Wechselausstellungen.de

Kunstausstellungen und Pressenews aus Kunstmuseen, Kunsthallen und Galerien
Anzeige
Anzeige
wechselausstellungen.de | 15. Februar 2010

Uwe Lausen. Ende schön Alles schön.

4. März – 13. Juni 2010
Schirn Kunsthalle Frankfurt

Uwe Lausens Werk zählt zu den stärksten, jedoch bislang immer noch wenig bekannten Positionen der figurativen Malerei der 1960er-Jahre in Deutschland. Anlässlich seines vierzigsten Todestags im Jahr 2010 widmet die Schirn dem mit 29 Jahren durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Autodidakten eine große Überblicksausstellung. Innerhalb von nur neun Jahren schuf Lausen ein von rasanten Entwicklungssprüngen gekennzeichnetes künstlerisches Werk, in dem er auf überzeugende Weise den ab 1964 aus England und Amerika einbrechenden Einfluss der Pop-Art in eine sehr eigene und zeitgemäße Sprache übersetzte. Dabei ging es ihm nicht um die Schilderung der banalen Konsumwelt, sondern um die schonungslose Darlegung menschlicher und gesellschaftspolitischer Dramen. In verzweifelt aggressiver Form, die sich in seinen Arbeiten in einem kühlen Realismus niedergeschlagen hat, übte Lausen Kritik an den gesellschaftlichen Zwängen der Zeit und nahm dabei Tendenzen vorweg, die im Deutschen Herbst offen zutage traten. Gleichzeitig entwickelte er eine markante und kontrastreiche Bildsprache, die aus heutiger Sicht höchst aktuell ist und ein jüngeres Publikum ebenso begeistert wie Lausens eigene Generation. Die Ausstellung in der Schirn umfasst neben 50 Gemälden und ebenso vielen Arbeiten auf Papier auch einen der Wohnsituation des Künstlers nachempfundenen Raum. Hier werden Aufnahmen von Uwe Lausen mit dem Musiker Hans Poppel und Texte des Künstlers zu hören sowie Fotografien seiner Ehefrau, der Fotografin Heide Stolz, zu sehen sein.

Uwe Lausen wird 1941 als Sohn des späteren SPD-Politikers und Bundestagsabgeordneten Willi Lausen in Stuttgart geboren. Schon früh beginnt die Rebellion des Einzelgängers gegen seine Umwelt. Zunächst richtet sie sich gegen die Schule und das Elternhaus, später gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in den Sechzigerjahren. Uwe Lausens ursprüngliches Ziel war es, Schriftsteller zu werden. So unterschreibt er bereits 1957 Briefe in der für ihn typischen Mischung aus Hybris und Wissen um die eigene Begabung mit „Uwe Lausen (der Autor)“. Ein Philosophie- und Jura-Studium – zunächst in Tübingen, später in München – bricht der musisch, künstlerisch und intellektuell Hochbegabte nach nur wenigen Monaten ab. Kurze Zeit wirkt er an der gemeinsam mit seinem Schulfreund Frank Böckelmann 1961 in München gegründeten Literaturzeitschrift „ludus“ mit. Bald jedoch verlagert sich Lausens Interesse hin zur Malerei. Grund dafür mag die beginnende Freundschaft mit den Malern der Münchner Künstlergruppe SPUR (1957–1965) um Lothar Fischer, Heimrad Prem, Helmut Sturm und HP Zimmer gewesen sein. Über SPUR tritt Lausen in Kontakt zur „Situationistischen Internationale“ (1957– 1972), der zu jener Zeit revolutionärsten und international aktiven Vereinigung von Künstlern, Literaten, Architekten und Filmemachern in Europa unter der Führung von Guy Debord und Asger Jorn. Die frühen Gemälde Lausens aus den Jahren 1961 und 1962 zeugen stark von diesem künstlerischen Umfeld, aus dem er besonders die informell-figurativen Ansätze Asger Jorns und der Gruppe SPUR für sich geltend machte.

Ab 1963 beginnt eine Phase des Experimentierens, innerhalb der Lausen sein Orientierungsfeld stark erweiterte. Dabei bedient er sich oft der Gestaltungselemente anderer Maler, um sie ungeniert gegeneinander ins Bild zu setzen. So wird der expressionistische Gestus durch eine brüchige Ornamentik, die Friedensreich Hundertwasser zum Vorbild nimmt, gezügelt. Lausen bleibt fasziniert vom menschlichen Körper, seiner Fähigkeit, Lust und Qualen auszudrücken, und sucht Anregungen bei Francis Bacon. Die Ergebnisse dieser intensiven Auseinandersetzung finden sich zunächst in den brutal verstümmelten „Körperklumpen“ von 1964 und 1965 wieder. Abstrakt biomorphe Formen kollidieren mit realistisch gemalten Details. Die Leinwände werden in rechteckige Bildfenster geteilt. Unvermittelt finden sich abstrakte Ornamente über dem Ganzen, so als hätte jemand das Gemälde mit einem Stempel entwerten wollen. Die Beschäftigung mit dem Thema Fleisch und Körper bleibt für Lausens Werk phasenübergreifend relevant, ebenso wie beispielsweise das Interesse für ornamentale Strukturen, für Gewalt oder für das Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion. Mit diesen Techniken, die das Spannungsfeld Malerei bis zu seinen Grenzen ausloten, erarbeitet er sich ein höchst eigenständiges Formenrepertoire.

1965/66 bricht Lausen, der immer wieder zwischen intensiven Arbeitsphasen, Drogenexzessen und psychischen Tiefs, zwischen Empfindsamkeit und Aggression pendelt, mit seiner bisherigen Bildsprache und führt einen kühlen Realismus in sein Werk ein. Seine Kritik an der Gesellschaft und der Versuch, Widersprüche und Spannungen in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft aufzudecken, finden sich in seinen Bildern wieder. Dabei kristallisieren sich Themenkomplexe wie „Der Künstler als Killer“, „Faszination Sex und Gewalt“ oder „Das Wohnzimmer als Tatort“ heraus. Das Wohnzimmer deutscher Neubauwohnungen – immer wieder durch Blümchentapeten, Sitzmöbel und dicke Teppiche angedeutet – bleibt dabei nicht nur verhasstes Substitut für das vor Biederkeit erstarrende Wirtschaftswunder. Spätestens ab 1967 wird es gleichsam Ort des Verbrechens, des Mordes, Selbstmordes und der Vergewaltigung.

Nur wenige Monate bevor der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten niedergeschossen wurde, arbeitete Lausen an einer Serie von „Soldatenbildern“. Sie zeigt schwarz-weiß kontrastierte uniformierte Söldner, die mit Maschinengewehren um sich schießen. Bildtitel aus dieser Zeit lauten „Der deutsche Killer“, „Jagd auf das letzte Fleisch“ oder „Der weinende General“. Zahlreiche Fotos von Lausens Frau Heide Stolz aus der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre atmen dieselbe kühle bis coole Gewaltfaszination, die nichtsdestotrotz als scharfe Kritik an staatlicher Willkür und Repression zu verstehen ist. Uwe Lausen wiederum orientierte sich – sowohl im Hinblick auf Bildperspektiven als auch auf bestimmte Personentypen – an den Fotos seiner Frau. In der Wahl der Stile und Farben ist Lausen spätestens ab 1965 am Pulsschlag seiner Zeit. Als gerade eine klare, an der Pop-Art orientierte Bildsprache, die international zum visuellen Markenzeichen der jungen Generation werden sollte, im Entstehen begriffen ist, arbeitet er schon selbstverständlich mit deren Vokabular. Die Reduktion auf reine Licht- und Schattenmalerei lässt das Dargestellte flächig erscheinen, ungewöhnliche Perspektiven und Verzerrungen bringen die dargestellten Räume ins Schwanken oder lösen sie zugunsten monochromer Flächen auf. Die verschiedenen Handlungsebenen werden parallel und oftmals ohne kausalen Zusammenhang wiedergegeben. Intensive ungemischte Farben schaffen in Kombination mit Schwarz und Weiß Distanz zur Wirklichkeit.

1968 zieht Uwe Lausen zusammen mit seiner Frau Heide und den beiden Töchtern Lea und Jana in eine Wohnung nach München. Sein Atelier im gemeinsamen Bauernhof in Aschhofen hat er bereits 1967 aufgegeben. In München entstehen nun die Arbeiten der letzten Phase seines künstlerischen Werks. Der Maler verabschiedet sich zunehmend von der bislang im Mittelpunkt seines Interesses stehenden Beschäftigung mit der menschlichen Figur. Gegenstände wie Tuben, Rohre, Wasserhähne, Kloschüsseln und Waschbecken sind die fortan dominierenden Motive. In Flachheit und Reduktion künstlerisch scheinbar zu einem Endpunkt gekommen, gibt Lausen das Malen spätestens 1969 vollständig auf, um in stundenlangen, teils meditativen Improvisationssessions zusammen mit dem späteren Kinderbuchillustrator und Pianisten Hans Poppel Musik zu machen. Doch sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, und als ihn seine Frau nach mehreren kürzeren Trennungsphasen endgültig verlässt, sehen Freunde den letzten Rettungsanker in einem Auftrag für das Bühnenbild zu Peter Steins Skandalinszenierung von Edward Bonds Early Morning (1969) am Schauspielhaus Zürich. Nach rastlosen, von Verfolgungswahn geprägten letzten Monaten, unter anderem in Zürich, Sankt Gallen, München, Frankfurt und Darmstadt, nimmt sich Uwe Lausen, der zu diesem Zeitpunkt wegen Drogendelikten polizeilich gesucht wurde, im September 1970 im Haus seiner Eltern in Beilstein bei Stuttgart das Leben. Doch selbst wenn dieser Suizid Folge gesellschaftlicher Defizite sowie individueller psychischer Probleme und des verstärkten Missbrauchs von Drogen war, war er doch auch Ausdruck einer uns heute aufgrund ihrer Radikalität faszinierenden geistigen Haltung und wäre vielleicht nicht vollzogen worden, hätte der Künstler ihn nicht schon unzählige Male in Schrift und Bild vorweggenommen: „das ende meiner person ist genauso unvermeidlich wie das ende der menschlichen gesellschaft. und so wie die menschheit werde auch ich meine endgültige bestätigung im endgültigen ende finden. [...] der sieg ist unvermeidlich.“

Eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Kooperation mit dem Museum Villa Stuck, München, und der Sammlung Harald Falckenberg, Hamburg.

Weitere Stationen: Museum Villa Stuck, München (25. Juni – 3. Oktober 2010), Sammlung Falckenberg, Hamburg (22. Oktober 2010 – 23. Januar 2011).

KATALOG: Uwe Lausen. Ende schön Alles schön. Herausgegeben von Selima Niggl, Pia Dornacher, Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein, Michael Buhrs und Harald Falckenberg sowie Texten von Margrit Brehm, Justin Hoffmann, Axel Hinrich Murken und Selima Niggl, 132 Seiten, 130 Abbildungen, Hachmannedition, Bremen 2010, ISBN 978-3-939429-76-0, Preis 24,80 € (Schirn und Buchhandel).
WERKVERZEICHNIS: Zur Ausstellungstour erscheint im Juni 2010 ein von Selima Niggl erarbeitetes Werkverzeichnis der Gemälde von Uwe Lausen.

Pressevorbesichtigung: Mittwoch, 3. März 2010, 11.00 Uhr

ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt. DAUER: 4. März – 13. Juni 2010. ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Fr–So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr. INFORMATION: www.schirn.de, E-Mail: welcome@schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82- 240. EINTRITT: 7 €, ermäßigt 5 €, Familienticket 14 €; Kombiticket mit der Ausstellung „Georges Seurat. Figur im Raum“ 13 €, ermäßigt 9 €; Kombiticket mit der Ausstellung „Zelluloid. Film ohne Kamera“ 12 €, ermäßigt 8 €; Kombiticket mit den Ausstellungen „Georges Seurat. Figur im Raum“ und „Eberhard Havekost. Retina“ 14 €, ermäßigt 10 €. Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren. ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN: Mi 19 Uhr, Do 20 Uhr, Sa 17 Uhr, So 17 Uhr. KURATORINNEN: Selima Niggl (München), Dr. Pia Dornacher (München). PROJEKTLEITER: Matthias Ulrich (Schirn). MEDIENPARTNER: Frankfurter Rundschau, konkret – Zeitschrift für Politik & Kultur, Journal Frankfurt. KULTURPARTNER: hr2-kultur.

Medienmitteilung
Schirn Kunsthalle Frankfurt

Anzeige

Die Nutzung der Kommentierungsfunktion ist als Gast ohne Registrierung möglich. Nach Eingabe eines Nutzernamens und einer E-Mail-Adresse können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Alternativ können Sie sich bei Disqus registrieren oder sich über Ihre Facebook-, Twitter-, Google-, Yahoo- oder OpenID-Accounts anmelden.
blog comments powered by Disqus