Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe
28. Mai - verlängert bis 12. September 2010
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Angesichts des fortschreitenden Klimawandels stellt die Ausstellung „Klimakapseln“ im Museum für Kunst und Gewerbe die Frage: „Wie wollen wir in der Zukunft leben?“ und richtet den Blick auf die gesellschaftspolitischen Folgen eines Zusammenlebens unter veränderten Klimabedingungen. Der Wandel scheint unabwendbar, da die Politik zögert, verbindliche Maßnahmen für den Klimaschutz zu ergreifen, und die Bürger nur schwer zur Änderung ihres Verhaltens zu bewegen sind. So ist die Weltgemeinschaft aufgefordert, sich mit den Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel auseinanderzusetzen. Die Ausstellung fasst erstmals historische und aktuelle klimabezogene Modelle, Konzepte, Strategien, Experimente und Utopien aus Design, Kunst, Architektur und Städtebau zusammen, die nicht das Ziel verfolgen, den Klimawandel aufzuhalten, sondern Visionen für ein Überleben in der Katastrophe entwerfen. Zu sehen sind über 25 mobile, temporäre und urbane Kapseln, mit denen menschliches Leben unabhängig von den klimatischen Bedingungen möglich werden soll – von schwimmenden Städten über Körperkapseln bis zu Konzepten der Meerwasserdüngung oder Schwefeleinstreuungen in die Stratosphäre. Ein Symposium, ein Filmprogramm, Lesungen, Performances und Workshops beschäftigen sich mit der Wechselwirkung zwischen Gestaltungsprozessen und politischen Einflussfaktoren wie Migration, Grenzpolitik und Ressourcenkonflikten und reflektieren die Folgen für soziale und kulturelle Abschottungen und Ausgrenzungen.
Die öffentliche Diskussion zum Klimawandel konzentriert sich weitestgehend auf die Verhinderung des Klimawandels durch die Verminderung klimaschädlicher Emissionen. Dies soll sowohl durch neue Technologien der Energiegewinnung als auch durch eine Optimierung des Energieverbrauchs erzielt werden. Auch soll der konsumorientierte Lebensstil der Industrienationen „klimafreundlicher“ werden, die Bürger werden angehalten, ihr Verhalten zu ändern. Schwellenländer werden ermahnt, die Fehler des Westens gar nicht erst nachzuahmen. Noch ist aber völlig offen, ob sich weltweit genügend Akteure an einer Reduktion beteiligen und eine „Low Carbon Culture“ zum global vorherrschenden Lebensstil wird. Ebenso wenig geklärt ist, ob die derzeit diskutierten Reduktionsziele ausreichend sind, um den heute bereits messbaren Klimawandel aufzuhalten. Auf der Suche nach alternativen Lösungen werden – wesentlich weniger öffentlich diskutiert – unter dem Begriff Adaptation auch Strategien entwickelt, die nicht darauf abzielen, den Klimawandel aufzuhalten, sondern sich den zu erwartenden Folgen anzupassen. Dazu zählen Schutzmaßnahmen gegen Überschwemmung und Überhitzung ebenso wie die als Geo-Engineering bezeichneten großmaßstäblichen Eingriffe in den Klimakreislauf.
Einer kritischen Diskussion werden diese Technologien jedoch meist nur hinsichtlich ihrer technischen Machbarkeit unterzogen. Ihre gesellschaftspolitischen Auswirkungen bleiben bislang weitgehend unreflektiert. Dabei sind sie von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Struktur der Weltgesellschaft: Im Versuch, Leben unabhängig von den klimatischen Außenbedingungen zu ermöglichen, befördern die genannten Strategien räumliche, soziale und politische Abkapselung. Vordergründig klimatologisch motiviert, führen sie perspektivisch zu In- und Exklusion auf der interpersonalen bis zur globalen Ebene. Soziale Segregation und globale Polarisierung werden begünstigt.
Im Zentrum der Ausstellung “Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe” stehen anwendungsbezogene Projekte für klimatologische Kapseln aus Design, Kunst, Architektur, Stadtplanung und Geo- Engineering. Die gesellschaftlichen (politisch, kulturell, sozialräumlich) Konsequenzen dieser aktuellen Anpassungsstrategien werden mittels zeitgenössischer künstlerischer Positionen und avantgardistischer Konzepte des 20. Jahrhunderts reflektiert. So kommt den historischen Projekten im Kontext des Klimawandels eine neue Bedeutung zu. Die aktuellen künstlerischen Projekte brechen die positivistische Perspektive und bieten dem Ausstellungsbesucher eine weitere sinnliche Erfahrungsebene an. Die Exponate lassen sich in fünf Aspekte gliedern: Körperkapseln, Wohnkapseln, urbane Kapseln, Naturkapseln und atmosphärische Kapseln.
Körperkapseln: Die Ausstellung beginnt mit der interaktiven Installation „La Parole“ von Pablo Reinoso. Jeweils zwei Besucher können ihre Köpfe in die textile Aufblaskonstruktion hineinstecken und einen gemeinsamen Luft-, Seh- und Hörraum teilen. In der eigenen Erfahrung stellt sich die Frage, wie Menschen ihren Körper vor verschmutzter Luft, Umweltgiften, Unwettern und aggressiver Sonneneinstrahlung schützen können. Immer wieder trifft der Besucher im Ausstellungsparcours auf „Körperkapseln“, die Kleidung als Schutz des Körpers vor den klimatischen Bedingungen thematisieren.
Wohnkapseln: Die Exponate dieser Gruppe weiten den abgekapselten Raum von der Körperhülle zum unmittelbaren Wohnraum aus. Utopische Entwürfe mobiler Kapseln aus den 1960er Jahren wie die „Walking City“ von Ron Herron (Archigram) waren noch Teil eines Diskurses, der in Nachfolge von Architekten wie Constant oder Yona Friedman temporäre und mobile Bauten als experimentelle Freiheitsräume hervorhob. Heute ist Mobilität nicht mehr nur mit Freiheit verbunden – das Gegenüber zur freiwilligen Mobilität ist die Flucht, die räumliche Entsprechung das vorübergehende Lager. So stößt der Besucher etwa auf ein „paraSITE“ von Michael Rakowitz, ein aufblasbares Zelt, das der Künstler zusammen mit dem Obdachlosen Bill Stone entwickelt hat. Wie die anderen Zelte der Serie ist es zur Anbringung an einen Abluftschacht gedacht. Als temporärer Parasit dockt es sich an Gebäude an. In diesem Kontext prekärer Lebensweisen – nicht zuletzt hervorgerufen durch die im Klimawandel verstärkte globale Ungleichheit und die sich daraus ergebenden Flüchtlingsströme – erscheinen die einst visionären temporären Wohnkonzepte in neuem Licht. Sie sind keine Befreiungs-, sondern Eingrenzungsräume.
Urbane Kapseln: Städte sind die größten Energieverbraucher und die Verstädterung nimmt weltweit weiter zu. Zero Waste, Zero Emission, Zero Energy ist das aktuelle Credo. Schon in den 1950er Jahren haben Richard Buckminster Fuller und Shoji Sadao mit dem „Dome over Manhattan“ die Utopie einer klimaautarken Umstrukturierung von Stadt skizziert: Eine riesige Kuppel sollte einen Großteil der Insel überspannen. Heute werden diese Abkapselungen vom Außen bei gleichzeitiger Gestaltung interner Klimawelten tatsächlich realisiert, sei es im Maßstab großer Gebäudekomplexe oder energieautarker Städte wie „Masdar“ von Norman Foster. Andere Konzepte zeigen, dass das System Stadt vor dem Hintergrund drohender Klimakatastrophen zunehmend als autarke, nach außen abgeschlossene Einheit mit der Notwendigkeit einer selbstbezogenen Bewirtschaftung ihrer ökologischen Ressourcen verstanden wird. Auf die Spitze getrieben wird diese aktuelle Debatte in der von Vincent Callebaut konzipierten schwimmenden Stadt „Lilypad“, die ein Refugium für Klimaflüchtlinge sein soll.
Naturkapseln: So wie die Stadt gegenüber der klimatologisch sich verändernden Umwelt geschützt wird, soll auch die Natur in eine Sphäre der gesicherten Künstlichkeit gehoben und in Naturkapseln konserviert werden. Ökosysteme werden auf der Mikro-Ebene von Menschenhand nachgebildet und nach außen hin abgeschottet. Was zunächst als Schutzmechanismus daher kommt, entzieht die versammelte Flora und Fauna gleichzeitig dem Anschluss an das Ökosystem „Erde“ auf der Makro-Ebene. Daran schließt die Frage an: Handelt es sich bei dem Beschützten überhaupt um Natur? Oder um ein täuschend echtes menschliches Artefakt? Unmittelbar anschaulich wird dies in der Fotoserie „Museum of Nature“ von Ilkka Halso, der in seinen digitalen Montagen Wälder, Seen und Flüsse in imaginäre Museumsbauten einfügt.
Atmosphärische Kapseln: Der maximale Maßstab adaptativer Gestaltungsstrategien wird im Geo- Engineering erreicht. Mit chemischen oder physikalischen Eingriffen wird versucht, klimatologische, geo- und biochemische Kreisläufe auf globaler Ebene aktiv zu steuern und so das Klima zu moderieren. Historische Paten für diese Entwicklung sind der parawissenschaftliche „Cloudbuster“ des Psychoanalytikers Wilhelm Reich und das „Project Cirrus“ der US Army, die auf unterschiedliche Weise das Wetter technisch zu beeinflussen versuchten. Heute arbeiten verschiedene renommierte Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen an großmaßstäblichen Eingriffen zur Abschirmung des Weltklimas vor negativen Einflüssen. Utopischen Vorschlägen stehen machbare Projekte gegenüber, wie Versuche, die Erderwärmung durch den Einsatz von reflektierender weißer Farbe auf Dächern und Straßen zu mindern. Die Folgen derartig weit reichender Eingriffe sind derzeit nicht abschätzbar, ihre Realisierung in weiter Ferne. Dass sie überhaupt ernsthaft diskutiert werden, beweist jedoch, wie nah die klimatologische Entwicklung bereits jenem Punkt ist, an dem emissionsreduzierende Strategien ausgedient haben.
Teilnehmende Künstler, Designer und Architekten: Anderson Anderson Architecture (US), Ant Farm (US), Richard Buckminster Fuller (US), Vincent Callebaut (B), Juan Downey (US), David Greene (GB), Tue Greenfort (DK), Ilkka Halso (FI), Haus-Rucker-Co (AT), Ron Herron (GB), Kouji Hikawa (JP), Christoph Keller (D), Lawrence Malstaf (B), Gustav Metzger (D), N55 (DK), Lucy Orta (GB), Michael Rakowitz (US), Pablo Reinoso (ARG/F), Shoji Sadao (US), Tomás Saraceno (ARG/D), Werner Sobek (D), Jan-Peter E.R. Sonntag (D), Matti Suuronen (FI), Ingo Vetter (D).
Symposium: Im Rahmen der Ausstellung findet am 28. und 29. Mai ein Symposium in Kooperation mit der Hochschule für bildende Künste Hamburg, der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina statt. Zwanzig Referenten aus Gegenwartskunst, internationaler Wissenschaft, Architektur, Design und Politik sind eingeladen, über die gesellschaftspolitischen Dimensionen adaptativer Strategien im Kontext des Klimawandels zu diskutieren.
Teilnehmer: Heinz Bude (D), Vincent Callebaut (B), Tue Greenfort (DK), Ilkka Halso (FI), Christoph Keller (D), Chip Lord (Ant Farm, US), Michiko Nitta (JP), Lucy Orta (GB), Michael Rakowitz (US), Shoji Sadao (US), Tomás Saraceno (ARG/D), Ingo Vetter (D), Günter Zamp Kelp (Haus-Rucker-Co, AT) u. a.
Begleitprogramm: Lesungen, Performances, Führungen und Filmvorführungen, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Gestaltung und politischen Einflussfaktoren wie Migration, Grenzpolitik und Ressourcenkonflikten beschäftigen und die gesellschaftspolitischen Folgen sozialer und kultureller Abschottung kritisch reflektieren, öffnen die Diskussion über die Fragestellung „Wie wollen wir leben?“ für ein breites Publikum. Museumspädagogische Maßnahmen sollen Besuchern, Schüler und Studenten eine grundlegende Einführung in die Thematik anbieten. Führungen: 27. Juni, 11.30 Uhr; 30. Mai und 13. Juni, 14 Uhr; 2., 9., 16. und 30. Juni, 12.30 Uhr; DATE-THE-MUSEUM (Veranstaltung und Party für Studierende und junge Kunstinteressierte) 10. Juni 2010, 19 Uhr, Titel „Klimakapseln: Rette sich, wer kann! Die Fluch(t)räume von morgen“.
Publikation: Zur Ausstellung erscheint ein Buch in der edition Suhrkamp von Friedrich von Borries mit dem Titel „Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe“, ca. 160 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, ca. 14 Euro.
Eröffnung: 27. Mai, 19 Uhr
Weitere Informationen in Kürze unter www.klimakapseln.de, www.hfbk-hamburg.de und www.mkg-hamburg.de.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Junge Akademie und die Karl H. Ditze Stiftung.
Medienmitteilung
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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