ERWIN WURM: LIQUID REALITY
25. März – 6. Juni 2010
Kunstmuseum Bonn
Erwin Wurm (*1954), der zu den international erfolgreichsten österreichischen Künstlern gehört, bewegt sich in den Grenzbereichen zwischen Skulptur, Aktion und Performance und hat damit das Feld der Bildhauerei um entscheidende Akzente erweitert. Alles kann bei dem in Wien lebenden Künstler zur Skulptur werden: Handlungen, geschriebene oder gezeichnete Anweisungen, selbst ein Gedanke. Von seinen frühen Staubskulpturen über die One Minute Sculptures bis hin zu den Raum füllenden Fat Cars und Fat Houses spannt sich ein breiter Bogen, hinter dessen vordergründig skurril-witziger Oberfläche sich pointierte Gesellschaftskritik ebenso wie philosophische Tiefe verbergen.
Das Kunstmuseum Bonn untersucht dieses lustvoll ausufernde Werk im Hinblick auf den Umgang des Künstlers mit dem individuellen und kollektiven Identitätsbegriff unserer Gesellschaft. Die konzentrierte Werkauswahl, die von den frühen 90er Jahren bis ins Jahr 2009 reicht, zeigt einen künstlerischen Kosmos, der in seinem Kern unsere menschliche Existenz als ein zwischen Lächerlichkeit und Tragödie balancierendes absurdes Spiel begreift.
Angefangen bei den Staubskulpturen über die Pulloverobjekte bis hin zu den One Minute Sculptures, den Mind Bubbles (2007) oder den Strickbildern (2008), ist der Körper, auf den sich Erwin Wurm stets bezieht, zugleich die zentrale Leerstelle in seinem Werk. Je mehr Schichten an Kleidung den Körper umgeben und je mehr der Künstler in seine Öffnungen hineinsteckt, umso deutlicher wird, dass Körper und Ich nicht mehr souverän auftreten, sondern stattdessen ausweglos in der Hüllenhaftigkeit ihrer sozialen Existenz gefangen sind.
Den Aporien, die dieses Werk produziert, begegnet der Künstler mit den Stilmitteln der Groteske, der Lächerlichkeit, der Übertreibung und vor allem der Paradoxie. In der Wurm’schen Welt existiert das Ich vor allem durch die Zumutungen, die es von außen erfährt, durch seine sozialen und materiellen Determinierungen. Dabei verstricken sich Körper und die auf ihn bezogenen Gegenstände stets in tiefe, unauflösliche Abhängigkeiten. Mit seinen konsequent ins Absurde weitergedachten Körperbildern zeigt Wurm im wörtlichen Sinn die Perversion der menschlichen Existenz: Eine Verdrehung, eine Umkehrung, welche die Subjekte zu marionettenhaften Sklaven ihrer Objekte macht.
Erwin Wurms Werk ist aber darüber hinaus eine Reflexion wesentlicher, aber entscheidend gegen den Strich gebürsteter kunstgeschichtlicher Epochenphänomene wie Ready Made, Objet-trouvé, Performance und Konzept-Kunst. Dies gilt nicht zuletzt für den Wiener Aktionismus, den er zugleich ernst nimmt und ironisch kontert, indem er den Körper als zentralen Bezugspunkt seiner Arbeit inszeniert und ihn zugleich buchstäblich aushöhlt. Wurms immer human grundierter Sarkasmus zeigt uns das menschliche Leben als Einübung und Fügung in das Unabänderliche.
Zur Ausstellung erscheint ein 336 Seiten umfassendes Künstlerbuch im DuMont-Verlag mit Essays von Helmut Friedel, Franz Schuh, Stephan Berg und anderen zum Preis von 35 Euro.
Die in Kooperation mit der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München entstandene Ausstellung ist im Anschluss an die Bonner Station im Museum Sammlung Essl in Klosterneuburg bei Wien und im Ullens Center for Contemporary Art Beijing, China zu sehen.
Begleitprogramm zur Ausstellung
Mittwoch, 28. April 2010, 19 Uhr Querpass: Prof. Dr Markus Gabriel, Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit, spricht über das Werk Erwin Wurms
Mittwoch, 19. Mai 2010, 19 Uhr Im Dialog: Führung mit Dr. Gerhard Finckh, Direktor des Von der Heydt-Museums, Wuppertal, und Prof. Dr. Stephan Berg.
Pressekonferenz: 23. März 2010, 11 Uhr (Vorbesichtigungen nach Terminvereinbarung)
Eröffnung: 24. März 2010, 20 Uhr
Laufzeit: 25. März - 6. Juni 2010
Medienmitteilung
Kunstmuseum Bonn