespucci (1452-15129) 1502/03 als “Mundus Novus” bezeichnet. Es entsteht ein neues Weltbild, und mit der Erschließung neuer Handelswege und -güter verändern sich die politischen und territorialen Machtverhältnisse im “alten” Europa. Das Thema Wissenschaft an den Höfen wird veranschaulicht durch wissenschaftliche Instrumente wie das Astrolabium für Kaiser Rudolf II. in Prag (Messgerät zur Winkelmessung am Himmel und Bestimmung des Breitengrades in der europäischen Schiffahrt.) In der Gruppe Kunstfertigkeit an den Höfen bezeugen virtuose Reticelli-Gläser wie eine filigran gearbeitete Kanne die hohe Kunstfertigkeit der venezianischen Glasproduktion. Das Hauptwerk dieses Raumes ist der um 1600 entstandene Neapolitanische Kabinettschrank aus Ebenholz und Elfenbein, ein Lehrbeispiel manieristischer Fassadenarchitektur.

An eine Weltkugel erinnert die Architektur des nächsten Raumes mit dem Titel „Die Kunstkammer – Gesammelte Wunder“. Wie ein überdimensionaler Setzkasten türmen sich die typischen Elemente einer Kunstkammer: von Menschenhand geschaffene Pretiosen wie ein Kokosnusspokal, ein prunkvolles Besteck mit Rochenhaut-Etui, ein Gefäß aus Perlmutt und Koralle, ein Nautiluspokal, ein vergoldeter Trinkspielautomat mit der Figur des auf einer Schildkröte reitenden Neptun, ein Jagdhorn aus Elfenbein, ein Becher aus Narwalzahn und viele weitere faszinierende Wunder der Natur wie ein aufgehängtes Krokodil, ein Kugelfisch, ein Gürteltier und ein Narwalzahn. Eine raumgreifende Kartengrafik zeigt die neuen Handelswege und –märkte und die Herkunft der exotischen Naturalien aus fremden Ländern auf, deren Import zu neuen Impulsen in Europa führt.

Ein kleines Kabinett mit hochkrätigen Elfenbein- und Buchsbaumstatuetten ist dem Thema “Akt – Anatomie” gewidmet. Eines der Hauptwerke der hochkarätigen Sammlung deutscher und niederländischer Kleinplastik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ist der berühmte, um 1520 aus Buchsbaumholz geschnitzte Gliedermann des Monogrammisten I. P. (um 1490 –nach 1530), der auf der Basis von Dürers Proportionsstudien konstruiert ist und das Schönheitsideal des vollkommenen Abbilds des Menschen en miniature verkörpert. Ein weiteres Hauptwerk ist die barocke Elfenbeingruppe von Adam und Eva des Leonhard Kern (1588-1662). Um sie gruppiert sind weitere Arbeiten dieses Künstlers, mythologische Figuren, Paare und kleine Putti, sowie eine Arbeit aus dem Umkreis von Balthasar Permoser (1651-1732), die den zum Greis gealterten Gott Saturn zeigt wie er seine eigenen neugeborenen Kinder auffrisst. Die unterschiedlichen Menschenbilder aus Renaissance und Barock sind unter dem Aspekt der menschlichen Schönheit, aber auch im Bewusstsein der Vergänglichkeit derselben vereint. Im Fokus steht das „Memento Mori“ –das Überdenken der eigenen Existenz, der schnelle Ablauf der begrenzten Lebenszeit des Menschen und der Gedanke, dass der Beginn des Lebens schon der des Sterbens sei.

Das folgende Kapitel „Blühende Städte“ ist der nordalpinen Kunst gewidmet. Ein Hauptwerk ist die Schedelsche Weltchronik, quasi eine Enzyklopädie der deutschen Städte aus dem Jahre 1493. Sie enthält farbige Holzschnitte mit den Ansichten deutscher Städte und dokumentiert den damaligen Wissensstand und das Bewusstsein für die Entwicklung des Städtewesens. Gerätschaften kaufmännischen Handels wie Waage, Maß, Zahl und Gewicht sowie Trinkgeschirre und Schaupokalen aus Nürnberg ergänzen das Spektrum. Die Antikenrezeption zeigt sich nicht nur in den Karyatidenfiguren des Holzpaneels aus im Schleswig-Holsteinischen Rendsburg geschaffenen Zimmer. Die Rezeption der italienischen Frührenaissance offenbart sich in der ausgestellten deutschen Plakettenkunst und der von italienischer Majolika beeinflussten deutschen Keramik.

Pressetermin: 29. August 2012, 11 Uhr
Eröffnung: 30. August 2012, 19 Uhr

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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