Body and Soul. Menschenbilder aus vier Jahrtausenden
21. März - verlängert bis 16. Januar 2011
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Christoph Gottfried Jüchtzer | Die drei Grazien, Meißen, Modell, um 1785 | Höhe: 42 cm, Biskuitporzellan, Markolinimarke | Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg | Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Fragen, die Menschen seit Jahrtausenden bewegen und immer neue Antworten suchen lassen. Der menschliche Körper als kleinste soziale Einheit, als Repräsentant von Ideen, Wünschen, Sehnsüchten, Personen und Kulturen ist bis heute ein bevorzugtes Motiv für Künstler, um das Wesen des Menschen und die Bedingungen des Menschseins immer wieder auszuloten. Anlässlich der Rekonstruktion des Hauptportals und der neu gewonnenen Sonderausstellungsfläche im Ostflügel nimmt „Body and Soul“ die Besucher mit auf eine Reise zu Menschenbildern aus vier Jahrtausenden. Die Ausstellung versammelt ausgewählte Meisterwerke des Museums für Kunst und Gewerbe und lenkt den Blick auf den außerordentlichen Reichtum, die Vielfalt und Qualität die Sammlungen des Hauses, die mit über 500.000 Objekten einen unvergleichlichen Fundus für Erzählungen über den Menschen bieten. Mehr als 100 Exponate aus den Abteilungen Antike, China, Japan, Islam, Europäisches Kunsthandwerk, Grafik, Fotografie, Mode und Möbeldesign verlassen für die Ausstellung ihren Platz in der kunsthistorischen Chronologie und fügen sich zu einem thematischen Parcours rund um das Bild des Menschen – den Urheber und der Mittelpunkt von „Kunst und Gewerbe“. Sie spiegeln den Umgang mit existenziellen Themen wie Geburt, Leidenschaft, Schönheit, Spiel, Kampf, Individualität, Verehrung und Tod wider und laden ein zu einer Spurensuche und zum Entdecken von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Auffassung vom Körper und von der Seele in den verschiedenen Kulturen bis heute. „Body and Soul“ bietet einen ungewöhnlichen Blick auf die Sammlung – spielerisch, assoziativ und an die Phantasie des Betrachters appellierend.
Die Ausstellung beginnt mit der Frage nach dem Ursprung des Menschen und nach der Bedeutung von Schöpfung und Geburt. Seit der Steinzeit sind weibliche Idole mit ausladenden Körperproportionen bekannt, die Fruchtbarkeit symbolisieren. Weil das Thema von Menschwerdung und Muttersein in seinem gesamten Spektrum so grundlegend ist, wird es auch in vielen Religionen zu einem göttlichen Schöpfungsmythos überhöht. Das Motiv der fürsorglichen Mutterfigur mit einem Kind im Arm findet sich in nahezu allen Kulturen und Zeiten. Christliche Muttergottes-Darstellungen stehen für die Verehrung der Jungfrau Maria und die mütterliche Fürsorge im Allgemeinen. Im alten Ägypten symbolisierte die stillende Göttin Isis mit dem Horusknaben auf ihrem Arm den familiären Schutz. Diese Ikonografie nimmt Darstellungen der Maria mit Jesuskind vorweg. Ein Teil der Forschung hält es für möglich, dass sich der Marienkult aus dem bis in christliche Zeit verbreiteten Isis-Glauben entwickelt hat. Der italienische Designer Gaetano Pesce setzte mit seinem roten Sessel „Donna UP 5“ (1960), der den Körperformen einer gebärenden Frau nachempfunden und mit einer Kette an das Kind „Bambino UP 6“ gebunden ist, das weibliche Prinzip der Fruchtbarkeit in den Kontext der neuen Rolle der modernen Frau, für die die Mutterrolle auch eine Einschränkung ihrer neu gewonnenen Selbständigkeit bedeuten kann.
Das zweite Kapitel beleuchtet die Facetten menschlicher Leidenschaften und die Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Leidenschaft ist eine zielgerichtete Energie, aber auch ein unbezwingbarer Trieb. Sie meint Liebe und Begehren ebenso wie besitzergreifende Besessenheit und bringt oft Schmerz mit sich – ein Aspekt der Leidenschaft, der ausschließlich in der deutschen Sprache im Wort selbst enthalten ist. Die Elfenbeinskulptur „Adam und Eva nach der Vertreibung aus den Paradies“ von Leonard Kern von 1645/50 zeigt das erste Menschenpaar bei der Flucht aus dem Paradies. Dieses Meisterwerk der barocken Elfenbeinkunst thematisiert Angst, Schuld und Sühne, veranschaulicht aber auch das aufkommende Interesse an menschlichen Emotionen und deren pathetischer Darstellung in der Kunst des Barock. Zu sehen ist hier auch ein Fächer von Oskar Kokoschka aus dem Jahre 1913, der die obsessive Leidenschaft versinnbildlicht, die er für Alma Mahler empfand. Ein japanischer Holzschnitt aus dem 18. Jahrhundert, der ein Liebespaar in intimer Umarmung zeigt, wird mit einer Fotografie des zeitgenössischen Fotografen Nobuyoshi Araki in Beziehung gesetzt, die eine junge Japanerin in Bondage-Fesseln zeigt. Beide Bilder sind Inszenierungen erotischer Sehnsüchte und zeugen von Umgangs- und Darstellungsformen der Sexualität in unterschiedlichen Kulturen.
Das Schöne ist von Idealen abhängig, die sich mehrheitlich auf das Aussehen des menschlichen Körpers und Gesichts beziehen. Um wandelnden Schönheitsidealen zu entsprechen, werden seit jeher am Körper selbst oder mit Hilfe von Kleidung und Schmuck Veränderungen vorgenommen. Dabei sind nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Indikatoren ausschlaggebend. Wurde Schönheit in vielen Kulturen und durch alle Zeiten meist nur mit körperlichen Merkmalen und Proportionsverhältnissen verbunden, hat sich dies in der Moderne gewandelt: Unabhängig von der äußeren Gestalt wurde die Schönheit des Geistes und der Seele entdeckt. In der antiken Tradition der Darstellung anmutiger weiblicher Schönheit steht die klassizistische Figurengruppe der drei Grazien aus Biskuitporzellan von Christoph Gottfried Jüchtzer. Das Sujet bot Künstlern die Gelegenheit, den weiblichen Akt in mehreren Ansichten gleichzeitig zu inszenieren. Dass dieses klassische künstlerische Motiv aber auch noch im 20. Jahrhundert präsent blieb, zeigt die Fotografie dreier afrikanischer Frauen als die drei Grazien in „Three Girls, Dahomey“ (1967) von Irvin Penn. Schönheit als gesellschaftliche Vorstellung definiert gleichzeitig aber auch das Andere, Fremde. In der Ausgrenzung und Definition des „Schlechten“, „Üblen“ als das Nicht-Schöne kann das jeweils herrschende Schönheitsideal als Ausdruck der eigenen Identität und als Abgrenzung zu anderen Kulturen gelesen werden.
Der Aspekt „Spiel“ vermittelt die unterschiedlichen spielerischen kulturellen Praxen, etwa als beispielhafte Abbildung der Erwachsenenwelt für Kinder oder als temporäre Flucht aus der Realität bei Erwachsenen. Darstellendes Spiel im Theater diente schon in der Antike nicht nur der Unterhaltung, sondern sollte im Nachempfinden innerer Konflikte und Leidenschaften eine Reinigung der Seele bewirken. Das traditionelle japanische Nô-Theater setzte Nô-Masken zur Steigerung der „geheimnisvollen Anmut“ (yûgen) ein, durch das intuitiv das Geheimnis allen Seins erfasst und Raum und Zeit für einen Augenblick aufgehoben werden sollte. Spiel als Bestandteil von Festen erlaubte es den Beteiligten, für einen Moment gesellschaftliche Regeln zu brechen, aber auch, sich in heiteren Zeiten an die Grundkonstanten des menschlichen Seins zu erinnern. So sollte ein kaum zwei Zentimeter kleiner silberner Totenkopf die Gäste von Trinkgelagen im Späthellenismus spielerisch daran erinnern, wie vergänglich der Überfluss und das Leben sind. Nicht zuletzt sind es auch die Künstler, die eine starke Affinität zum Spiel haben. Lyonel Feininger begibt sich etwa mit seiner Spielzeugstadt, die er für seine Kinder geschnitzt und bemalt hat, in die Welt des Kinderspiels und karikiert gleichzeitig die enge Welt deutscher Kleinstädte.
Kampf ist ein Phänomen, das alle Völker teilen. Menschen kämpfen, um Macht zu gewinnen, um zu erobern und Mitbewerber auszuschalten. Sie führen Kriege und reißen ganze Nationen in den Abgrund. Zwar sehnt sich der Mensch nach Frieden, doch vor die Sicherheit stellt er den Kampf, wenn es sein muss, auf Leben und Tod. Auf einer höheren Ebene geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten oder Gott und Teufel. Die antike Kunst kennt viele historische und mythische Kampfdarstellungen, aber erst die Renaissance machte den Kampf zwischen Mensch und Gottheit zu einem zentralen Thema der bildenden Kunst. Eine Marmorskulptur des Mailänders Christoforo Solari von 1516/17 zeigt Herkules, einen der populärsten antiken Sinnbilder für siegreichen Kampf, als Bezwinger des Riesen Cacus. Der Sieg wird hier zur heroischen Pose eines vor Kraft strotzenden athletischen Körpers stilisiert. In den Weltreligionen ist das Gute dazu ausersehen, über das Böse zu siegen, wobei Schutzgottheiten und Heilige den Menschen zur Seite stehen. Die Darstellung des triumphierenden Erzengels Michael auf dem niedergeworfenen Satan ist ein Paradebeispiel für das Motiv des ewigen Gefechts zwischen Gott und Teufel. Anders als bei Herkules bedingt hier allerdings nicht die physische Überlegenheit den Sieg, sondern die Macht Gottes, die in den Attributen des göttlichen Boten repräsentiert ist: das Flammenschwert und das Schild mit dem christlichen Kreuzeszeichen zeichnen den Engel als einen Vertreter überirdischer göttlicher Kräfte aus.
Der Begriff der Individualität ist komplex in seiner historischen wie politischen Dimension. Der Egozentrismus der modernen westlichen Welt setzt die Säkularisierung der christlichen Religion voraus. „Gott ist tot“, stellte Friedrich Nietzsche zum Ende des 19. Jahrhunderts fest. Im Buddhismus gibt es kein konstantes Selbst, vielmehr ist im Kreislauf des Lebens alles von einem beständigen Werden, Wandeln und Vergehen bestimmt. Das Wort Portrait kommt vom Lateinischen „protrahere“: ans Licht ziehen, offenbaren. Es zeigt körperliche Merkmale und vermag Stellung, Charakter wie Persönlichkeit zu enthüllen. In der Kunstgeschichte führt ein langer Weg von der idealisierenden Herrscherdarstellung bis zum demokratischen, letztlich wohlfeilen fotografischen Konterfei für Jedermann. Das Bild vom „Ich“, das in der Kunstgeschichte durch das Portrait repräsentiert wird, zeigt körperliche Merkmale und vermag Stellung, Charakter, Persönlichkeit, gar das Wesen des Portraitierten zu enthüllen. Im Zuge der Aufklärung regte das körperliche Erscheinungsbild Johann Caspar Lavater zu vergleichenden physiognomischen Studien an, in denen er einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform, sowie Charakter und Geistesgaben konstruierte. Eine Portraitstudie von Daniel Chodowiecki, einem der bekanntesten deutschen Illustratoren des 18. Jahrhunderts, diente somit als Studienobjekt für den „Physiognomiker“. Das Studienblatt mit hässlichen und schönen, jungen und alten Köpfen zitiert italienische Vorbilder von Leonardo oder Annibale Carracci und zeigt, dass der künstlerische Blick auf Individualität auch immer von vorangegangenen Interpretationen menschlichen Aussehens geprägt ist.
Das Phänomen der Verehrung ist nicht nur allen Hochkulturen und Naturreligionen immanent, es wirkt auch weit in die Aufklärung und darüber hinaus in unsere säkularisierte Welt hinein. Reflektion von Leben und Werk der Objekte von Verehrung – auch derer, die gesellschaftlich gesetzt waren oder sind – kann Anstoß sein zur Nachahmung, Selbstvergewisserung, Orientierung für den Alltag bieten oder Trost bewirken. So versammelt das Kapitel Verehrung Objekte mit Kultstatus, stellvertretend für Personen und Ideen. Die Bandbreite reicht von der Volkskunst über die Antike bis zum politischen Kult und schließt auch die Marien- und Christusverehrung ein. Dass auch reine, unvergängliche Schönheit verehrenswürdig war und ist, repräsentiert der Kopf eines knabenhaften Engels, dessen androgyne Gesichtszüge den Charakter seines überirdischen Wesens offenbaren. Das berühmte Plakat „Viva Ché“, das das Konterfei des Revolutionärs von Ernesto “Che” Guevara in Schwarz auf roten Grund inszeniert, verkörpert den gegenwärtigen Personenkult. Als moderner Schmerzensmann wird der Revolutionär weltweit verehrt. Er litt für seine Ideale und wurde von seinen Widersachern ermordet. »Che« starb ungefähr im selben Alter wie jener Jesus von Nazareth.
„Der Tod im weitesten Sinne ist ein Phänomen des Lebens“, stellte Martin Heidegger fest und beschrieb damit das Wissen um den unabwendbaren Umstands des Todes, das sich in das existenzielle Bewusstsein des Menschen einschrieb. In der Menschheitsgeschichte ist der Tod und mit ihm auch das Sterben Reflexionsgegenstand aller Kulturen. Grabbeigaben und Schmückung der Toten belegen, dass der Tod nicht als End´- punkt, sondern als Bindeglied zu einem neuen individuellen Leben oder Übergang der in einen anderen Seinszustand verstanden wird. Erst mit der Aufklärung und der damit einhergehenden Säkularisierung der christlichen Religion änderte sich das Denken mit einer Gewichtung zugunsten des Individuums in der Gegenwart und damit des Lebens. Unmittelbarer Ausdruck des Todes wurde der Schädel: Bereits im 9. Jahrtausend v. Chr. sind Schädelkulte im Vorderen Orient nachzuweisen. Er findet sich als Reliquie in kunstvoll verzierten Reliquaren der christlichen Kirche des Mittelalters und dient seit der Renaissance als Vanitasmotiv, das die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens im Vergleich zur Unsterblichkeit der Seele symbolisiert. Der kürzlich verstorbene Modedesigner Alexander McQueen machte den Schädel als traditionelles Freibeutersymbol zu seinem Erkennungszeichen und ließ u.a auch auf Seidenschals drucken.
Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 128 Seiten, mit ca. 75 farbigen Abbildungen, 20 Euro, herausgegeben von Sabine Schulze und Texten von Nora von Achenbach, Gabriele Betancourt, Jürgen Döring, Angela Graf, Frank Hildebrandt, Rüdiger Joppien, Olaf Kirsch, Christine Kitzlinger und Sabine Schulze.
Audioguides: Für Besucher stehen drei Audioguides zur Verfügung: Eine Einführung mit über 80 Objektbetrachtungen, eine musikalische Reise mit Musikstücken und Liedern zu 17 ausgewählten Objekten und eine Hör- und Spielführung für Kinder und Erwachsene unter dem Titel „Augenspiel“ mit Musik und spannenden Suchaufgaben.
Der Katalog wurde ermöglicht mit der freundlichen Unterstützung der Justus Brinckmann Gesellschaft
BITTE BEACHTEN - neuer Pressetermin: 18. März 2010, 11 Uhr
Eröffnung: 21. März, 11 Uhr in den renovierten Ausstellungsräumen
Kuratorin: Prof. Dr. Sabine Schulze
Pressekontakt: Michaela Hille, Telefon: 040/428 134 - 53 53, Telefax: 040/428 134 - 28 34
E-Mail: michaela.hille@mkg-hamburg.de oder presse@mkg-hamburg.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 - 18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 11 - 21 Uhr
Eintrittspreise: 8 € / 5 €, Mittwoch und Donnerstag ab 17 Uhr immer 5 €
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre frei
Medienmitteilung
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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