ARS VIVA
1. März - 24. Mai 2009
Museum Abteiberg / Mönchengladbach
ars viva 08/09. INSZENIERUNG / MISE EN SCÈNE
KEREN CYTTER, MANUEL GRAF, SIMON DYBBROE MØLLER, TRIS VONNA-MICHELL
In den 1960er-Jahren entdeckte der amerikanische Kunsthistoriker Michael Fried ein Phänomen, das ihn an das Ende der Kunst denken ließ: die »Theatralität«. Beispielsweise betrachtete er Objekte der Minimal Art und stellte fest, dass die jüngeren Künstler nicht mehr jene in sich geschlossenen Werke zeigten, die man zuvor in der modernen Kunst geschätzt hatte. Es sei nicht mehr möglich, sich hier in die Komposition von Farben und Formen, in die innere Stimmigkeit von Flächen oder Körpern oder gar in die Besonderheit einer künstlerischen Handschrift einzufühlen. All diese Momente, welche einst das besondere Medium und den Illusionsraum der modernen bildenden Kunst ausgemacht hatten, konnte Fried nicht mehr finden. Vielmehr »handelten« diese Objekte von etwas anderem, in einer völlig illusionslosen Materialität und mit einem ausgeprägten Hang zu ganz einfachen Formen, maschinellen Mitteln sowie seriellen Reihen. Sie erscheinen nicht mehr als autonome Werke an der Wand oder auf einem Sockel, sondern – vielfach direkt auf den Boden platziert – in räumlichen Inszenierungen, wie auf einer Bühne. Der Boden, der umgebende Raum und der Betrachter seien –wie er sich von den Künstlern hatte bestätigen lassen – nunmehr die entscheidenden Instanzen der Wahrnehmung. Folglich ging es nicht mehr um das Werk an sich, sondern dessen »Rolle«: seine Beziehungen, seine Interaktion mit dem Betrachter, seine Existenz im Realraum und sein Vermögen, Verweise auf die Realität zu erzeugen.
Die traditionsreiche ars viva-Ausstellung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft hat 2008/2009 die Begriffe »Inszenierung« und »Mise en scène« über die Auswahl der Preisträger gestellt und dringt - mit den zunächst recht divers scheinenden Positionen von Keren Cytter, Manuel Graf, Simon Dybbroe Møller und Tris Vonna-Michell - erneut in dieses grundsätzliche Phänomen einer veränderten Gegenwartskunst ein. Hierbei stand das Museum Abteiberg, welches in seiner gesamten Architektur auf diese Veränderungen ausgerichtet wurde, frühzeitig als ein Wunschort für die Ausstellung fest. Die Präsentation der ars viva-Preisträger wird unvermindert aktuelle Visionen dieses Museumsbaus in Erinnerung rufen und in die heutige Gegenwart treiben. Keren Cytter, Manuel Graf, Simon Dybbroe Møller und Tris Vonna-Michell stellen sich hierbei im besten Sinn als Extreme dar. Denn sie repräsentieren nicht nur das heutige Beziehungsgeflecht zwischen Objekt, Raum und Betrachter, sondern auch völlig unterschiedliche Medien; neben dem Wechselausstellungsraum und dem offenen Ausstellungsfoyer werden sie auch die »didaktischen Zonen« des Museums nutzen, den Audiovisionsraum, die Bühne des Vortragssaals und den kreisrunden Unterrichtsraum neben den Sammlungsräumen.
Keren Cytter (*1977 in Tel Aviv, Israel, lebt in Amsterdam und Berlin) verwendet in ihren Kurzfilmen sowohl Elemente des Dokumentarischen als auch des Fiktionalen. Zugleich sind sie Kommentare zum Medium Film und seinen erzählerischen Konventionen. Sie verbindet die Struktur des klassischen Dramas im Theater mit Melodramatischem und Groteskem, mit Zitaten aus der Populär- und Trashkultur. Mehrschichtige Erzählebenen überlagern die dargestellten zwischenmenschlichen Beziehungen, die Akteure spielen ihre Rolle und kommentieren gleichzeitig die Arbeit am Film.
Manuel Graf (*1978 in Bühl, Deutschland, lebt in Düsseldorf) umgibt seine Videofilme und 3D-Animationen mit selbstgebauten Modellen und Lichtinstallationen, die Hightech und Selfmade verbinden. Spielzeug, Kulissen, Bühnenmodelle, Gucklöcher und Spotlights dienen als Werkzeuge, um in seinen gestalteten Miniaturwelten, denen eine ganz eigene nostalgische Aura zueigen ist, die grundsätzlichen Fragen nach Ursprung und Wahrhaftigkeit unserer (Kultur-)Geschichte immer wieder neu zu illustrieren.
Simon Dybbroe Møller (*1976 in Aarhus, Dänemark, lebt in Frankfurt a.M. und in New York) komponiert räumliche Szenarien mit vorgefundenen oder vorhandenen Objekten, die der Zuschauer als scheinbar zufällig entstandene Situationen durchstreift. Häufig eingebettet in den Kontext der Moderne enthüllen die Gegenstände dabei Zusammenhänge und kleine Geschichten, deren immanente Logik den Betrachter vom Vorhandensein dieser inszenierten alltäglichen Vorkommnisse überzeugt.
Tris Vonna-Michell (*1982 in Southend on Sea, GB, lebt in London und Berlin) entwickelt seit 2003 verschiedene Geschichtsstränge, die zwischen Fakt und Fiktion changieren und als Performances und kulissenhafte Installationen inszeniert werden. Er verknüpft dabei die Tradition der »oral history« mit Objekten, Diaprojektionen, Texten und persönlichen Memorabilien, die als Requisiten für seine atemberaubend schnellen performativen Monologe dienen. Das Ephemere seiner Arbeitsweise und die Verwendung von Texten, sowohl realen als auch fiktiven narrativen Elementen führt hier zum »Kern einer Idee des Performativen«.
Die Ausstellung der Preisträger ars viva 08/09. Inszenierung / Mise en Scène hat drei unterschiedliche Stationen mit teils veränderten Werken:
Museum im Kulturspeicher Würzburg (19.10. – 30.11.08), Museum Abteiberg Mönchengladbach (01.03. – 24.05.09), Augarten Contemporary am Belvedere Wien (06.06. – 27.09.09).
Zur Ausstellung am Museum Abteiberg sind Live-Performances am 1. März und 24. Mai geplant – genauere Informationen folgten Anfang Februar.
Zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz-Verlag erschienen, mit 176 Seiten, 79 Abbildungen, davon 63 in Farbe, sowie Texten von Doris Krystof, Catrin Lorch, Susanne Pfeffer, Mirjam Schaub und Oliver Tepel.
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