Alfred Hrdlicka. Schonungslos!
23. Juni - 19. September 2010
Belvedere | Wien
„Seine Kunst und gleich danach die Politik, das war ihm das Wichtigste, da hat er sich aufgegeben, da war er schonungslos, auch zu sich selbst.“
Angelina Siegmeth-Hrdlicka
Er galt als sensibler Berserker, bezeichnete sich selbst als „Fossil“, „Untergrundmensch“ und „zu Tode geschunden“: Das Belvedere widmet seine Sommerausstellung in der Orangerie Alfred Hrdlicka, einem der wichtigsten österreichischen Bildhauer. Der im Dezember 2009 verstorbene Ausnahmekünstler reflektierte wie kaum einer seiner Zeitgenossen in seinem unbändigen Schaffen die politischen Verhältnisse des Landes. Unaufhörlich hinterfragte er auch die globalen Machtverhältnisse - und das nicht allein in seiner unmittelbaren Erlebniswelt: Er setzte sich darüber hinaus intensiv mit der Geschichte, der Weltliteratur und ihren Protagonisten auseinander. Die künstlerischen Produkte sind einerseits ausdrucksstarke, einem expressiven Formwillen folgende figurale Steinskulpturen und andererseits Hrdlickas künstlerisches Wollen demonstrierende Zeichnungen. Hrdlicka hatte es sich nie leicht gemacht, weder in seinem Leben noch in seinem Schaffen. Er lebte einen schonungslosen Humanismus und führte in seinen Schöpfungen auch Mord und Terror mit bisweilen schockierender Deutlichkeit vor Augen. „Alle Kunst kommt vom Fleisch“, lautete ein Diktum Hrdlickas. Zu seinen bekanntesten und eindrucksvollsten Werken zählen seine Arbeiten zur französischen Revolution, zu Pasolini oder zu Franz Schubert. 1963 sorgte er für Aufruhr in Salzburg, nachdem sein Orpheus für das Kleine Festspielhaus angekauft worden war. 1967 versammelte sich eine „Liga gegen entartete Kunst“ zum Protest gegen das in Wien enthüllte Renner-Denkmal Hrdlickas. 1970 entstand für ein Evangelisches Gemeindezentrum in Westberlin der Plötzenseer Totentanz. In Hamburg sorgte sein monumentales Gegendenkmal zum Krieger-Ehrenmal für hitzige Diskussionen, in Wien das Denkmal gegen Krieg und Faschismus am Albertinaplatz (1988/91).
1990 organisierte das Belvedere im oberen Schloss die Ausstellung Alfred Hrdlicka – Die Kunst der Verführung mit Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden und Skulpturen. Zwanzig Jahre später wird Hrdlicka nun in der Ausstellung Schonungslos! mit seinem bildhauerischen Werk der 1960er–Jahre präsentiert. Die Schau in der Orangerie veranschaulicht anhand von 17 ausgewählten Steinskulpturen, einer Bronzeskulptur und einem großformatigen Gemälde Hrdlickas wesentliche künstlerische Manifeste.
Wie der von ihm verehrte Oskar Kokoschka war Alfred Hrdlicka eine Doppelbegabung. Vorerst bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky zum Maler ausgebildet, beschäftigte er sich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit der Zeichnung und der Druckgrafik. Gerade die Druckgrafik diente ihm als Ausdrucksmittel für seine gesellschaftspolitischen Statements und machte ihn weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt.
Nach Abschluss seiner Malereiausbildung wechselte Hrdlicka 1953 in die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba. Hrdlickas frühe Steine, etwa der in der Ausstellung gezeigte 1954 entstandene Männliche Torso, erinnern noch an Wotrubas Skulpturen der späten 1920er-Jahre.
Im Laufe seines Lebens führte Hrdlicka die künstlerische Visualisierung sozialkritischer Themen bis ans Ende der im formalen Bereich liegenden Möglichkeiten. Seine kritische Denkweise und die Fähigkeit, diese wortgewaltig zu äußern, erlaubten ihm einen direkten Zugang zu sämtlichen Themen der Weltgeschichte. Dennoch konzentrierte er sich in seinem skulpturalen Werk auf wenige Motive, die er immer wieder neu erstehen ließ, wie zum Beispiel die Darstellung des geschundenen Satyrs Marsyas, das Motiv der Kreuzigung sowie narrative Porträts von Massenmördern und Märtyrern. In der Ausstellung sind diese Themen unter anderem mit Marsyas I (1955) und Marsyas III (1964/72), zwei Versionen der wegen Mordes zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilten Martha Beck, dem Gekreuzigten (1959) sowie dem Linken Schächer (1962) und dem Rechten Schächer (1962/63) vertreten.
Die nur vordergründige Dissonanz zwischen den plakativen und schreienden Themen und den manieristischen Zügen in der künstlerischen Umsetzung charakterisiert Hrdlickas Werk als das eines hochsensiblen Künstlers, der sich formal am Grat zwischen der aus der Antike schöpfenden Renaissance und dem Barock orientierte, die endgültige Modellierung und den Schaffensprozess aber dennoch und konzessionslos seinem ureigenen Impetus unterwarf.
Kunstvermittlungsprogramm zur Ausstellung
ALFRED HRDLICKA. SCHONUNGSLOS!
ÜBERBLICKSFÜHRUNGEN
Anhand ausgewählter Werkbeispiele werden die Höhepunkte der Sonderausstellung präsentiert.
Jeden Sonntag um 16 Uhr
Dauer: 1 Stunde, Führungsbeitrag: € 4
BELVEDERE SPEZIAL
STEIN ZEIT HEUTE
Podiumsdiskussion
Ö1-Moderator Nikolaus Schauerhuber leitet eine Diskussion über die Entwicklungen der Bildhauerei im 21. Jahrhundert mit Annemarie Avramidis (Bildhauerin), Ernst Hilger (Galerist), Oskar Höfinger (Bildhauer), Edelbert Köb (Direktor MUMOK) und Philipp Penz (Künstler).
Mittwoch, 30. Juni, 19 Uhr, Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich
Meine Liebe zur Linken ist unwiderruflich!
Podiumsdiskussion
Günter Kaindlstorfer (ORF) moderiert eine Diskussion über die politische Person Alfred Hrdlicka mit Trautl Brandstaller (Moderatorin und Buchautorin), Angelina Siegmeth-Hrdlicka, Charles E. Ritterband (Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung) und Robert Treichler (Journalist profil).
Mittwoch, 8. September, 19 Uhr, Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich
BELVEDERE BARRIEREFREI
Anders Sehen im Unteren Belvedere
Tastführungen durch die Ausstellung für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher.
Donnerstag, 1. Juli und 16. September, 18 Uhr
Dauer: 1 Stunde, Führungsticket: € 4, Anmeldung erforderlich
PROGRAMME FÜR KINDER UND JUGENDLICHE
Skulpturen „bauen”
Kinderführungen in der Ausstellung Alfred Hrdlicka. Schonungslos! mit Skulpturen-Workshop im Atelier Pinselstrich.
Sonntag, 27. Juni und 19. September, 10.30 Uhr (3 bis 6 Jahre), 14.30 Uhr (6 bis 12 Jahre)
Dauer: 2 Stunden, Veranstaltungsbeitrag € 4,50, Anmeldung erforderlich
Für alle Termine gilt: Treffpunkt Unteres Belvedere, Kassa
Belvedere
Kunstvermittlung
T + 43 1 795 57-134
public@belvedere.at
AUSSTELLUNGSDATEN
Ausstellungstitel ALFRED HRDLICKA. SCHONUNGSLOS!
Ausstellungsdauer 23. Juni bis 19. September 2010
Ausstellungsort Orangerie, Unteres Belvedere
Rennweg 6, 1030 Wien
Exponate 19 Werke (17 Steinskulpturen, eine Bronzeskulptur und ein Gemälde)
Kurator Alfred Weidinger
Katalog zur Ausstellung ALFRED HRDLICKA. SCHONUNGSLOS!
Hrsg. Agnes Husslein-Arco und Alfred Weidinger
Mit Texten von Johanna Aufreiter und Alfred Weidinger sowie einem Vorwort von Agnes Husslein-Arco.
Verlag publication PN°1 Bibliothek der Provinz, Weitra, 2010, 144 Seiten
ISBN: 978-3-901508-85-1 (Deutsch)
€ 29 (erhältlich in den Shops des Belvedere, shop@belvedere.at)
Kontakt Belvedere, Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien
T +43 (01) 795 57-0, info@belvedere.at, www.belvedere.at
Öffnungszeiten Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr
Eintritt € 9,50
Führungen Überblicksführungen jeweils Sonntag um 16 Uhr
T +43 (01) 795 57-134, public@belvedere.at
Presse Lena Maurer
T +43 (01) 795 57-178, M +43 (0)664 800 141 178, presse@belvedere.at
Medienmitteilung
Belvedere
Stichwörter / Tags: Alfred Hrdlicka, Österreich, Belvedere, Skulptur, Wien
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