Bunte Götter - Die Farbigkeit antiker Skulptur
8.10.2008 - 15.02.2009
Liebieghaus Skulpturensammlung, Antikensammlung / Frankfurt am Main
Die antike Marmorskulptur war nicht weiß, sondern bunt. Davon berichten antike Schriftquellen in überwältigender Fülle. Die unumstößliche Tatsache einer farbigen antiken Skulptur ist in der italienischen Renaissance verdrängt und im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen worden, ehe sie im 20. Jahrhundert zugunsten einer auf Klarheit ausgerichteten Ästhetik erneut in den Hintergrund geriet. Bis heute haben sich an antiken Skulpturen zahlreiche Spuren des ursprünglichen Farbenkleides erhalten. Sie beweisen, dass die griechischen und römischen Statuen Gewänder trugen, die mit aufwändigen Ornamenten und kostbaren Farben verziert waren. Seit 25 Jahren werden von einem internationalen Forscherteam unter der Leitung von Vinzenz Brinkmann, dem Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses, Untersuchungen durchgeführt, die eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen erbracht haben. Die aus diesen Forschungsarbeiten hervorgegangene Ausstellung „Bunte Götter“, die in Europa und den USA mit Stationen u. a. im J. Paul Getty Museum in Los Angeles und im Arthur M. Sackler Museum der Harvard Universität in Cambridge mit großem Erfolg gezeigt wurde, ist nun in einer wesentlich erweiterten Form im Frankfurter Liebieghaus zu sehen. Sie verbindet ca. 70 Originale, darunter farbige Terrakotten, Marmorskulpturen und Mumienporträts, mit über 30 spektakulären Rekonstruktionen, anhand deren die „bunte Antike“ erneut auflebt. Höhepunkt der Ausstellung im Liebieghaus ist die eigens für die Frankfurter Präsentation angefertigte und nun erstmals gezeigte Rekonstruktion des sogenannten „Perserreiters“ der Athener Akropolis, dessen Farbigkeit besonders gut erhalten ist.
Eigentlich konnte man es immer schon nachlesen: Die großen Schriftsteller der griechischen und römischen Antike berichten in aller Klarheit und Selbstverständlichkeit von den farbigen Figuren. Der Tragödiendichter Euripides (ca. 480–406 v. Chr.) wählt die farblose Marmorskulptur als Bild außerordentlicher Hässlichkeit. Als durch die Schönheit einer Frau der Trojanische Krieg ausgelöst wird, sagt Helena zu sich: Wäre ich doch immer so hässlich gewesen wie eine Statue, der man die Farbe abgewischt hat, wäre nicht dieses Leid über die Menschen gebracht worden. Dass die Tatsache der „bunten Antike“ in der Geschichte der Archäologie und Kunstgeschichte jedoch stark umstritten war, davon zeugen ebenfalls zahlreiche Quellen. „So wird auch ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist“, schrieb der berühmte deutsche Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) in seiner 1764 erschienenen „Geschichte der Kunst des Alterthums“ und erhob damit das reine Weiß zum Schönheitsideal der Antike. Winckelmanns Ansichten beeinflussten die Kunst des 19. Jahrhunderts und prägen unsere Vorstellung griechischer und römischer Kunst bis heute. Dabei konnten bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts Forscher bei archäologischen Ausgrabungen in Athen und Rom eindeutige Farbreste an zahlreichen Marmorfiguren entdecken. Johann Martin von Wagner (1777–1858), Maler, Bildhauer und Kunstagent des bayerischen Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I., reiste in dessen Auftrag 1812 nach Griechenland, um dort die kurz zuvor aufgefundenen Giebelskulpturen des Aphaia-Tempels von Ägina zu erwerben. 1815/16 verfasste er eine Beschreibung der farbigen Skulpturen. Allerdings zeigte er sich ganz im Sinn Winckelmanns eher schockiert und wunderte sich über den „scheinbar bizarren Geschmack“, den er als „barbarische Sitte und ein Überbleibsel aus früheren, rohen Zeiten“ beurteilte. Aber nicht nur schriftliche Dokumente zeugen von der Farbigkeit antiker Skulptur. Mit großer Genauigkeit wurden die Spuren der einstigen Bemalung auch in Zeichnungen und Aquarellen festgehalten. Ein großer Verdienst kommt hier der in Griechenland ansässigen Schweizer Künstlerfamilie Gilliéron zu, die seit ca. 1870 Zeichnungen antiker Skulpturen anfertigte. Das Liebieghaus besitzt glücklicherweise eine Reihe von Aquarellen von Emile Gilliéron, die nun im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden. Überzeugte Anhänger antiker Polychromie fanden sich auch unter den Architekten: Gottfried Semper (1803–1879), der bei einer Reise durch Italien und Griechenland von 1830 bis 1833 selbst Untersuchungen an farbigen Bauten und Skulpturen vorgenommen hatte, wurde zu einem der bedeutendsten Verfechter der Polychromie und ließ z. B. die Antikensäle im Japanischen Palais in Dresden farbig bemalen. Auch Leo von Klenze (1784–1864) gestaltete unter anderem im Auftrag seines Bauherrn, König Ludwigs I., die Innenräume der Glyptothek in München prachtvoll bunt und bezeichnete sich selbst als „Euer Majestät polychromatischer Sekretär“.
Bis zum Ausbruch des II. Weltkriegs wurde die Diskussion über die Farbigkeit der Antike teilweise heftig fortgeführt, wobei sich im 20. Jahrhundert zunehmend die Schönheit der reinen und reduzierten Form durchsetzte. Erst in den 1960er-Jahren begannen Wissenschaftler wieder die Farbigkeit mit neuen technischen Methoden zu erforschen. Seit über 25 Jahren untersucht und dokumentiert ein internationales Forscherteam um Prof. Vinzenz Brinkmann mit naturwissenschaftlicher Techniken die Farbigkeit antiker Skulptur. Wurden vor knapp 200 Jahren die Farbspuren noch mithilfe von Probenentnahmen analysiert, können heute die meisten Analysen durch digitale Verfahren erstellt werden. Mit der Raman-Spektroskopie und der UV-Vis-Absorptionsspektroskopie werden in kurzer Zeit zahlreiche Pigmentreste bestimmt, ohne das Original zu berühren. Die neuen Forschungen haben zudem in großem Umfang von den Möglichkeiten der technischen Fotografie profitiert, vor allem von der UV-Fluoreszenzfotografie und der UV-Reflektografie, mit der selbst an Stellen, an denen sich keine Pigmente erhalten haben, die einst aufgemalten Ornamente aufgrund chemischer und mechanischer Veränderungen der Steinoberfläche wieder sichtbar gemacht werden können.
Die Ausstellung im Liebieghaus macht nun anhand von über 30 detailreichen farbigen Rekonstruktionen und 70 ausgewählten Originalexponaten aus internationalen Sammlungen sowie aus dem Bestand des Liebieghauses die Ergebnisse der wissenschaftlichen Polychromieforschung für den Betrachter sichtbar und belegt in beeindruckender Weise die Bedeutung der Farbe für die antike Skulptur.
Eine Ausstellung der Liebieghaus Skulpturensammlung in Kooperation mit der Stiftung Archäologie.
Kurator: Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung, Liebieghaus Skulpturensammlung
Architektur: Kuehn Malvezzi Architekten, Berlin
Weitere Station:
Museumslandschaft Hessen Kassel, Museum Schloss Wilhelmshöhe, Antikensammlung, 6. März bis 1. Juni 2009
Liebieghaus Skulpturensammlung, Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt am Main
Stichwörter / Tags: Antike, Frankfurt, Liebieghaus Skulpturensammlung, Skulptur
Die Nutzung der Kommentierungsfunktion ist als Gast ohne Registrierung möglich. Nach Eingabe eines Nutzernamens und einer E-Mail-Adresse können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Alternativ können Sie sich bei Disqus registrieren oder sich über Ihre Facebook-, Twitter-, Google-, Yahoo- oder OpenID-Accounts anmelden. blog comments powered by Disqus