Vom Esprit der Gesten – Hans Hartung, das Informel und die Folgen
30. Juli 2010 - 10. Oktober 2010
Kupferstichkabinett | Berlin
Den besonderen Anlass für die Ausstellung bildet die im April diesen Jahres erfolgte, von Clemens Fahnemann, Berlin, vermittelte Schenkung von 213 druckgraphischen Werken Hans Hartungs (1904- 1989) durch die Fondation Hans Hartung & Anna-Eva Bergman, Antibes, an das Kupferstichkabinett.
Damit wird Hans Hartung als Druckgraphiker nach mehr als 25 Jahren erstmals wieder in einer deutschen Museumsausstellung umfassend gewürdigt.
Hans Hartung
Der gebürtige Leipziger, der seit den 1930er Jahren bis zu seinem Tod in Frankreich lebte (seit 1946 als französischer Staatsbürger), schuf zwischen 1921 und 1984 mit 605 Werken ein reiches druckgraphisches Oeuvre: Neben Lithographien und Radierungen, die den Hauptteil ausmachen, entstanden auch Heliogravüren, Linol- und Holzschnitte. Letztere vor allem 1973 in der Werkstatt der Erker-Presse in St. Gallen gefertigt, sind bislang kaum bekannt.
Eine Wiederentdeckung dürften auch die kraftvollen, großformatigen Radierungen sein, die Hartung drei Jahre zuvor bei Gustavo Gili in Barcelona gedruckt hatte. Seinem schnellen, impulsiven Arbeiten, das auf dem Einsatz linearer Setzungen auf der Druckplatte basiert, kam allerdings die Lithographie besonders entgegen. Er konnte hier mit fetthaltiger Tusche und verschiedensten Werkzeugen direkt und ohne größeren körperlichen Aufwand die Druckplatte bearbeiten. Beim Holzschnitt und der Radierung musste Hartung den Widerstand des Materials bzw. einen langwierigeren Bearbeitungsprozess der Platte bis hin zum fertigen Druck bedenken. Dies stellte für ihn zwar eine Herausforderung dar, auch an seine Geduld, doch ließ sich in der Lithographie eben spontaner, ‚zeichnerischer’ arbeiten.
Wenn sich Hartung der druckgraphischen Arbeit widmete, entstanden übrigens keineswegs nur einige wenige Drucke, sondern ganze Werkgruppen, bei denen sich die Einzelblätter motivisch variieren.
Der grundsätzlich zeichnerische, mit der Linie arbeitende gestische Impuls Hartungs wurde in den sechziger Jahren schließlich durch den Einsatz von breiten Farbrollen, durch den in der Malerei erprobten Auftrag von gesprühter Farbe oder durch den Einsatz kammförmiger Pinsel schrittweise erweitert. Auch dies bezeugt, dass die Druckgraphik für Hartung keineswegs im Schatten der Zeichnung oder gar der Malerei stand. Vielmehr diente sie ihm in den frühen siebziger Jahren als Experimentierfeld mit direkten Auswirkungen auf die Malerei, in der er beispielsweise die Farbe nun gleichfalls mit einer Litho-Rolle auftrug.
In einem Gespräch mit dem französischen Kunstkritiker Charles Estienne betonte Hans Hartung 1952 seine besondere Faszination für das Gestische: „Es ist diese Lust, die mich treibt: jene Leidenschaft, die Spur meiner Gestik auf der Leinwand oder auf dem Papier zu hinterlassen. Dabei geht es um die Aktion des Malens, Zeichnens, Kratzens, Schabens.“ Diese Äußerung, die Hartung mehr als zwei Jahrzehnte später auch in seine Autobiographie aufnahm, macht deutlich, dass es ihm bei seinem Agieren auf der Leinwand, dem Papier oder der Druckplatte darum ging, seine Werke aus gestischen Spuren und Verläufen aufzubauen. Diese sind Mittel und Gegenstand seiner von allen figurativen Bezügen befreiten Kunst. Die Aktionen des „Kratzens“ und „Schabens“ als sozusagen haptisch nachvollziehbare Spuren des Gestischen verweisen auf seine bereits erwähnte besondere Experimentierfreude hinsichtlich der Wahl der Mittel bei der Bearbeitung der Druckplatten, die spätestens seit den sechziger Jahren festzustellen ist.
„Vom Esprit der Gesten“ kreist, ausgehend von Hartungs ebenso lebendiger wie wandlungsfähiger Sprache des Gestischen, um das Phänomen und die Ausdrucksvielfalt der expressiven Linie in der abstrakten Kunst von 1950 bis heute.
30 Zeichnungen und druckgraphische Werke anderer Künstler
Im Zentrum der Ausstellung steht folglich nicht allein die neu zu entdeckende Druckgraphik Hartungs, deren Entwicklung über vier Jahrzehnte anhand von 60 Arbeiten aufgezeigt wird. Vielmehr treten als punktuelle Dialogpartner etwa 30 Zeichnungen und druckgraphische Werke anderer Künstler hinzu. Diese bedienten und bedienen sich gleichfalls einer abstrakt-expressiven Bildsprache, die jedoch teilweise ganz anders motiviert bzw. strukturiert ist.
Das Gestisch-Impulsive erweist sich oftmals – auch bei den in der Ausstellung vertretenen Gegenwartskünstlern als kontrollierte, ja konzeptuelle Setzung. Kalkül und Spontaneität, Steuerung und Zufall bilden immer wieder neue Verbindungen. Gerade für diese Haltung kann Hartung als wegweisender Vorläufer gelten, ging es doch auch ihm nicht – wie etwa Jackson Pollock – um die wie in Trance erfolgende Schaffung existentieller Metaphern, sondern um das systematische Erproben und Ausloten gestischer Bewegungen und technischer Ausdruckmöglichkeiten.
Zeitlicher Rahmen – Epoche des Informel bis zur Gegenwart
Der zeitliche Rahmen der Ausstellung erstreckt sich von der Epoche des Informel und des Abstakten Expressionismus, also der Jahre um 1950 bis 1960, bis hin zur unmittelbaren Gegenwart: von Wols und Jackson Pollock bis zu Günther Förg und Damien Hirst.
Zu sehen sind ferner ausgewählte Werke von Pierre Soulages, Karl Otto Götz, Emil Schumacher, K.R.H. Sonderborg, Salvador Dalí, Günter Brus, Maria Lassnig, Emilio Vedova, Peter Brüning, Cy Twombly, Willem de Kooning, Mark Tobey, Roy Lichtenstein, Hana Usui, Emil Schreiber, Chris Newman, Gabriele Basch, Katharina Hinsberg und Mark Sheinkman.
Text: Dr. Andreas Schalhorn
Katalog
Zur Ausstellung erscheint die zweisprachige Publikation „Hartung – Estampes/Druckgraphik“, die erstmals seit dem Erscheinen des ersten gedruckten Werkverzeichnisses der Druckgraphik Hartungs vor 45 Jahren einen umfassenden Einblick in die Entwicklung und Vielfalt von Hartungs Druckgraphik bietet. Er beinhaltet nicht nur zahlreiche Fotografien, die den Künstler in der Druckerwerkstatt zeigen – etwa bei Erker-Presse in St. Gallen –, sondern auch eine ausführliche Biographie, die Hartungs Leben als Druckgraphiker erstmals in den Mittelpunkt stellen.
Die Publikation entstand in Kooperation des Kupferstichkabinetts mit der Bibliothèque nationale de France, Paris, und dem Kabinett der Grafischen Künste der Musées d’art et d’histoire der Stadt Genf. Auch diese Institutionen wurden in diesem und im letzten Jahr mit großen Graphik-Schenkungen von der Fondation Hartung-Bergman bedacht.
Parallel zur Ausstellung in Berlin wird die Fondation Hartung-Bergman (www.estampeshartung.com) zudem das von Rainer Michael Mason erarbeitete Online-Werkverzeichnis der Druckgraphik Hartungs zur allgemeinen Nutzung freischalten.
Preis im Museum 39,- €.
Ausstellungsraum des Kupferstichkabinetts
Geöffnet: Di–Fr 10–18 h, Sa + So 11–18 h.
Eine Ausstellung des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin, zu sehen vom 30. Juli 2010 bis 10. Oktober 2010, in Zusammenarbeit mit Fondation Hartung-Bergman, Antibes.
Eröffnung Do 29. Juli 2010, 19 Uhr, Kulturforum Potsdamer Platz
Eingang: Matthäikirchplatz, Zentrale Eingangshalle, 10785 Berlin-Tiergarten
Zur Eröffnung erwarten Sie
Norbert Zimmermann
Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
S. E. Bernard de Montferrand
Botschafter der Republik Frankreich
François Hers
Direktor der Fondation Hartung-Bergman, Antibes
Holm Bevers
Stellvertretender Direktor des Kupferstichkabinetts
Andreas Schalhorn
Referent für moderne und zeitgenössische Kunst am Kupferstichkabinett, Kurator der Ausstellung
Medienmitteilung
Staatliche Museen zu Berlin
Stichwörter / Tags: Berlin, Druckgraphik, Hans Hartung, Informel, Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin
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