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wechselausstellungen.de | 11. Dezember 2008

AUF GOLDENEM GRUND - Italienische Malerei zwischen gotischer Tradition und dem Aufbruch zur Renaissance

12. Dezember 2008 – 14. April 2009
Liechtenstein Museum / Wien

„Goldgrundbilder“, wie sie im kunsthistorischen Kontext kurz genannt werden, spielten in den Fürstlichen Sammlungen von Anfang an eine Rolle. Nun werden diese Werke der frühen italienischen Malerei mit einer eigenen Sonderschau entsprechend gewürdigt.

Etwa 50 Kunstwerke der Zeit zwischen 1325 und 1520, darunter Gemälde von Bernardo Daddi, Lorenzo Monaco, Giovanni di Paolo, Sassetta, Bartolomeo Vivarini und Liberale da Verona, veranschaulichen die Entwicklung der italienischen Malerei der Gotik und Frührenaissance und die Themenvielfalt dieser Epochen. Die Auswahl und Zusammenstellung der Werke deckt praktisch alle wesentlichen italienischen Kunstlandschaften jener Zeit ab – von Oberitalien bis zu Neapel im Süden, das noch unter starkem französischem Einfluss gestanden ist –, erhebt jedoch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Einen besonderen Kernbestand der Ausstellung bilden Gemälde aus der Toskana mit einem Schwerpunkt auf Siena und Florenz.

Der inhaltliche Bogen spannt sich von mehrteiligen kleinen Flügelaltären, die noch in ihrem ursprünglichen Aufbau erhalten sind, sowie Varianten des Bildtypus’ der thronenden Gottesmutter mit Kind, die sich im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts herausgebildet haben, über kleinteilige Heiligentäfelchen, die einst im Verband grösserer Altäre standen, bis hin zu seltenen Profanthemen, wie etwa der Wiedergabe von drei Episoden aus einem Tristanzyklus. Der thematische Schwerpunkt liegt jedoch auf der religiösen Malerei.

Das LIECHTENSTEIN MUSEUM und der Kunsthandel gehen im Rahmen dieser Sonderausstellung gemeinsame Wege. Bereits im Dezember des Vorjahres hatte die Ankündigung des Museums, seine Öffnungszeiten durch Sponsoringbeiträge aus dem Kunsthandel zu erweitern, für Überraschung gesorgt. Nun setzt diese Partnerschaft mit der ELITE GROUP of Fine Art Dealers, einem Zusammenschluss von Vertretern des internationalen Kunsthandels, neue interessante Akzente: Ergänzt um bedeutende Werke aus den Fürstlichen Sammlungen sowie ausgewählte Leihgaben, stammen etwa zwei Drittel der Objekte der Sonderausstellung AUF GOLDENEM GRUND aus dem Bestand eines der Mitglieder der ELITE GROUP, der Galerie G. Sarti. Ein Querschnitt von kostbaren Täfelchen, die entweder noch im Besitz der Galerie sind oder in jüngster Vergangenheit von dieser verkauft wurden, erschliesst dem Ausstellungsbesucher das Spannungsfeld der Zeit zwischen der traditionellen Goldgrundmalerei und der atmosphärischen, tiefenräumlichen Malweise, die den Aufbruch zur Renaissance begleitete.

FRÜHE ITALIENISCHE TAFELMALEREI IN DEN FÜRSTLICHEN SAMMLUNGEN UND AUS DEM BLICKWINKEL DES KUNSTMARKTS
Die Galerie G. Sarti mit der vornehmen Adresse Rue du Faubourg Saint-Honoré 25 in Paris ist für ihre Spezialisierung auf italienische Malerei der Gotik und Frührenaissance bekannt. In den letzten Jahren konnte die Galerie weltweit viele Werke aus dieser Zeit bei Privatsammlern sowie in grossen Museen unterbringen. So kam beispielsweise ein Gemälde von Mariotto Albertinelli (1474–1515) mit der Anbetung des Kindes in den Besitz des Musée des Beaux-Arts in Montreal, eine Kreuzigung von Francesco di Vannuccio (dokumentiert 1356–1389) wechselte in den Louvre, und ein Gemälde von Lorenzo Veneziano (dokumentiert 1356–1372) ist heute im Musée des Beaux-Arts in Tours zu bewundern.

Seit etwa zwei Jahrzehnten nimmt die Galerie G. Sarti auf dem Gebiet der frühen italienischen Malerei eine Vorreiterrolle ein und hat sich damit auf dem international heiss umkämpften Kunstmarkt eine aussergewöhnliche Nische geschaffen. Sowohl der potentielle Kundenstock als auch der Markt für derartige Objekte ist jedoch relativ klein. Nur wenige Tafeln kommen in gutem Zustand und ohne einschneidende Restaurierungen in den Handel, die Zahl der erhaltenen Gemälde dieser Zeit ist im Allgemeinen sehr gering. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Seltenheit und Fragilität zählen diese Werke zu den kostbarsten musealen Beständen von Kunstsammlungen und Museen, die aus diesen Gründen auch nur selten auf Reisen geschickt werden.

Nicht nur Museen haben verstärktes Interesse an den raren Zeugnissen dieser Epoche, die Käuferschicht dieser Gemälde setzt sich zu etwa zwei Drittel aus Privatsammlern zusammen. Einige Tafeln aus dem ehemaligen Besitz der Galerie, die sich heute in privater Hand befinden, werden in der Sonderausstellung AUF GOLDENEM GRUND ebenfalls gezeigt.

Die frühe italienische Malerei ist in Wien nur mit wenigen Werken präsent. Umso erfreulicher ist es, dem Publikum eine derartige Ausstellung im Kontext mit Beispielen aus den Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein präsentieren zu können. Ein Teil dieses ansehnlichen Bestandes an Gemälden der italienischen Gotik und Frührenaissance wird üblicherweise in Saal 4 der Dauerausstellung des LIECHTENSTEIN MUSEUM gezeigt, nun sind diese Werke im Rahmen der Sonderschau zu sehen.

Seitens der Familie Liechtenstein bestand vor allem am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verkörpert durch Fürst Johann II. von Liechtenstein (1858–1929), grosses Interesse an derartigen Objekten. Das Sammeln dieser Periode lag im Trend und erlangte zu dieser Zeit einen Höhepunkt. Johann II. konnte die bereits vorhandene Sammlung durch den Erwerb von bedeutenden Bildern der frühen italienischen Malerei erweitern, auch wenn es bereits damals nicht leicht war, diese Gemälde auf dem Kunstmarkt aufzuspüren. Der Fürst kaufte sehr oft direkt in Florenz und stützte sich bei seinen Ankaufsentscheidungen auf seinen Berater und „Fährtensucher“ Wilhelm von Bode. In ganz Europa unterwegs, war dieser nicht nur als Generaldirektor der königlichen Museen in Berlin für den Erwerb von Kunstwerken verantwortlich, sondern auch unterstützend für die Fürstlichen Sammlungen im Einsatz. Gemälde wie Lorenzo Monacos Maria mit dem Kind und zwei Engeln (um 1420) oder Naddo Ceccharellis Christus als Schmerzensmann (um 1347) konnten der Sammlung durch die Bemühungen des Fürsten hinzugefügt werden.

Der Grosszügigkeit des Fürsten Johann II. von Liechtenstein verdanken aber auch andere Museen in den ehemaligen Monarchieländern und in Wien ganz entscheidende Schenkungen. Viele der ehemals in den Fürstlichen Sammlungen befindlichen frühen italienischen Gemälde wechselten unter seiner Regentschaft den Besitzer. Seit 1879 trat der Fürst gegenüber der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien als Mäzen auf und überliess ihr rund 60 Schenkungen, darunter so bedeutende Gemälde wie den Tondo des Sandro Botticelli und Antonio da Fabrianos Marienkrönung. Anhand einer Leihgabe aus der Gemäldegalerie der Akademie, Jacopo del Sellaios Thronende Madonna mit Kind, dem Johannesknaben und Engeln, wird in der Ausstellung AUF GOLDENEM GRUND beispielhaft auf jene Beiträge des Fürsten sowie diesen speziellen Aspekt der Sammlungsgeschichte hingewiesen.

AUFWÄNDIGE TECHNIKEN UND VIELFÄLTIGE SCHICKSALE
Viele der Diptychen, Triptychen und Polyptychen sind heute in aller Welt verstreut. Um neueren und der Mode entsprechenden Altären Platz zu schaffen, wurden sie oftmals in Einzelteile zerlegt und andernorts wieder aufgestellt oder neuen Verwendungen zugeführt. Auch auf dem Kunstmarkt liess sich auf diese Art vor allem im 19. Jahrhundert mehr Profit machen. Nur wenige Altäre aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind daher heute noch in ihrem ursprünglichen Zusammenhang zu bewundern. Isoliert und aus dem Gefüge gerissen, ist die Bedeutung und Verwendung der Täfelchen für den heutigen Betrachter oftmals nicht mehr nachvollziehbar. Die Rekonstruktion der Altäre ist eine grosse Herausforderung, die trotz profunder Forschungsarbeit auf diesem Gebiet vor allem aufgrund der Seltenheit der Werke leider nicht immer gelingt. Ziel der Ausstellung ist es daher auch, im Rahmen des derzeitigen Forschungsstandes auf ursprüngliche Zusammenhänge hinzuweisen, und dem Publikum die besondere Pretiosität dieser Tafeln sowie deren ursprüngliche Verwendung und teils abenteuerlichen Schicksale bewusst zu machen.

Rekonstruktionen der Eingliederung von Einzeltafeln ergeben sich auf Basis der Provenienzen, des Stils, der Grösse, aber auch aufgrund der Goldgrundtechnik, des eingesetzten Materials, der Punzierungen oder aber der Anbringung von Scharnieren und Verbindungsstücken auf den Rückseiten. Einige der gezeigten Werke wurden mit Hilfe dieser Indikatoren mit anderen Gemälden in Verbindung gebracht und einem ursprünglichen Gefüge zugeordnet. So konnte unter anderem anhand der Punzierungen des Heiligenscheines des heiligen Markus (um 1410) von Andrea di Bartolo (um 1360/65–1428) aufgezeigt werden, dass dieser Teil einer Serie der vier Evangelisten war, von denen sich ein heiliger Matthäus und ein heiliger Johannes in einer Schweizer Privatsammlung erhalten haben. Caporales (um 1420– 1502/03) Tondi einer Predella mit den heiligen Petrus und Paulus (um 1467/70) wiederum wurden mit einem Vir Dolorum aus dem Ashmolean Museum in Oxford in Verbindung gebracht.

Das prominenteste Beispiel in diesem Kontext ist Der heilige Augustinus (1439–1444) von Stefano di Giovanni (gen. Sassetta; um 1400–1450), der als Teil des berühmten Altares für San Francesco in Borgo San Sepolcro gilt. Dessen Platzierung im Gesamtzusammenhang des Polyptychons musste nach der Auffindung der so genannten scripta vom 23. Jänner 1439 (eine schriftliche Einigung der Auftraggeber mit dem Künstler über das inhaltliche Programm) neu überdacht werden. 2009 soll eine Publikation der Villa I Tatti – Harvard University Center for Italian Studies mit Beiträgen der führenden Sassetta-Experten die aktuellsten Erkenntnisse zu diesem Meisterwerk bringen. Die Geschichte des Franziskusaltares scheint folglich noch lange nicht zu Ende geschrieben; für einige der in der Ausstellung gezeigten Altarfragmente, die noch nicht schlüssig zugeordnet werden konnten, öffnet sich künftig möglicherweise ebenfalls ein weiterführendes Kapitel.

Mehr als ein Drittel der gezeigten Werke datiert aus der Zeit vor 1400, jener Periode, aus der die wenigsten Gemälde bis heute überlebt haben. Diese Zeit repräsentiert beispielsweise die Tafel des bedeutendsten Malers aus Pisa, Francesco Traini (dokumentiert zwischen 1321 und 1345). Traini, dessen Madonna mit Kind (um 1325) eine unglaubliche Lebendigkeit vermittelt, stand in der Tradition der Sienesen Simone Martini und Lippo Memmi. Ein weiterer grosser Künstler in diesem Zusammenhang sowie führender Vertreter der Schule von Arezzo, der es verstand, die dekorativen Effekte der Sienesen mit den Errungenschaften der Malerei in Florenz zu verbinden, ist Andrea di Nerio (dokumentiert ab 1331 – vor 1387). Giusto de’ Menabuoi (um 1320/30 – vor 1391), berühmt für seine aussergewöhnlichen Fresken im Baptisterium in Padua, ist mit sechs kleinen Täfelchen, die vermutlich aus dem Terzago Polyptychon (1363) stammen, vertreten. Bernardo Daddis (tätig ab etwa 1320–1348), Darbringung Christi im Tempel (um 1336/38), die mit einer Geburt Christi und Verkündigung an die Hirten aus dem Boston Museum of Fine Arts in Verbindung steht, ist als Beispiel für die frühe Florentiner Schule zu nennen. Daddi gilt als einer der bedeutendsten Florentiner Künstler in der Nachfolge Giottos (1267–1337). Vom Sienesen Bartolo di Fredi (dokumentiert seit 1353–1410) stammt die Vorderseite einer der frühesten erhaltenen Hochzeitstruhen mit Darstellungen aus einem Tristanzyklus (um 1400). Die beiden Cassoni der Fürstlichen Sammlungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert können ergänzend das Aussehen und die Entwicklung derartiger Truhen belegen.

Die sienesische Malerei des 15. Jahrhunderts wird von zwei der bedeutendsten Maler des Quattrocento, Giovanni di Paolo (1398–1482) und Sassetta repräsentiert. Der heilige Augustinus (1439–1444) von Sassetta zählt zweifelsohne zu den Highlights der Ausstellung. Einst Teil des berühmten Altares, den Sassetta für die Kirche von San Francesco in Borgo Sepolcro als das Hauptwerk seiner Reifezeit geschaffen hat, verdeutlicht diese Tafel einmal mehr das abenteuerliche Schicksal derartiger Polyptychen: Der Altar ist heute über die ganze Welt verstreut.

Bartolomeo Vivarinis (1430–1491) Maria Lactans (um 1450) – ehemals in der Galerie G. Sarti und heute im Privatbesitz – ist ein weiteres Highlight der Ausstellung und repräsentiert die Malerei Venedigs in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Überzeugend ist die malerische Qualität, bestechend auch der Erhaltungszustand der Tafel. Einflüsse von Andrea Mantegna (1431–1506) und der Paduaner Schule, die in ihrer Malerei vor allem dem Körpervolumen und der Monumentalität besondere Bedeutung beimassen, sind nicht nur in diesem Werk, sondern beispielsweise auch bei den ausgestellten Gemälden Liberale da Veronas (um 1445 – zwischen 1527/29) oder Francesco Benaglios (um 1432– 1492) spürbar. In Benaglios Madonna mit Kind (um 1465), bei der das Jesuskind auf einer Brüstung sitzend seine Füsschen in den Betrachterraum zu strecken scheint und sich der Ausblick im Hintergrund in eine breite Himmelszone sowie einen schmalen Landschaftsstreifen weitet, sind bereits Neuerungen angedeutet, die mit Girolamo Gengas (um 1476–1551) Madonna mit Kind und dem Johannesknaben (um 1510) in der Ausstellung ihren Ausklang finden. Von der Goldgrundmalerei gänzlich gelöst, zeugt das Gemälde dieses Künstlers vom stilistischen Einfluss Raffaels (1483– 1520) und Peruginos (um 1450–1523). Genga wurde nach einer vorangehenden Lehrzeit bei Luca Signorelli (um 1450–1523) in Siena in der Werkstatt Peruginos ausgebildet. Neu sind der nahezu pyramidale Bildaufbau der Mariengruppe, die atmosphärische Perspektive und die Einbindung der Figuren in eine weitläufige Landschaft, die eine tiefenräumliche Vorstellung evoziert und zugleich die Personen in den Naturraum mit einbindet. Das Gold ist gewichen, um der Landschaft Platz zu machen.

Für die von Claire und Giovanni Sarti zusammengestellten Werke verfassten hochkarätige Vertreter der Kunstwissenschaft einen umfangreichen Katalog, der in englischer und französischer Sprache vorliegt. Namhafte Experten für frühe italienische Malerei, darunter unter anderen Keith Christiansen, Luciano Bellosi, Andrea De Marchi, Machtelt Israëls und Frank Dabell, steuerten hierfür die wissenschaftlichen Katalogbeiträge bei.

Das LIECHTENSTEIN MUSEUM ergänzt diese Publikation durch einen auf diesen Erkenntnissen basierenden Publikumskatalog, der auch die ausgestellten Werke der Fürstlichen Sammlungen sowie die zusätzlichen Leihgaben beinhaltet.

Liechtenstein Museum



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