Brücke Bauhaus Blauer Reiter - Schätze der Sammlung Max Fischer
6. März - 20. Juni 2010
Staatsgalerie Stuttgart
Die Privatsammlung des Stuttgarter Unternehmers Dr. Max Fischer (1886 - 1975) ist bislang nur Wenigen bekannt, obwohl sie Kunst der Klassischen Moderne von höchster Qualität vereint. Die großzügige Bereitschaft der Erben, die Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart als Dauerleihgabe zu überlassen, ermöglicht nun dem Museum, diese umfassende Kollektion erstmals zu würdigen und eine Auswahl von 180 Werken aus den insgesamt über 250 der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wie bedeutend diese Sammlung ist, wird auch in der Gegenüberstellung einzelner Arbeiten aus dem Bestand der Staatsgalerie deutlich.
Der Sammler Max Fischer
Dr. Max Fischer war eine Sammlerpersönlichkeit der facettenreichen Stuttgarter Kunstszene in der Nachkriegszeit. Beim Aufbau seiner Sammlung verließ sich Fischer auf eigene kunstwissenschaftliche Lektüre und eignete sich ein sicheres Qualitätsurteil an. Neben den zeitgeschichtlichen Umständen nach dem Zweiten Weltkrieg war dies ein entscheidendes Kriterium für den Aufbau seiner Sammlung mit Schwerpunkt Expressionismus. Es entstand eine hochkarätige Sammlung mit klarem Profil, die trotz ihres privaten Daseins zunehmend Leihanfragen aus aller Welt erhielt.
Aufbau der Sammlung
Zu den frühen Erwerbungen im modernen Bereich gehörten neben expressionistischen Graphiken von Max Beckmann, Heinrich Campendonk, Otto Dix, Conrad Felixmüller und Max Pechstein auch Gemälde des Stuttgarter Künstlers Oskar Schlemmer. Weitere bedeutende Werke kaufte Fischer in den 1920er Jahren zumeist im Stuttgarter Kunsthaus Schaller. Dazu zählen das anrührende Gemälde Zwei Mädchen (um 1923) von Carl Hofer, ein Interieur von Oskar Kokoschka (um 1925), das Fischer für beachtliche 3.000 Reichsmark erstand, sowie das träumerische Aquarell Zwei weibliche Akte (1912) von Franz Marc.
Den Großteil seiner Sammlung erwarb Fischer im Stuttgarter Kunstkabinett, das 1946 von Roman Norbert Ketterer gegründet zum wichtigsten Auktionshaus für Kunst des 20. Jahrhunderts wurde. Hochkarätige expressionistische Arbeiten zu noch moderaten Preisen überzeugten den Sammler, sich zunehmend auf die Arbeiten der Brücke und des Blauen Reiter sowie der Einzelgänger Edvard Munch, Emil Nolde und Max Beckmann zu konzentrieren. Unter den Bauhauskünstlern galt sein Augenmerk Oskar Schlemmer und dem vom Kubismus inspirierten Lyonel Feininger. Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner und Wilhelm Lehmbruck, eine größere Sammlung von Arbeiten der befreundeten Stuttgarter Künstler Alfred Lörcher und Ida Kerkovius sowie von deren Lehrer Adolf Hölzel ergänzen den Sammlungskern Brücke - Blauer Reiter - Bauhaus.
Schwerpunkt der Sammlung mit Ernst Ludwig Kircher
Ernst Ludwig Kirchner bildet mit fast 60 Graphiken, 48 Zeichnungen und einer Gruppe von sechs, zwischen 1908 und 1924 entstandenen Gemälden den Mittelpunkt. Max Fischer gelang der Aufbau eines Kirchner-Ensembles, das die gesamte Entwicklung des 1938 in Davos gestorbenen Künstlers nachvollzieht und dabei alle Medien einbezieht. Einen Höhepunkt der Sammlung stellen die zwischen 1912 und 1915 entstandenen, teils sehr großformatigen Tusche- und Pastellzeichnungen von Frauen im Atelier oder auf der Straße dar. Ein bedeutendes Landschaftsbild von 1914, Segelboote bei Grünau, heute in der Staatsgalerie Stuttgart, überließ Max Fischer in einem Bietgefecht im Stuttgarter Kunstkabinett dem damaligen Direktor und Vertrauten Erwin Petermann und erwarb stattdessen die Farblithographie des Motivs. Mit gutem Gespür erwarb Fischer Zeichnungen und Graphiken aus der zweiten, über 20-jährigen Schaffensphase des Künstlers im schweizerischen Davos. Die Entwicklung von der vibrierenden Bildstruktur der Berliner Phase zur formalen Beruhigung der Davoser Zeit wird eindrucksvoll nachvollziehbar. Die Zeichnungen und berühmten Holzschnitte gelten heute als Meisterwerke (Wintermondnacht, 1919; Wettertannen, 1919; Junkerboden, 1919).
Neben Kirchner sammelte Max Fischer auch Werke des Brücke-Künstler Erich Heckel. Es spricht für seine Sachkenntnis, dass er sich auf die essentielle Druckgraphik Heckels aus den Jahren 1907 bis 1919 konzentrierte. Dazu zählen seine frühen Experimente mit den malerischen Qualitäten des Steindrucks (Kabarettsängerin von 1907/1906?) und exemplarische Holzschnitte, die wegweisend für sein übriges Werk sind (Zwei ruhende Frauen; Fränzi, liegend, beide von 1909 und die berühmten Weissen Pferde, 1912).
Einzelgänger: Emil Nolde, Edvard Munch und Max Beckmann
Unter den Vorläufern der Brücke-Künstler ragt die flächenhaft vereinfachte Kunst des Norwegers Edvard Munch heraus. Fischer erkannte dessen Bedeutung für die Expressionisten und erwarb mit erheblichen finanziellen Mitteln bedeutende frühe Drucke. Ein besonderes Werk in der Sammlung ist die nur in wenigen Exemplaren bekannte Frottage Kopf bei Kopf (1905), bei der Munch den Holzstock mit farbigen Kreiden durchgerieben hat. Ihr gegenüber gestellt ist ein Farbholzschnitt des Motivs, das sich in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart befindet (Kopf bei Kopf (Mann und Weib sich küssend), 1905).
Einen wahren Farbenrausch entfacht der Norddeutsche Emil Nolde mit seinen Aquarellen, die in der Sammlung Fischer als feines repräsentatives Ensemble vertreten sind (Weiblicher Kopf nach links, 1912/13; Meereslandschaft, 1920; Glückliche Mutter, 1931-35 aus der Reihe der großformatigen Phantasien). Das Glanzstück in Fischers Nolde-Sammlung ist wohl die unmittelbar mit Tusche auf den Stein gezeichnete, ekstatische Tänzerin, 1913, die er im November 1950 bei Ketterer für sagenhafte DM 207,– ersteigerte.
Durch den Verkauf von Arbeiten schärfte Max Fischer das Profil seiner Sammlung. Um ein wichtiges Gemälde von Max Beckmann aus den 1940er Jahren kaufen zu können, veräußerte er für den hohen Kaufpreis Arbeiten von Henri de Toulouse-Lautrec sowie die gesamte Kollektion von Dürer und Altdorfer (Akademie I, 1944). Das im Amsterdamer Exil gemalte Atelierbild Beckmanns stellt in seiner Format sprengenden Dynamik einen Höhepunkt der Sammlung dar. Der Dialog zwischen dem düster versunkenen Maler und dem überdimensional, heldenhaft vitalen Modell spiegelt die depressive Stimmung des Künstlers wider.
Alexej von Jawlensky
Einen besonderen Akzent setzte Fischer mit einer Werkgruppe zu Alexej von Jawlensky, dessen frühe und entscheidende Entwicklungsstufen mit vier Gemälden vertreten sind (Landstraße,1904/06; Stillleben mit Blumen und Orangen, um 1909; Variation über ein landschaftliches Thema, 1916). Unter den Arbeiten befindet sich auch das Porträt einer Spanierin mit Mantilla, deren ikonisch aufgefasste Darstellung Jawlensky ab 1917 fast ausschließlich praktizierte (Großer Frauenkopf (Manola), 1912/13).
Bauhaus: Oskar Schlemmer, Paul Klee
Fischer erwarb bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zwei Landschaftsgemälde des Bauhaus- Künstlers Oskar Schlemmer (Vor dem Kloster, 1914; Stuttgarter Landschaft, 1912). Die Heroische Szene von 1935, eine Reaktion des mit Ausstellungsverbot belegten Künstlers auf die Zeitumstände, ist der letzte Ankauf Fischers von Werken Schlemmers. Die Unübersichtlichkeit der dicht gedrängten Figuren steht im Kontrast zu den früheren großformatigen Hauptwerken (Fünf Männer im Raum, 1928; Szene am Geländer, 1931; Junge in Blauweiß, 1931).
Mit den Arbeiten von Paul Klee wird die von Max Fischer sorgfältige über Jahrzehnte hinweg befolgte Sammlungsstrategie besonders überzeugend. Nur ein Jahr nachdem die Staatsgalerie das Gemälde Rhythmus der Fenster (1920) angekauft hatte, erwarb Fischer 1925 das Aquarell Selbstmord eines Stubenmädchens (1923). Im Jahr 1955 kommt als letzter Klee-Ankauf die lange nach der Bauhauszeit entstandene Arbeit ein Park und der Unbefugte (1939) hinzu. Fast erschreckend wirkt neben den filigranen früheren Arbeiten das mit Elementen der Collage und Kleisterfarbe arbeitende Spätwerk des Künstlers. Todesahnung und Bedrohlichkeit der Zeitumstände werden, ähnlich wie bei den späten Arbeiten von Schlemmer und Beckmann, unmittelbar spürbar. Den Sammler Max Fischer, der in der Beschäftigung mit Kunst die Erkenntnis des Wahren suchte, haben gerade solche intensiven Werke angesprochen und damit seiner Kollektion ihr charakteristisches Profil verliehen.
Medienmitteilung
Staatsgalerie Stuttgart
Stichwörter / Tags: Bauhaus, Blauer Reiter, Brücke, Sammlung Max Fischer, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart
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