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wechselausstellungen.de | 30. Juni 2010

Mike Bouchet - Neues Wohnen

1. Juli – 12. September 2010
Schirn Kunsthalle Frankfurt

Der seit 2004 in Frankfurt lebende US-amerikanische Künstler Mike Bouchet hinterfragt seit den frühen 1990er-Jahren in seinen Arbeiten gesellschaftliche Prozesse und Strukturen und bedient sich dazu unterschiedlichster Medien wie Gemälde, Skulpturen, Installationen, Aktionen, Performances und Videos. Im Vordergrund der künstlerischen Arbeit stehen gesellschaftliche und politische Fragestellungen, die um Themen wie Besitz, Konsum, Kapitalismus und Sex kreisen, aber auch die eigene Rolle als Künstler beleuchten. Nach der Teilnahme Mike Bouchets an der 53. Biennale di Venezia (2009) zeigt die Schirn vom 1. Juli bis 12. September 2010 erstmals in Deutschland neue Arbeiten des Künstlers im Rahmen einer Einzelausstellung. Im Zentrum der Schau steht die Arbeit „Sir Walter Scott“, eine 15-teilige Skulpturengruppe, die aus der Arbeit „Watershed“ hervorging, die Mike Bouchet im Rahmen der Biennale im Hafenbecken des Arsenale in Venedig realisierte. Ergänzt um weitere Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke präsentiert die Schirn unter dem Titel „Neues Wohnen“ eine Reihe von Arbeiten, die sich mit Fragen der Urbanität, mit (Wohn-)Träumen und Utopien menschlichen Zusammenlebens auseinandersetzen.

Mike Bouchet, 1970 im US-amerikanischen Castro Valley in Kalifornien geboren, verbrachte seine Jugend sowohl in den Vereinigten Staaten als auch über einen Zeitraum von fünf Jahren in Spanien. Die Rückkehr in die USA empfand der Künstler als prägendes Erlebnis: Sensibilisiert durch seinen Aufenthalt im europäischen Ausland nahm Bouchet die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der USA mit dem Blick des Außenstehenden wahr und realisierte deren Brüche umso schärfer. Bereits während seines Studiums an der UCLA (University of California, Los Angeles, 1990–1993), unter anderem bei Charles Ray, Chris Burden und Paul McCarthy, beschäftigte sich Mike Bouchet in seiner künstlerischen Arbeit mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen wie Besitztum, Sex oder Konsum und spürte Fragen nach dem Entstehen individueller Fantasien, der Entwicklung von Modetrends oder dem Aufkommen von Populärkulturen nach.

Im Rahmen der 53. Biennale di Venezia (2009) fand die bisher spektakulärste Installation Mike Bouchets statt, die gewissermaßen als Prolog für die Ausstellung „Neues Wohnen“ in der Schirn gesehen werden kann und das Thema des Eigenheims beleuchtete. Ein bei Forrest Homes in Selinsgrove, Pennsylvania, gekaufter Holzbausatz für ein Einfamilienhaus wurde anlässlich der Biennale schwimmfähig gemacht und im Hafenbecken des Arsenale in Venedig installiert. Das für US-amerikanische Vorstädte typische Eigenheim des Typs „Sir Walter Scott“ symbolisiert für Bouchet den Traum von Eigenständigkeit und Individualität, ist jedoch gleichzeitig auch eine Art kommerzielle Illusion, die dem Besitzer lediglich ein bestimmtes Lebensgefühl und den Traum von Freiheit und Eigenständigkeit suggeriert. Vor dem Hintergrund der Altstadt Venedigs wirkte die Architektur des Hauses wie ein Fremdkörper, behauptete sich jedoch gleichsam als Modell für eine mögliche Erweiterung der Besiedelung der Stadt und darüber hinaus als Entwurf globalen Lebens auf dem Wasser. Doch der Traum von „Neuen Wohnen“ währte nicht lange: bereits am ersten Tag versank das Haus zu zwei Dritteln im Wasser. Bouchet hatte sich diesen Teil nicht ausgedacht, sprach jedoch daraufhin von einer Signatur, mit der seine Arbeit durch den Zufall des Unfalls versehen worden sei. Nach Ablauf der Biennale wurde das Haus transportfähig zerlegt und in Stapeln auf etwa 15 gleich große Paletten verteilt. Zerstört und transformiert entstand auf diese Weise die neue Skulpturengruppe mit dem Titel „Sir Walter Scott“. Dass es sich hierbei um ein komplettes Haus handelt, ist anhand der geschichteten Quader kaum mehr erkennbar. Bouchet hat an ihnen wie ein Bildhauer gearbeitet, Material hinzugefügt und entfernt, von einem Stapel auf den anderen umgeschichtet und irgendwann die Skulpturen, die allegorisch auf ihre ursprüngliche Bedeutung als Teile des Hauses zurückweisen, für beendet erklärt.

Innerhalb der Ausstellung ergeben die Bauteile, die auf ausgewählte Teppiche gestellt wurden, unterschiedliche gedankliche Konzepte für neue, visionäre Wohnsituationen. Der Teppich, den Michel Foucault als „so etwas wie einen im Raum mobilen Garten“ (Andere Räume, 1967) beschreibt, reicht bis weit in die Kulturgeschichte der Menschheit zurück und erfüllte jeweils unterschiedliche gesellschaftlich-kulturelle Funktionen. Für orientalische Nomaden entsprach der Teppich ihrer mobilen Behausung und markierte darin selbst die Zelteingangstür. Alexander der Große brachte Orientteppiche von seinen Asienfeldzügen mit ins Abendland. Persische beziehungsweise orientalische Teppiche sind einem Garten analog heilige Mikrokosmen, in deren Mitte der Nabel der Welt liegt und deren vier Ecken die vier Weltteile symbolisieren: Afrika, Amerika, Europa und Asien. Sowohl die Motive der Teppiche, ihre Herstellung als auch der Prozess ihrer Auswahl, die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Modell ergänzen die Skulpturengruppe um eine zusätzliche gedankliche Ebene. Ein weiterer Raum innerhalb der Ausstellung, der die Anmutung eines Maklerbüros hat, beherbergt Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skulpturen, die Bouchets assoziative, sprunghafte und dislozierende Karte neuer Wohnräume und -formen ergänzt. In der Rotunde der Schirn wird eine weitere Installation des Künstlers gezeigt.

In seinem gesamten künstlerischen Schaffen greift Mike Bouchet kontinuierlich gesellschaftliche Fragestellungen auf. 1995 knüpfte der Künstler mit „My Toothbrush is Your Toothbrush“ an den in den 1960er-Jahren an der Westküste der USA gelebten Mythos der Hippiekommunen und die in diesem Zusammenhang propagierte „freie Liebe“ an. Im Rahmen eines über drei Jahre fortlaufenden Happenings hinterfragte Bouchet die Mechanismen dieses utopischen Entwurfs des Zusammenlebens, indem er beliebige Gäste dazu einlud, auf einem als Skulptur gebauten 17,5 Meter langen Futon in seinem Atelier ohne zeitliche Begrenzung zu schlafen und zu leben. Dazu stattete er die Bewohner mit identischen weißen Morgenmänteln, Essen und Marihuana aus. Nach seinem Umzug nach New York (2001) machte der Künstler erneut sein eigenes Studio zum Mittelpunkt eines Kunstprojekts. Für „Warsaw Travel/Travel Warsaw“ richtete er ein voll funktionsfähiges Reisebüro mit Computer-Terminals, eigens gestalteten Reiseplakaten und Urlaubsprospekten ein. Flugreisende konnten ihre Buchung vornehmen, mussten allerdings bei jedem ihrer Flüge einen Zwischenstopp in Warschau einlegen. Dort wurden die Transitpassagiere von einem Fotografen abgelichtet. Hinter dem Projekt verbarg sich die Intention, bewusst abseits des internationalen Luftverkehrs ein neues Drehkreuz für den Flugverkehr einzurichten und Warschau eine neue Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt zuzuschreiben. Immer wieder greift Mike Bouchet Prozesse des Wirtschaftskreislaufs wie Konsumideen, Marketingstrategien oder Outsourcingvorgänge auf. Ob er für „My Cola Lite“ (2004) eine eigene Diät-Cola-Rezeptur entwickelte und abfüllen ließ, um sie nach China zu verschiffen und dort kostenlos verteilen zu lassen, oder für „Carpe Denim“ (2004) eigene Jeans entwarf, diese in Kolumbien produzieren und dann über der Stadt abwerfen ließ, Mike Bouchet findet in seinen Aktionen, Installationen und Skulpturen stets prägnante Bilder für komplexe ökonomische und kulturelle Zusammenhänge und die damit verbundenen Begehrlichkeiten.

Seine Projekte sind Modelle einer gleichzeitig realen und fiktionalen Wirklichkeit. „You cannot alter your place in the world without first altering your image of the world.“ Man müsse, so Bouchet, zuerst sein Bild von der Welt verändern, ehe man seinen Platz in der Welt ändern kann. Bouchets Interesse liegt in der Wirkung von Bildern und den durch sie erzeugten gesellschaftlichen Bedürfnissen. Um dies zu erreichen, genügen ihm in vielen Fällen minimale Verschiebungen von Kontexten.

Mike Bouchets Werke wurden in Einzelausstellungen unter anderem in der BAWAG Contemporary, Wien (2010), im Rahmen der Frieze Projects, Frieze Art Fair, London (2009), im Kunstraum Innsbruck (2005) sowie in Galerien in Frankfurt, Paris, London, New York und Los Angeles gezeigt. Solopräsentationen einzelner Arbeiten fanden im Centre Georges Pompidou, Paris, und im MoCA, Los Angeles (2007), statt. Im Jahr 2009 nahm Mike Bouchet mit der Installation „Watershed“ an der 53. Biennale di Venezia teil. Im Rahmen von Gruppenausstellungen wurden Arbeiten des Künstlers unter anderem in der Galeria de Fundación/ Colección Jumex, Mexico City (2010), der Kunsthalle Bern (2009), im CAPC musée d’art contemporain de Bordeaux (2009), im Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo (2008), im Palais de Tokyo, Paris (2006), in der Serpentine Gallery, London (2006), und im P.S.1 Contemporary Art Center, New York (2005), gezeigt.

KATALOG: Mike Bouchet. Neues Wohnen. Herausgegeben von Matthias Ulrich und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und einem Text von Matthias Ulrich. Deutsch-englische Ausgabe, 64 Seiten, ca. 50 Abbildungen, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010, ISBN 978-3-86560-760-7, Preis 14,90 € (Schirn) / 16,80 € (Buchhandel).

COLLECTOR’S EDITION: Limitierte Sonderedition, bestehend aus Katalog und hochwertigem, von Mike Bouchet signiertem Kunstdruck in exklusiver Verpackung. Preis 39,80 €, Auflage 50 Stück.
Information: Tanja Kemmer, tanja.kemmer@schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-156.

ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt. DAUER: 1. Juli bis 12. September 2010. ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Fr–So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr. INFORMATION: www.schirn.de, E-Mail: welcome@schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82-240. EINTRITT: 3 €, ermäßigt 2 €; Kombiticket mit der Ausstellung „Zelluloid. Film ohne Kamera“ 9 €, ermäßigt 6 €; Kombiticket mit der Ausstellung „Peter Kogler. Projektion“ 5 €, ermäßigt 3 €; Kombiticket mit den Ausstellungen „Zelluloid. Film ohne Kamera“ und „Peter Kogler. Projektion“ 12 €, ermäßigt 8 €. Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren. ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN: mittwochs, 19.30 Uhr; samstags, 18 Uhr. KURATOR: Matthias Ulrich (Schirn). KULTURPARTNER: hr2-kultur. KATALOG GEFÖRDERT DURCH: Fazit-Stiftung.

Medienmitteilung
Schirn Kunsthalle Frankfurt

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