Felix Gonzalez-Torres
22. Mai – 29. August 2010
Fondation Beyeler | Basel
Die Fondation Beyeler präsentiert einen Teilbereich einer grossen Wanderretrospektive des auf Kuba geborenen amerikanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres (1957–1996), der zu den einflussreichsten Künstlern seiner Generation zählt. Die Ausstellung umfasst Werke aus allen Phasen der kurzen, aber fruchtbaren Laufbahn des Künstlers. Sie stammen aus öffentlichen und Privatsammlungen in den Vereinigten Staaten und Europa. Einige, die bislang nur selten zu sehen waren, sind ebenso darunter wie bekanntere Gemälde, Skulpturen, fotografische Arbeiten und Projekte im öffentlichen Raum. Die experimentelle Form dieser bahnbrechenden Ausstellung verweist auf Gonzalez-Torres‘ radikale Kunstkonzeption.
Die Ausstellung Felix Gonzalez-Torres. Specific Objects without Specific Form (Spezifische Objekte ohne spezifische Form) widersetzt sich der herkömmlichen Vorstellung, der zufolge eine Ausstellung etwas Fixiertes ist und eine Retrospektive den Anspruch des umfassenden Überblicks hat. Sie bietet stattdessen verschiedene Ausstellungsversionen, von denen keine einen autoritativen Anspruch erhebt: eine optimale Präsentationsform für das Œuvre eines Künstlers, der Fragilität, das Vergehen der Zeit und das Infragestellen von Autorität ins Zentrum seiner Kunst stellte. Sobald die Hälfte ihrer Dauer erreicht ist, wird die Ausstellung an allen ihren Stationen von einem jeweils anderen Künstler neu installiert. Alle diese Künstler zählen das Werk von Gonzalez-Torres zu ihren Inspirationsquellen. In der Fondation Beyeler wird die Künstlerin Carol Bove die Ausstellung ab Ende Juli neu installieren – Kunstwerke hinzufügen und entfernen, Dinge wie die Beleuchtung, die Beschriftungen, die Präsentation als solche ändern. Sie wird mit anderen Worten für eine völlig neue Version der Ausstellung verantwortlich sein.
Die beiden Versionen der Ausstellung in der Fondation Beyeler werden sich sowohl über die unteren als auch über die oberen Säle erstrecken, in denen sich die permanente Sammlung befindet. Indem die Kunstwerke von Gonzalez-Torres in die aussergewöhnliche Sammlung von Meisterwerken der klassischen Moderne der Fondation Beyeler eingestreut werden, wird Gonzalez-Torres‘ komplexes Œuvre so präsentiert, wie der Künstler es oft selbst dargeboten hat: Es nimmt marginale Räume ein und zeigt sich dem Besucher immer wieder dort, wo er es nicht erwartet. Die Räumlichkeiten der permanenten Sammlung beherbergen somit auch einen Teil der Retrospektive eines Künstlers, dessen Werk diese unkonventionelle Präsentationsform geradezu verlangt. »Ohne Titel«, 1989/1995, ein aus privaten und historischen Ereignissen, die ein Selbstporträt ergeben, zusammengesetztes Fries, säumt zum Beispiel die Wand in einem Raum, in dem andere, berühmte Porträts von Malern wie Paul Cézanne und Pablo Picasso zu finden sind. »Ohne Titel« (Golden), 1995, ein schimmernder Vorhang aus goldenen Perlen, durchzieht einen mit zu Ikonen gewordenen Werken von Alberto Giacometti und Francis Bacon bestückten Raum und zeigt eine andere Möglichkeit, auf den Körper zu verweisen. »Ohne Titel« (Throat) [(Hals)], 1991, ein einzigartiges und nur selten zu sehendes Werk und Gonzalez-Torres‘ kleinster Bonbonhaufen, hockt bescheiden in der Ecke eines Saals, um unter den Gemälden an den Wänden mit den einfachsten Mitteln die Kraft der Kunst vor Augen zu führen, Emotionen wie Verwundbarkeit und Melancholie zum Ausdruck zu bringen. Alle diese Zusammenstellungen enthüllen nicht nur etwas über Gonzalez-Torres‘ Denkweise und seine Umgangsweise mit dem Raum, sondern sie bieten dem Besucher auch einen anderen Blick auf die kanonischen historischen Werke in der Sammlung. Die Ausstellung umfasst ebenfalls ein monumentales Lichterketten-Werk im öffentlichen Raum sowie eine Folge von ikonischen Plakatwänden von Gonzalez-Torres, die an verschiedenen Stellen in Basel und anderen Schweizer Städten (Bern, Genf, Luzern, St. Gallen und Zürich) zu sehen sein werden; die Ausstellung wird somit in den öffentlichen Raum hinein ausgedehnt.
In den späten 1970er Jahren liess sich der gebürtige Kubaner Gonzalez-Torres in New York nieder, wo er Kunst studierte und dann bis zu seinem frühen Tod als Künstler tätig war. Im Alter von nur 38 Jahren starb er 1996 an den Folgen von AIDS. In den 1980er Jahren wurde er Mitglied des Künstlerkollektivs Group Material; er war ein engagierter gesellschaftlicher Aktivist und schuf in relativ kurzer Zeit ein ungemein einflussreiches Werk, das in einem kritischen Verhältnis zur Konzeptkunst und zum Minimalismus betrachtet werden kann. In einem breiten Spektrum an Medien, darunter Zeichnungen, Skulpturen und öffentliche Plakatwände, werden politische Kritik, emotionale Wirkung und tiefe formale Interessen miteinander vermengt. Als Ausgangspunkt dienen oft Objekte des täglichen Lebens – Uhren, Spiegel, Leuchten. Zu seinen bekanntesten Kunstwerken gehören seine Bonbonhaufen und Papierstapel, denen die Besucher ein Bonbon oder ein Blatt Papier entnehmen dürfen. Mit diesen Werken wie auch mit seinen Girlanden aus Glühlampen, seinen wogenden Voile-Vorhängen, seinen Wort-»Porträts« – Zusammensetzungen aus historischen Ereignissen und persönlichen Daten, die im Lauf der Zeit immer wieder von ihren Besitzern ausgetauscht werden können – oder seinen tickenden Uhrenpaaren, die unweigerlich aus dem Gleichtakt geraten, erforschte Gonzalez-Torres die Zusammenhänge zwischen der Zeit, der Autorität, der Kunst und der menschlichen Existenz. Wie so vielem, was er tat, liegt auch diesen Kunstwerken die Prämisse der Instabilität und der potenziellen Veränderung zugrunde. Wie der Künstler Lawrence Wiener einmal sagte – und damit dieser Ausstellung zu ihrem Titel verhalf –, hatte Gonzalez-Torres mit seinen Kunstwerken etwas Einfaches, aber absolut Radikales zustande gebracht: »spezifische Objekte, die keine spezifische Form« haben. Zusammengenommen ergeben diese Werke ein zutiefst humanes, intimes und fragiles Œuvre, das viele scheinbar unerschütterliche Gewissheiten ins Wanken gebracht hat (das Kunstwerk als etwas Fixiertes, den Urheber als den ultimativen Formgeber, die Ausstellung als einen Ort, an dem man schauen, aber nichts berühren darf).
Inspiriert von Gonzalez-Torres‘ Verständnis des Kunstwerks, das für ihn potenziell von unendlicher Bedeutung war, von seinem Bestreben, Konventionen und den Begriff der Autorität zu hinterfragen, und von seiner Praxis, das Arrangement der Kunstwerke – wie im Fall der Ausstellung »Every Week There Is Something Different«, 1991 – wöchentlich zu ändern, oder, wie im Falle einer anderen »Traveling«, 1994, Form und Inhalt einer Ausstellung von Station zu Station zu verändern, stützt sich der Ansatz der Ausstellung Felix Gonzalez-Torres. Specific Objects without Specific Form auf Gonzalez-Torres‘ ganz eigenes Verständnis von der Kunstausstellung und vom Kunstwerk als solchem.
Die aus diesem Ansatz hervorgegangene Retrospektive unterstreicht die nachhaltige Bedeutung seines Œuvres, indem jüngere Künstler als »Zweitkuratoren« einbezogen werden. Sobald die Hälfte der Ausstellungsdauer erreicht worden ist, werden sie die jeweils erste Version der Ausstellung durch eine von ihnen kuratierte Version ersetzen. Organisiert wurde diese Retrospektive vom Wiels Contemporary Art Centre, Brüssel, in Zusammenarbeit mit der Felix Gonzalez-Torres Foundation, New York. Die erste Station ist das Wiels Contemporary Art Centre in Brüssel (16. Januar–2. Mai 2010). Dort wurde Danh Vo mit der zweiten Version betraut. Anschliessend reist sie in die Fondation Beyeler, Basel (22. Mai–29. August 2010). Dort wird Carol Bove für die zweite Version verantwortlich sein, die dann ab Ende Juli zu sehen sein wird. Die letzte Station ist schliesslich das Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (28. Januar–25. April 2011), wo Tino Sehgal die zweite Version kuratieren wird.
An allen drei Stationen wird die jeweils erste Version der Ausstellung von Elena Filipovic kuratiert.
Im Anschluss an die Wanderretrospektive wird 2011 ein reich illustrierter Katalog mit Essays von Elena Filipovic, Danh Vo, Carol Bove und Tino Sehgal sowie Interviews mit Künstlern verschiedener Generationen erscheinen, der die einzelnen Versionen der Ausstellung dokumentieren wird. Unter dem Titel der Ausstellung wird diese Publikation vor allem Künstler zu Wort kommen lassen und damit die massgebliche Bedeutung von Gonzalez-Torres‘ Werk für die heutige Kunst hervorheben.
Medienmitteilung
Fondation Beyeler
Stichwörter / Tags: Basel, Felix Gonzalez-Torres, Fondation Beyeler, Schweiz
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