Intervention: Karen Kilimnik
19. Mai - 26. September 2010
Belvedere | Wien
Zweimal jährlich werden im Rahmen der 2007 initiierten Ausstellungsreihe Intervention Künstler eingeladen, ihre Arbeit in Bezug zur Architektur, zur Geschichte und zur Sammlung des Belvedere zu setzen. Nach Gudrun Kampl, Brigitte Kowanz, Franz Kapfer, Christian Hutzinger und Werner Reiterer zeigt nun die amerikanische Künstlerin Karen Kilimnik ihre Werke im Makart-Saal und im Nordwest-Oktogon des Oberen Belvedere.
In Ihrer Auseinandersetzung mit dem Belvedere und seiner Sammlung beschäftigt Karen Kilimnik sich mit den opulenten Tierbildern Philipp Ferdinand de Hamiltons, die sie malerisch neu interpretiert, und setzt sich mit der Organisation von Chaos und Ordnung auseinander – Kunst und Interieur verschmelzen zu einer Installation, in der sie ein „Theater der Sinneseindrücke“ inszeniert. Die schwelgerischen Bildwelten Kilimniks verweisen auf die Kräfte der Illusionsproduktion, die von höfischer Repräsentation und der Welt des Glamours gleichermaßen bedient werden.
ZUR INTERVENTION
Eva Maria Stadler
Karen Kilimnik betritt die Bühne des Belvedere. Das barocke Ensemble wird zum Display für die knallig bunte, mit markantem Pinselstrich hingeworfene Malerei, deren Motive die Künstlerin der Kunst des 17. Jahrhunderts gleichermaßen entlehnt wie der Glamourwelt heutiger Hochglanzmagazine. Kennzeichnend für Kilimniks Arbeiten ist das Rokoko mit seiner überbordenden Formensprache, seinem opulenten Schmuck und seiner reichen Ornamentik. Ihre Bilder und Skulpturen sind geprägt von der Wahrnehmung des höfischen Lebens mit seinen aufwendigen Interieurs, seiner üppigen Ausstattung und seinen Inszenierungen. Die vielfachen Aneignungen der höfischen Bildkultur, die sich in den Darstellungen von Landschaften, Schlössern, Prinzen und Schauspielern niederschlagen, werden von Karen Kilimnik malerisch transformiert.
Die Frage nach der Fortschreibung der Kraft und Ausdauer dieser höfischen Ikonografie, die zumindest in politischer Hinsicht mit der Ablöse der dynastischen Strukturen durch demokratische Gesellschaften erfolgte, bildet ein zentrales Motiv in Karen Kilimniks Arbeiten.
In seiner Studie über die höfische Gesellschaft verknüpft Norbert Elias Fragestellungen sozialwissenschaftlicher Untersuchungen mit jenen der Geschichtswissenschaften, um beispielsweise den Verflechtungen von Raumanordnungen in Schlössern und Palais, der höfischen Etikette und den politischen Ordnungen auf die Spur zu kommen. Der Soziologe beschreibt in diesem Zusammenhang auf eindrückliche Weise die hierarchischen Ordnungen, die der jeweiligen architektonischen Repräsentationsform zugrunde liegen.
Elias spricht vom Phänomen der „Verhofung“, das auf jene Haltung und Erlebnisform verweist, für die sich der Begriff der Romantik eingebürgert hat. Der romantische Grundton ist es schließlich, den Karen Kilimnik in ihren malerischen und installativen Inszenierungen anzuschlagen sucht.
In ihrer Auseinandersetzung mit der Sammlung des Belvedere fiel das Augenmerk Karen Kilimniks auf die prächtigen Tierbilder Philipp Ferdinand de Hamiltons, eines belgischen Malers, den es nach Wien verschlagen hatte, wo er für den kaiserlichen Hof tätig war. Seine Bilder zeichnen sich durch einen fein ziselierten Pinselstrich und eine effektvolle Bildkomposition aus, in der Perlhühner mit Nasenbären oder Meerschweinchen vor dramatischen Landschaften zusammentreffen. Diese Form der Dramatik hat sich nicht zuletzt der epische Hollywoodfilm angeeignet, beispielsweise mit seinen effektvollen Sonnenuntergängen. Die große Erzählung, die wir erwarten, findet hier aber in der ganz lapidaren Darstellung von Geiern, Gämsen und Truthähnen statt.
Die Inszenierung der Tiere verweist auf ein Genre, das in der akademischen Tradition der Kunstgeschichte ganz unten angesiedelt ist – das Stillleben. Gegenüber der „Grande Manière“ geriet das Stillleben stets ins Hintertreffen, ging es hier doch in erster Linie bloß um die Art und Weise der Darstellung materieller Dinge, wobei Realismus, Hyperrealismus oder Simulation zu den bevorzugten Malweisen gehörten. Die naturalistische Annäherung an den Gegenstand galt nicht zuletzt als Ausdruck einer niedrig bewerteten Kultur des Alltags. Obgleich sich diese Art der Wertekultur inzwischen geändert hat, das Alltägliche eine ästhetische Legitimation erfahren hat, setzt Karen Kilimnik bei der Bildsprache von Fernsehen und Yellow Press an, die auf jene Sehnsuchtsfabrik verweist, in der Sensationen und Empfindungen im Spannungsfeld von Hoch- und Populärkultur produziert werden.
Ein Mädchen in bodenlangem pinkem Sommerkleid steht am Zaun eines Ziegengeheges – Kilimnik affirmiert in ihrer grellen Darstellung Natur und Kreatur, die harmonische Beziehung zwischen Mensch und Tier. Es geht ihr hier nicht zuletzt um den Protest gegen die zunehmende Vorherrschaft gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft.
In friends in the woods werden Gruppen von Hunden gleichsam zu Darstellern, wie wir sie aus Abenteuer- und Fantasyserien à la Robin Hood kennen. Die Goldmünzen am rechten Rand des Bildes beschreiben den Handel mit Zauber und Magie, mit Wirkung und Effekt.
In einer Reihe neuer Skulpturen bezieht sich Karen Kilimnik direkt auf ihre Malerei, beispielsweise mit der Krone, die sich in dem Bild the royal minx wiederfindet. Eingefügt in die barocke Hängung des Makart-Saales werden die Gemälde und Fotografien Karen Kilimniks zu Schnittstellen zwischen Illusion und Wirklichkeit, zu Transmittern zwischen den Zeiten.
Im Nordwest-Oktogon des Oberen Belvedere zeigt Karen Kilimnik die Installation mit dem Titel Chaos und Ordnung, eine neue Arbeit, die das Davor und das Danach, Ordnung und Unordnung repräsentiert.
Titel der Intervention INTERVENTION: KAREN KILIMNIK
Ausstellungsdauer 19. Mai bis 26. September 2010
Ausstellungsort Oberes Belvedere, Makart-Saal und Nordwest-Oktogon
Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien
Exponate 12 Gemälde, 1 Rauminstallation
Kuratorin Eva Maria Stadler
Kontakt Belvedere, Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien
T +43 (01) 795 57-0, info@belvedere.at, www.belvedere.at
Öffnungszeiten Täglich 10 bis 18 Uhr
Eintritt € 9,50 Oberes Belvedere
Medienmitteilung
Belvedere
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