Bruce Nauman. Dream Passage
28. Mai - 10. Oktober 2010
Hamburger Bahnhof | Berlin
Unter dem Titel „Dream Passage“ (Traumpassage) stellt die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof den amerikanischen Künstler Bruce Nauman in diesem Sommer erstmals mit einer großen Werkschau in Berlin vor. Anlass der Ausstellung ist die Realisierung der spektakulären Architektur-Skulptur „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“ von 1984, die der Nationalgalerie unlängst durch den Sammler Friedrich Christian Flick geschenkt wurde. Damit ergibt sich die einzigartige Möglichkeit, die größte Innenraumskulptur des Künstlers permanent zu zeigen, nachdem bereits seit 2005 seine Außenraumskulptur „Double Cage Piece“ von 1974 auf dem Gelände des Hamburger Bahnhofs zu sehen ist, auch sie Teil der umfangreichen Schenkung des Sammlers. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler konnte das in jeder Hinsicht extreme Werk, dessen Titel ins Deutsche übersetzt lautet „Raum ohne meine Seele, ein Raum, dem das gleichgültig ist“, nun dauerhaft in Halle 5 der Rieckhallen installiert werden.
Die aus drei sich durchkreuzenden Korridoren bestehende begehbare Skulptur stellt sicherlich den Höhepunkt innerhalb der durch einen Traum des Künstlers inspirierten Werkserie der „Dream Passages“ dar.
In der zentralen Halle des Museums werden in einer außergewöhnlichen Inszenierung einige herausragende Beispiele der sogenannten „Erfahrungsarchitekturen“ des Künstlers gezeigt. Ende der 1960er Jahre begann Nauman, Korridore und Räume zu bauen, die von den Besuchern betreten werden können und die Erfahrungen des Eingeschlossenseins, des Ausgesetztseins und der räumlichen Verunsicherung hervorrufen. Präsentiert wird etwa die komplexe Arbeit „Corridor Installation (Nick Wilder Installation)“ von 1970, in der die Besucher, von Videokameras erfasst, ihrem eigenen Bild gegenübertreten. Der „Corridor with Mirror and White Lights“ von 1971 ist hingegen nicht betretbar: Das Werk evoziert jedoch die Vorstellung, sich in dem schmalen Raum dem eigenen Spiegelbild anzunähern. In dem für die documenta 5 gebauten „Kassel Corridor: Elliptical Space” von 1972 wiederum darf sich jeweils nur ein Besucher für maximal eine Stunde aufhalten, um die klaustrophobische Situation zu erfahren. Im Falle der unterirdischen Graben- und Tunnelanlage, die der Künstler mit seinem „Model for Trench and Four Burried Passages“ von 1977 entwarf, bedarf es der Vorstellungskraft, um die entsprechende räumliche Situation zu imaginieren.
Seit Beginn der 1980er Jahre traten in Naumans Werk explizite politische Konnotationen in den Vordergrund. Hiervon zeugen zum einen aggressiv anmutende Skulpturen, in denen hängende Stühle aus Metall zum Einsatz kommen – zu sehen ist die Arbeit „Musical Chair“ von 1983 –, mit denen der Künstler eine Kritik an Folter und Gewalt in totalitären Regimen verband. Zum anderen entstanden komplexe Neonarbeiten wie „American Violence“, 1981- 82, oder „Sex and Death / Double 69“, 1985, die den Zusammenhang von Sex, Gewalt und Tod thematisieren.
Anläßlich der Ausstellung „Dream Passage“ sind in den Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs weitere Arbeiten Naumans im Dialog mit Werken von Generationsgenossen wie z.B. Robert Morris, Eva Hesse, Richard Jackson oder Nikolaus Lang und jüngeren Künstlern wie Absalon oder Manfred Pernice aus den Sammlungsbeständen des Museums zu sehen. Am Ende der Passage durch die Rieckhallen steht die Begegnung mit der Skulptur „Room with My Soul Left Out, Room That Does Not Care“, die im Œuvre des Künstlers zum einen in Verbindung zu bringen ist mit den „Erfahrungsarchitekturen“, wie sie in der historischen Halle zu erleben sind. Zum anderen ist sie Teil der aus insgesamt fünf großformatigen Arbeiten aus den Jahren 1983, 1984 und 1988 bestehenden Werkserie „Dream Passage“. In diesem Falle durchdringen sich drei Korridore in horizontaler und vertikaler Richtung und bilden im Zentrum ein besonderes Kraftfeld, in dem die Frage nach der Verlassenheit und Einsamkeit des seelenlosen Menschen aufgeworfen wird. Nauman schuf einen existentiellen Raum, der an Samuel Becketts Schilderungen in dem Prosatext „Der Verwaiser“ von 1970 denken lässt: „Ort, wo verlorengegangene Körper herumirren und nach dem Verlorenen suchen. Groß genug, damit die Suche vergeblich bleibt. Eng genug, damit jede Flucht vergeblich ist. Im Innern eines abgeflachten Zylinders von fünfzig Meter Durchmesser und sechzehn Metern Höhe, aus Gründen der Harmonie. Das Licht. Seine Schwäche. Seine gelbe Farbe.“
Die Ausstellung speist sich wesentlich aus dem einzigartigen Konvolut von Werken des Künstlers, das sich als Leihgabe der Friedrich Christian Flick Collection in der Nationalgalerie befindet. Dieses wird ergänzt um einige bedeutende Leihgaben aus dem Art Institute of Chicago, dem Guggenheim Museum in New York, dem Philadelphia Art Museum und der Tate Modern in London.
Kuratoren der Ausstellung Eugen Blume und Gabriele Knapstein
Zur Ausstellung erscheint ein 400 Seiten umfassendes Lesebuch im DuMont Buchverlag. Hier werden erstmals 31 für Naumans Œuvre zentrale Begriffe in kurzen Texten erläutert; ergänzt werden diese durch eine Sammlung von philosophischen, literarischen und wissenschaftlichen Texten, die eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Horizont des Künstlers ermöglichen.
Hrsg. Eugen Blume, Gabriele Knapstein, Catherine Nichols, Sonja Claser Preis: ca. 19,95 €
Eröffnung Do 27. Mai 2010, 20 Uhr
Nationalgalerie
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Invalidenstrasse 50-51, 10557 Berlin
Öffnungszeiten:
Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr, Mo geschlossen
Eintrittspreise:
Sammlungspräsentation + Sonderausstellung 12,00 EURO
Ermässigt 6,00 EURO
Sonderausstellung 8,00 EURO
Ermässigt 4,00 EURO
Do 14-18 Uhr freier Eintritt (Sammlungspräsentation)
Medienmitteilung
Staatliche Museen zu Berlin
Stichwörter / Tags: Berlin, Bruce Nauman, Hamburger Bahnhof, Staatliche Museen zu Berlin
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