7 x 14 - Jubiläumsausstellung
14.02. – 12.07.2009
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Neun Positionen aus 14 mal 14 in 7 x 14
Die erste Ausstellung aus dem Zyklus 14 mal 14 ruft wesentliche Positionen der legendären Ausstellungsreihe zwischen 1968 und 1973 in Erinnerung. Die hier versammelten Werke, die alle in 14 mal 14 zu sehen waren, ergeben ein signifikantes Zeitbild in neun Positionen, das vielschichtig die Grundlagen der Kunst und der Lebenswelten am Ende des sechsten und zu Beginn des siebten Jahrzehnts reflektiert.
Für Palermo (1943-1977, eigentlich Peter Heisterkamp) sind Architektur und Farbe elementare Medien der ästhetischen Reflexion. In seinen farbigen Interventionen verweigert er sich der bildlichen Darstellung wie dem transportablen Bild. Im Jahr 1970 realisiert er mit beispielloser Radikalität ein blaues Band, das er unter dem Kassettenfries im großen Saal der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden direkt auf die Wand malt und das lediglich einen vagen minimalistischen Bezug zur Geometrie der Oberlichtdecke aufnimmt. Ansonsten bleiben alle Wände frei. Das Werk behauptet sich so an der Grenze der Wahrnehmung in der Architektur, die als Träger der Aura von Kunst wirkt. Palermo war Maler, Environment- und Objektkünstler.
Imi Knoebel (geb. 1940, eigentlich Klaus Wolf Knoebel), Freund Palermos, und wie er Schüler von Joseph Beuys, reflektiert in minimalistischen Strukturen das Bild als Objekt und sucht so einen neuen Anfang des Kunstdenkens auszuloten. Die Strukturen sind bestimmt von vertikalen und horizontalen Linien auf weißem Grund, folgen einer arithmetischen Logik, die die Ästhetik bestimmen soll. Dies gilt auch für seine Reflexion über das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch, die im Wechselspiel von Schwarz und Weiß zur strengen Form wird. Sie bewegt sich durch die Materialität des bildnerischen Objekts zwischen Bildfläche und Raumbildung. Imi Knoebel ist Maler und Bildhauer. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf. Im Mai 2006 wurde er Ehrendoktor der Universität Jena.
Elementares reflektiert Reiner Ruthenbeck (geb. 1937) in der „Aufhängung IV“, die er 1970 mit acht weiteren Rauminstallationen in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zeigte. Stoff und Stahl werden hier zu einer Raumbestimmung geführt. Ein neuer Begriff der sockellosen Skulptur wird definiert, die ihre offene Form dem Material und der Wirkung der Schwerkraft verdankt. Reiner Ruthenbeck war 1975/1976 Gastdozent an der HfBK Hamburg und hatte von 1980 bis 2000 eine Professur an der Kunstakademie Münster inne.
Ulrich Rückriem (geb. 1938) untersucht die ästhetischen Wirkungen des Stahls in Hinblick auf elementares bildnerisches Handeln. Gezeigt werden Rohlinge aus Bandstahl, wie sie Rückriem 1972 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden präsentierte: in unterschiedlichen einfachen Zuständen, geschnitten, geschmiedet und geschweißt, im Kreis gebogen und zerlegt, dies in einer additiven Systematik, mit der der zentrale Raum im Umgang besetzt wird. Rückriem formuliert durch seine radikale Hinwendung an den handwerklichen Prozess und dessen Spuren am Kunstwerk eine europäische Gegenposition zum amerikanischen Minimalismus. Ulrich Rückriem lebt als Bildhauer in Köln. 1974 wurde er Professor an der Hf BK Hamburg, 1984 an die Kunstakademie Düsseldorf berufen. Seit 1988 lehrt er an der Städelschule, Frankfurt am Main.
Eine kurze Zeitungsnotiz über das Massaker in einem Schwesternwohnheim in Chicago und das dazugehörige Foto war für Gerhard Richter (geb. 1932) Anlass zu der Bilderfolge „Acht Lernschwestern“(1966/1971). Durch die verwischte, unscharfe Wiedergabe nach Passfotos aus dem Jahrbuch der Schwesternschule erscheinen die Gesichter fast wie Phantombilder. Doch sind sie nicht ihrer Individualität entkleidet, sondern in Haltung, Frisur und Mimik, nicht zuletzt durch die malerische Wiedergabe scheint eine Annäherung an die Persönlichkeit möglich. Die mediale Vermittlung von Realität reflektiert Gerhard Richter in der Malerei. Er sucht den gesellschaftlichen, lebensweltlichen Bezug und prüft in diesen Jahren die Relevanz des gemalten Bildes und die der Malerei überhaupt. 1969 hatte Richter in der Kunsthalle fast 100 Werke an den Wänden gestapelt gezeigt, die heute zum Teil zu den Inkunabeln der Malerei im 20. Jahrhundert zählen. Gerhard Richter lebt und arbeitet in Köln. Er arbeitete Ende der 1960er Jahre als Kunsterzieher, 1967 war er Gastdozent an der HfBK Hamburg. Von 1971 bis 1993 lehrte er an der Düsseldorfer Kunstakademie.
Georg Baselitz (* 1938, eigentlich Hans-Georg Kern) antwortet auf realistische Tendenzen in Ost und West mit seinen „Helden“, den „neuen Typen“ als Arbeiter, Hirte, Rebell. Dabei verwendet er eine eigene Form von Metaphern. Die Symbole gehen einher mit einer Charakterisierung der Figuren in ihrer Monstrosität, ihrer Kraft und Tragik. Sie stehen wie kraftvolle Riesen mit bloßen Füßen, gefangen in Tierfallen, hilflos in einer zerstörten Welt, an deren Vernichtung sie selbst Anteil hatten und haben. Georg Baselitz ist Maler und Bildhauer. Er lebt und arbeitet am Ammersee und in Imperia.
KRIWET (geb. 1942) ist ein veritabler Multimediakünstler der bereits in den sechziger Jahren unterschiedliche Strategien zur künstlerischen Erkundung von Wahrnehmung und Bedeutung aus dem Geist der Fluxus Bewegung entwickelte. Für KRIWET, der 1968 Teilnehmer der ersten Reihe von 14 mal 14 war, ist Sprache und Schrift, Licht, Klang und Bewegung Material der Kunst. Als Maler, Grafiker und Hörspielautor zerlegt er Begriffe und Buchstaben, gewinnt neue Formen aus der Überlagerung und Zergliederungen von typographisch gesetzten Schriftzügen mit überraschend eigenwilligen bildnerischen Ergebnissen. Begriffe und Sentenzen werden lesbar gehalten. Sie erinnern an Zitate aus Songtexten und beziehen so den Raum der Musik in die Gestaltung mit ein.
Markus Lüpertz (geb. 1941) gilt in seiner gegenstandsbezogenen Malweise, seinen kräftigen Farben und seine materialbezogenen Technik als einer der Hauptvertreter des Neoexpressionismus. 1966 begründet er seine dithyrambische Malerei theoretisch in „Kunst, die im Wege steht. Dithyrambisches Manifest“. In Anlehnung an den altgriechischen Dithyrambos, ein ekstatisches Lied zu Ehren des Weingottes Dionysos, umschreibt der Begriff Dithyrambe sowohl Form als auch Ausdruck seiner Bilder. Umso erstaunlicher ist die radikale Inszenierung, die Lüpertz 1969 in 14 mal 14 realisierte. Zwei dachstuhlartige Holzgerüste, bedeckt mit roten Dachziegeln, besetzen den Ausstellungsraum wie eine serielle minimalistische Installation aus Material bzw. Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs. Über den Türen hängen Gemälde, die nichts als eine Dachpfanne zeigen. Die Malweise mit Pinselspuren und Farbspritzern auf roher Leinwand bricht die gegenständliche Illusion und führt das Gemälde auch als Objekt vor Augen: faktische Kunst und faktische Realität. Markus Lüpertz ist seit 1988 Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie. Er lebt und arbeitet in Berlin, Karlsruhe, Düsseldorf und Florenz.
Private Lebenswelten der neuen bundesrepublikanischen Orientierung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs reflektiert Almut Heise (geb. 1944) in ihren Bildern. In den geschwungen Konturen der Nierentische und Tütenlampen fixiert sich in überbordender Ornamentseligkeit die neue Lebensordnung. Der Anschluss an die Moderne findet in einer zumeist dekorativen Rezeption der vormals entarteten Kunst statt. Die Abstraktion von Wassily Kandinsky wacht über dem Ehebett zwischen opulenten Vorhängen. Fluchträume bietet das Panorama aus japanisierenden Kegelbergen vor zartem Bambus, dessen erhabenen Ausblick man von Cocktailsesselchen und Nierentisch mit den obligaten Messing gefassten, schwarzen Tischplatten genießen soll. Das Postulat der Aufklärung und des Fortschritt der Erkenntnis durch das Ästhetische in der Moderne eines Picasso, Matisse, Kandinsky und Miro verkommt zu dekorativ intarsiertem Kulturmix. Almut Heise entlarvt die Dynamik der neuen Zeit des Aufbruchs als Erstarrung des modernistischen Scheins. Almut Heise wurde 1944 in Celle/Niedersachsen geboren und hat seit 1978 eine Professur an der Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Gestaltung inne. Sie lebt in Hamburg.
Eröffnung: Freitag, den 13.02.2009, 19.00 Uhr
Stichwörter / Tags: Baden-Baden, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Die Nutzung der Kommentierungsfunktion ist als Gast ohne Registrierung möglich. Nach Eingabe eines Nutzernamens und einer E-Mail-Adresse können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Alternativ können Sie sich bei Disqus registrieren oder sich über Ihre Facebook-, Twitter-, Google-, Yahoo- oder OpenID-Accounts anmelden. blog comments powered by Disqus