Christian Vetter. Disappearing Eye
22. November 2008 – 25. Januar 2009, Kunstmuseum St.Gallen
„Es ist nochmals ein Festhalten, eine Erinnerung an ein grossartiges Bild, bevor es weg ist. Ich empfinde den kulturellen Gedächtnisverlust als ein grosses Thema von heute.“
Christian Vetter
Der Manor-Kunstpreis St.Gallen 2008 wird dem 1970 geborenen St.Galler Künstler Christian Vetter verliehen. Der mit Fr. 15′000 dotierte Preis wird alle zwei Jahre vergeben. Begleitet wird er von einer Einzelausstellung im Kunstmuseum St.Gallen, zu der eine eigene Publikation erscheint.
History Park betitelte Christian Vetter eine umfangreiche Werkserie, mit der er seit 2002 in der Schweizer Kunstszene prominent hervorgetreten ist. Einsame Berggipfel, steinerne Monumente, geheimnisvolle Höhlen, verlassene Jagdhochsitze, bühnenartige Waldlichtungen, aber auch Interieurs mit heimeligen Cheminéefeuern bilden das leicht antiquierte Inventar der menschenleeren Gemälde. Nicht einmal im Ansatz versucht der Künstler, das offensichtliche Vakuum durch virtuose Malerei zu kaschieren. Es ist diese eigenartige Leere, die gleichermassen fasziniert wie irritiert.
Der Grund eines Bildes sei bereits ein Bild, behauptet der Medientheoretiker Peter Weibel. Eine vergleichbare künstlerische Strategie verfolgt Christian Vetter, wenn er fotografische Bildvorlagen in eine kühl-distanzierte Malerei übersetzt und dabei ihre potentielle Theatralik umso deutlicher hervortreten lässt. Seine Bildwelt basiert auf einer mit der Ernsthaftigkeit eines Archivars getätigten Bildrecherche, bei der er sich seinen oft politisch aufgeladenen Themen vorsichtig annähert. So beschäftigt er sich u. a. mit geschichtlichen Phänomenen wie dem Faschismus und dessen Bildwelt. Seine Gemälde und seine Installationen leben von der kollektiven Erinnerung an mediale Vorbilder. Diese interpretiert der Künstler, ohne sie ironisch zu brechen. Vielmehr bewahren sie sich eine zwiespältige Faszination, der man sich nur schwer zu entziehen vermag. In seinem Werk zeigt sich keine subjektive Sicht auf die Welt, sondern die Repräsentation derselben im „lakonisch“ wirkenden malerischen Gestus, der durchaus mit den Illusionismen des Mediums zu kokettieren weiss. Dabei scheut sich der Künstler in Werkserien wie Interiors (2005) oder Das Haus / die Familie (2006) nicht vor den Abgründen von Kitsch und Klischee, um menschliche Machtvorstellungen, individuelle Wünsche und kollektive Sehnsüchte in Malerei zu übersetzen – und zwar in eine bewusst „oberflächliche Kulissenmalerei“. „Kulissen“ tauchen im Werk wiederholt auf, indem sie der Künstler in raumgreifenden Installationen wie Monument Valley (2003) oder Inversion (2005) inszeniert und dabei ganz nebenbei malerische Illusionen „desillusioniert“.
Christian Vetters Schaffen lebt von Gegensätzen und subtilen Zwischenräumen. Diese werden in seinen Fenster- und Mauerbildern Motiv und verweisen zugleich auf essentielle Fragen zur Malerei: das Licht als Grundlage und Gegenstand des Bildes zum einen und das Verhältnis zwischen dem realen Raum des Betrachters und dem imaginären Raum des Bildes. Im aktuellen Schaffen verzichtet der Künstler gar auf die Farbe zugunsten einer Grisaille-Technik: „Ich versuche immer, die Malerei möglichst «ökonomisch» einzusetzen. Da sich meine Pinselsprache in letzter Zeit stark geöffnet und differenziert hat, will ich mit dem Verzicht auf Farbe die nötige Nüchternheit wieder herstellen. Im Ernst: ich glaube, es geht in der Malerei heute als Letztes um Virtuosität. Es geht auch definitiv nicht um Schönheit.“ (Christian Vetter)
Christian Vetters Kunst thematisiert die medial geprägte Bildwelt der Gegenwart und die sich darin offenbarenden Sehnsüchte. Diese Welthaltigkeit verbindet sich mit einem Befragen der künstlerischen Gattungen und ihrer Traditionen, indem er diese durch die raffinierte Verwendung neuer Medien wie Fotografie, Film und Video erweitert. Zugleich unterläuft er mit der provisorischen Wirkung seiner Installationen und begehbaren Bilder jeden Anspruch auf Gültigkeit, die der Kunst eingeschrieben ist, und verweist auf eine grundlegende Skepsis gegenüber tradierten Werkbegriffen, die sein formal distanziertes, intellektuell provozierendes Schaffen als höchst eigenwillige, komplexe Weltbefragung auszeichnet.
Hervorgetreten ist Christian Vetter in den vergangenen Jahren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, u. a. 2004 im Projektraum exex, 2005 in der Ausstellung hoch hinaus im Kunstmuseum Thun oder 2008 in Shifting Identities im Kunsthaus Zürich. Wie bei früheren Preisträgern wie Alex Hanimann, Pipilotti Rist, Christoph Büchel, Lutz/Guggisberg und Caro Niederer ermöglicht das Kunstmuseum St.Gallen auch Christian Vetter mit der Vergabe des MANOR-Kunstpreises die erste umfangreiche Einzelausstellung in einem Museum. Aus verschiedenen Vorschlägen bestimmte die Jury – Philippe Nordmann, Pierre-André Maus und Chantal Prod’hom von der Stifterfirma sowie die externen Fachleute Theodora Vischer, Direktorin der Laurenz-Stiftung in Basel, Bernard Tagwerker, Künstler aus St.Gallen, und Hans-Ruedi Voser, Delegierter der Betriebskommission der Stiftung St.Galler Museen – Christian Vetter zum Preisträger 2008. Zur Ausstellung erscheint in der Edition Fink eine vom Künstler konzipierte Publikation mit Textbeiträgen von Andreas Baur und Konrad Bitterli sowie einem Interview von Stefanie Kasper mit dem Künstler. Die Ausstellung wird anschliessend in der Villa Merkel in Esslingen zu sehen sein.
Kuratoren: Konrad Bitterli / Roland Wäspe
Die Ausstellung wird grosszügig unterstützt von: Manor AG, Maus Frères SA
Das Kunstmuseum St.Gallen wird institutionell von Stadt und Kanton St.Gallen gefördert.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint in der Edition Fink ein vom Künstler konzipiertes Katalogbuch mit zahlreichen Abbildungen, Essays von Andreas Baur und Konrad Bitterli sowie einem Interview von Stefanie Kasper mit dem Künstler.
Edition
Exklusiv für das Kunstmuseum St.Gallen wird Christian Vetter eine Edition mit 16 Originalzeichnungen realisieren.
Bitte wenden Sie sich an: kunstverein@kunstmuseumsg.ch
Stichwörter / Tags: Kunstmuseum St.Gallen, Schweiz, St.Gallen, Vetter
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