Bruce Conner. Die 70er Jahre
8. Oktober 2010 - 30. Januar 2011
Kunsthalle Wien
I am an artist, an anti artist.
Bruce Conner
Bruce Conners Experimentalfilme zählen heute zu den Vorläufern des MTV Clips. Seit A MOVIE, dem Found Footage Montagemeisterwerk von 1958 aus Wochenschaubildern und Filmausschnitten, wird sein Name in einem Atemzug mit den großen Avantgardisten des US Independentfilms Stan Brakhage, Jack Smith, Jonas Mekas und Andy Warhol genannt. Bruce Conner, geboren 1933 in McPherson, Kansas, hat jedoch nicht nur neue Wege des Filmemachens aufgezeigt, sondern sich durch seine Arbeiten in unterschiedlichsten Medien immer wieder selbst neu erfunden. In einem Interview sagte er: „Ich war in eine Menge von Dingen involviert, die ich nur machte, weil sich offenbar niemand anderer dafür interessierte. Ich genoss die Freiheit, in jede Richtung gehen zu können.“ Als bildender Künstler wurde er in den 1950er Jahren mit Assemblagen aus Nylonstrümpfen, Möbelteilen, kaputten Puppen und anderem Wohlstandsmüll bekannt. Für den Nonkonformisten waren künstlerische Identität und Authentizität variable Begriffe, die er kritisch und humorvoll hinterfragte. Ob er eine politische Kandidatur inszenierte, den Namen seines Freundes Dennis Hopper als Pseudonym verwendete oder sich selbst im Who’s Who in America 1972 für tot erklären ließ, zeitlebens entzog er sich künstlerischen, persönlichen und markttauglichen Kategorisierungen.
Die 1970er Jahre sind von einer lyrischen Formensprache gekennzeichnet, die sich vornehmlich in den Medien Zeichnung und Malerei manifestiert. Bruce Conner thematisiert Abstraktion anhand von Sinnbildern des Metaphysischen, des Transzendentalen, anhand von Motiven, die Repräsentationsmöglichkeiten des Numinosen oder Unbewussten anbieten: Tintenkleckszeichnungen, die an Rorschachtests erinnern, Mandalaformen in unzähligen Variationen oder Bilder aus Tausenden von kleinen weißen Punkten auf dunklem Grund, die Assoziationen mit dem Sternenhimmel hervorrufen. Eine Serie von Fotogrammen nannte der Künstler ANGEL. Sie zeigen sich zunehmend auflösende Lichtfiguren, die durch den Abdruck des eigenen Körpers erzeugt wurden. Hinter den Grafiken aus THE DENNIS HOPPER ONE MAN SHOW, die an die Collagenromane von Max Ernst erinnern, tritt Bruce Conner schließlich als Person ganz zurück, indem er eine künstlerische Methode kopiert und Autorschaft einem anderen überschreibt.
Mit einer umfangreichen medienübergreifenden Werkauswahl beleuchtet die Ausstellung formal ästhetische Parallelen zwischen dem bildnerischen und dem filmischen Schaffen von Bruce Conner. Präsentiert werden über 100 Arbeiten, darunter Zeichnungen, Gemälde in Öl und Acryl, Lithografien, Druckgrafiken, Fotogramme und Fotografien sowie drei zeitgleich entstandene Filme: BREAKAWAY (1966) mit der tanzenden und singenden Toni Basil, CROSSROADS (1976), basierend auf Dokumentaraufnahmen von nuklearen Testversuchen auf dem Bikini Atoll und MARILYN TIMES FIVE (1968 - 73), die Interpretation des Evergreens I’m Through With Love von einem Monroe Look Alike. Ephemera von künstlerischen Aktionen im Geiste Duchamps, darunter Buttons, Zeitungsartikel, Poster, und dokumentarische Materialien, zeigen eine weitgehend unbekannte konzeptuelle Facette von Bruce Conner. Ein Highlight der Ausstellung ist die letzte, große raumgreifende Videoinstallation des Künstlers mit dem Titel THREE SCREEN RAY, ein Recyclingfeuerwerk seines filmischen Gesamtwerks mit dem Soundtrack What’d I Say von Ray Charles. In der Ursula Blickle Video Lounge laufen vom 8. Oktober bis 30. November 2010 die Musikfilme AMERICA IS WAITING und MEA CULPA, produziert in Kollaboration mit Brian Eno und David Byrne sowie das Video zum Devo Hit Mongoloid.
Das vielschichtige Werk von Bruce Conner verbindet die Leidenschaft für Musik von Soul bis Punk mit der radikalen Formschönheit von Hell Dunkel Kontrasten und einem kritischen Blick auf Kunst und Gesellschaft. Bruce Conner starb 2008 in San Francisco, der Stadt, in der er einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Er stand der Beat Generation mit ihrer freigeistigen Neudefinition des American Way of Life nahe, und ist trotz seiner Pionierleistungen auf vielen Gebieten ein Geheimtipp geblieben. Anlässlich der ersten Filmretrospektive kurz nach seinem Tod am Harvard Film Archive nannte man ihn den „letzten Magier des 20. Jahrhunderts“.
Die Ausstellung ist die erste große Einzelschau von Bruce Conner in Europa und wird in Kooperation mit der Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal gezeigt. Dort ist die von Gerald Matt kuratierte Schau mit dem Titel I AM BRUCE CONNER. I AM NOT BRUCE CONNER vom 12. September bis 17. Oktober 2010 zu sehen.
Begleitend zu beiden Ausstellungen erscheint die erste deutschsprachige Monografie zum Werk von Bruce Conner mit Texten von Gerald Matt, Barbara Steffen, Malcolm Turvey, Michelle Silva und Thomas Miessgang, einem Interview mit Bruce Conner von Peter Boswell und einem Interview mit Jean Conner von Gerald Matt. Hg. Ursula Blickle Stiftung, Ursula Blickle, Kunsthalle Wien, Gerald Matt, Barbara Steffen. Deutsche und englische Ausgabe, ca. 220 Seiten, ca. 150 Abbildungen.
Das Filmmuseum Wien zeigt vom 13. bis 20. Oktober eine Filmretrospektive zu Bruce Conner. Programm unter www.filmmuseum.at
Kuratoren: Gerald Matt, Barbara Steffen
Pressekonferenz: Donnerstag, 7. Oktober 2010, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 7. Oktober 2010, 19 Uhr
Stichwörter / Tags: Österreich, Bruce Conner, Kunsthalle Wien, Video & Film, Wien
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