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wechselausstellungen.de | 11. Februar 2009

Anish Kapoor - Shooting into the Corner

21. Januar – 19. April 2009, MAK-Ausstellungshalle / Wien

Anish Kapoor, 1954 in Bombay (heute Mumbai) geboren, zählt zu den wichtigsten Bildhauern der Gegenwart. Die aktuelle Ausstellung im MAK präsentiert neue, raumgreifende Wachsarbeiten des heute in London lebenden Künstlers. Das Werk „Shooting into the Corner“ (2008/09) befindet sich in der zentralen Ausstellungshalle; in den umliegenden Ausstellungsräumen sind „Past, Present, Future“ (2006), „Push-Pull II“ (2008/09) und „Shadow Corner“ (2008/09) zu sehen. Die drei Arbeiten aus 2008/09 wurden speziell für die Ausstellung im MAK konzipiert.

„Shooting into the Corner“ besteht aus einer Kanone, die Kapoor gemeinsam mit einem Team von Ingenieuren entwickelte. Ein Druckluftkompressor schleudert 11 Kilogramm schwere Geschosse aus rotem Wachs in die gegenüberliegende Ecke; insgesamt sind es 20 Tonnen Wachs, die während der Ausstellungsdauer „abgefeuert“ werden. Die Form der Wachsgeschosse wird durch den Aufprall an die Wand verändert. Ein Teil bleibt „plattgedrückt“ kleben, der größere Teil aber wird mit der Zeit abrutschen. So bildet sich am Boden ein Wachsberg, der stetig anwächst.

Laute Aggression einerseits und stilles Wachstum andererseits verleihen dem Werk Spannung, Sinnlichkeit und Kraft. Der intensiven physischen Erfahrung werden transzendentale Erfahrungen wie Veränderung, Vergänglichkeit und Neuanfang hinzugefügt.

Im Gegensatz dazu wird bei dem Werk „Past, Present, Future“ Material abgebaut. Eine von einem Motor betriebene Stahlplatte trägt eine blutrote, riesige Halbkugel aus Wachs langsam ab, wobei eine Fahrt des Armes eine volle Stunde dauert.

Ein ähnliches Prinzip wird auch bei dem Objekt „Push-Pull II“ eingesetzt, das sich aus einem Halbkreis und einem ausgeschnittenen Rechteck zusammensetzt. Hier wird ebenfalls Masse abgetragen, aber der überdimensionierte Metallschaber fährt nur einige Male über die Wachsmasse und wird dann mit einer Stahlaufhängung befestigt. Der Zustand dieser Arbeit wird während der Ausstellung nicht mehr verändert.

Bei dem Werk „Shadow Corner“ handelt es sich wieder um ein „work in progress“, das mit dem Aufeinandertreffen von Quadrat und Halbkreissegment spielt. Eine negative Form wird durch einen automatischen Arm in einer extrem langsamen Bewegung kontinuierlich ausgehöhlt. Der Ausstellungsbesucher nimmt kein endgültiges Bild des Werkes mit, sondern eines mit ungewissem Ausgang, dessen finale Form er imaginieren muss.

Die vier Ausstellungswerke weisen starke Affinitäten auf: Die geometrischen Grundformen Kugel, Halbkreis, Quadrat spielen für alle Arbeiten eine maßgebliche Rolle. „Shooting into the Corner“ verwendet die Kugel als Wurfgeschoss; bei „Past, Present, Future“ ist die Kugelform absolut dominant.

Seit den 1980er Jahren produziert Kapoor Skulpturen, die von seinem Geburtsland Indien inspiriert und auf abstrakte Weise poetisch sind. Sie erforschen die Wechselwirkung von Objekt, Abbild und Idee. Die Themen seiner Skulpturen – Leere, Transformation, Immaterialität, Glaube oder Leidenschaft – gehen weit über Formfragen hinaus und entstammen der Malerei. Die Faszination seiner Werke beruht auch auf dem charakteristischen Einsatz von Farbe.

Anish Kapoor ist ein Künstler, dessen Materialspektrum sehr vielseitig ist und von ephemeren Farbpigmenten über Spiegelobjekte und Wachs bis hin zu Fiberglas, Stein, PVC und poliertem Stahl reicht. Nicht weniger auffällig als seine diesbezügliche Experimentierfreude ist auch seine Auseinandersetzung mit dem Raum und der Wahrnehmung. So unterschiedlich die einzelnen Werkblöcke in ihrer Materialität bzw. Immaterialität auch sein mögen: Für Kapoor sind diese scheinbaren Gegensätze Teile eines großen Ganzen, dem er sich hingibt, um Neues zu entdecken. In vielen seiner Arbeiten ist seine Philosophie des Verborgenen enthalten.

Er thematisiert das Abwesende und Unsichtbare. Trotz starker Materialbezogenheit ist in seinen Werken die Anspielung, das Geistige und Transzendente enthalten, das weit über das Greifbare und die Oberflächlichkeit seiner Objekte hinausgeht.

Die Konfrontation mit dem Publikum nimmt für Kapoor zusehends an Bedeutung zu. Trotz einfacher Formen wird der Betrachter in seiner Wahrnehmung verunsichert und ist dazu gezwungen, die gewonnenen Eindrücke durch neue Sichtweisen zu vervollständigen und ständig zu relativieren.

Dieses Spiel wird durch das Einbeziehen der Zeitkomponente verstärkt, wenn ein Werk sich im Laufe der Ausstellung verändert. Allen vier Skulpturen ist der prozessuale Charakter des Abtragens bzw. Aufwerfens gemeinsam.

Anish Kapoor, der an diversen renommierten Kunstschulen in Indien und England studiert hat, zählt Werke von Künstlern wie Joseph Beuys und Barnett Newman ebenso zu seinen Einflüssen wie fernöstliches Kulturgut. 1990 vertrat er Großbritannien bei der Biennale von Venedig und wurde mit dem begehrten „Premio 2000“ der internationalen Jury ausgezeichnet. 1991 wurde ihm der renommierte Turner-Preis verliehen. Einer der Höhepunkte der documenta IX 1992 in Kassel war sein Raum „Descent into Limbo“. Aufsehen erregte er u.a. mit seinem Monumentalwerk „Marsyas“ 2002 in der Turbinenhalle der Tate Modern in London und mit „Cloud Gate“, einer 110 Tonnen schweren, rostfreien Stahlkonstruktion, die seit 2004 im Millennium- Park in Chicago zu sehen ist. Anish Kapoor arbeitet häufig an Architekturprojekten. Derzeit werden zwei von ihm konzipierte U-Bahnstationen in Neapel gebaut.

Die Ausstellung wird von zwei Publikationen begleitet:

Im März 2009 erscheint die Verlagsausgabe der Publikation „ANISH KAPOOR. Shooting into the Corner“, herausgegeben von Peter Noever, mit Beiträgen von Vito Acconci, Bettina M. Busse, Peter Noever, August Ruhs, Burghart Schmidt, Gabriel Ramin Schor und Michael Stavaric, deutsch/englisch, ca. 208 Seiten, ca. 150 Farbabbildungen, Wien/Hatje Cantz, Ostfildern, 2009.

Zur Eröffnung der Ausstellung erscheint vorab die MAK Special Edition, deutsch/englisch, ca. 136 Seiten, ca. 90 Farbabbildungen, MAK Wien, 2009, nur erhältlich im MAK Design Shop.

MAK

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