Corsin Fontana – Neue Zeichnungen
01. November 2008 – 01. Februar 2009, Museum für Gegenwartskunst / Basel
Im Zentrum der Ausstellung stehen neun grossformatige Ölkreidezeichnungen, die der 1944 in Domat / Ems (GR) geborene, in Basel lebende Künstler Corsin Fontana in den vergangenen fünf Jahren geschaffen hat. Die Motive der Zeichnungen bestehen aus horizontalen und vertikalen Streifen, die dicht nebeneinander gesetzt sind und die Blätter fast vollständig bedecken. Ausgestellt sind auch drei Zeichnungsfolgen, die den Titel Offene Räume, Mit gleichem Abstand und Horizontal tragen. Sie sind vor oder parallel zu den grossen Ölkreidezeichnungen entstanden und können als Weiterentwicklungen der von Fontana zwischen 1994 und 1998 geschaffenen Kreis- und Gitterkonstellationen angesehen werden. Das Erscheinungsbild der Streifen, welche die grossen Zeichnungen charakterisieren, wird von der Breite der Kreide mitbestimmt. Fontana schneidet die industriell vorgefertigte, im Querschnitt runde Kreide in etwa gleich lange Stücke und zeichnet damit die einzelnen Farbstreifen. Die Abstände der Vertikalen und der Horizontalen lassen sich daher auf unterschiedliche Weise gestalten. Es können quadratische Lichtöffnungen zwischen den Streifen zustandekommen, oder diese können so verdichtet werden, dass das Licht förmlich nur noch durch schmale Schlitze hindurchdringt. Je nach Lichteinfall und Dicke des Farbauftrages werden die Streifen, die sich mehrschichtig überlagern können, als flache Reliefs wahrnehmbar. Das Allover und der dichte Farbauftrag, welche den Blättern eine objekthafte physische Präsenz verleihen, sprengen daher die Grenzen des Mediums Zeichnung: Die Werke tendieren zur Malerei.
Matte und glänzende Streifen wechseln sich ab. Es entstehen Flimmereffekte, die dadurch gefördert werden, dass der Blick sich immer wieder von den Hauptbahnen leiten lässt, dann diagonal, willkürlich oder suchend über das Blatt hin und her schweift. Zu diesem Effekt tragen zum einen kleine Abweichungen in den Abständen der Linien bei, zum anderen die immer wieder anders in Erscheinung tretenden Streifen selbst, die an den Rändern keine scharfen Begrenzungen aufweisen, sondern wie ausgefranst wirken. Gewisse Unregelmässigkeiten im Erscheinungsbild der Streifen ergeben sich auch durch das Zusammenwirken der Unebenheiten des Papiers mit der weichen Kreide. Hinzu kommt das Ausschwitzen des Leinöles in das saugfähige Papier, wo es bräunliche Verfärbungen erzeugt. Insgesamt trägt dies wesentlich zur lebendigen Erscheinung der Werke und ihrer «malerischen» Oberfläche bei. Die drei mit farbiger Ölkreide in Grau, Orange und Rot ausgeführten Zeichnungen zeigen alle ausschliesslich horizontale Streifen. Nur das Hochformat der Papiere setzt den Horizontalen ein Gegengewicht. Farbe und Licht gehen hier eine untrennbare Verbindung ein, denn schon die Farbe selbst lässt sich als lichthaltig verstehen. Die Linien kommen sich so nahe, dass sie sich immer wieder zu berühren scheinen. Dadurch entsteht eine Lichtwirkung, die an impressionistische Bilder denken lässt. Sie ist zugleich das Resultat des Zusammenwirkens von lichthaltiger Farbe und der Zeit, die in den weissen Zwischenräumen eingeschlossen scheint. In den farbigen Blättern nähert sich Fontana am stärksten der reinen Malerei. Die Motive der Zeichnungen erinnern einerseits an Werke der Minimal Art, treten sie doch als abstrakte bzw. konstruierte Werke mit einem reduzierten Formvokabular in Erscheinung und sind darüber hinaus mit einfachsten Mitteln ausgeführt, andererseits legt der Künstler grosses Gewicht auf die Materialität. Diese doppelte Beziehung zeigt Fontanas Arbeiten im Spannungsfeld der Kategorien. Aus dieser Spannung resultieren naturphilosophische Gedanken von Ordnung und Unordnung, Struktur und Chaos, vom Widerstreit zwischen Licht und Finsternis.
Fontanas Arbeitsweise ist von einem eigenen, von ihm selbst gewählten Zeitfaktor geprägt. Man könnte sogar sagen, dass er gegen die (Uhr-)Zeit arbeitet. Das Vorgehen des Künstlers unterliegt einer meditativen Ausrichtung auf das Handeln selbst. Es wird durch die Wiederholung bestimmt und erinnert an ein Ritual. Die Gleichmässigkeit der Abstände zwischen den Streifen scheint diese Arbeitsweise unmittelbar zu spiegeln und suggeriert einen gleichmässigen Rhythmus.
Bildhaft gesprochen öffnen oder verengen die Abstände der Linien zugleich Licht- oder Zeiträume, was auch in den Zeichnungsfolgen, die vor und parallel zu den grossen Arbeiten entstanden sind, anschaulich wird. Wenn manche der grossen Kreidezeichnungen ruhiger, andere unruhiger wirken, dann hat das damit zu tun, dass die sich überlagernden Streifen mal mehr, mal weniger Raum öffnen, mal mehr, mal weniger Licht hindurch lassen oder verdrängen, vergleichbar mit lang strahlendem Licht im Gegensatz zum Blitz. In den Zeichnungen fällt aber das Nacheinander der Streifen wie auch ihre Gleichzeitigkeit in der Erscheinung zusammen. Es geht Fontana also nicht nur um Ordnung oder Chaos, Licht oder Finsternis, sondern auch um den Gegensatz von fliessender und stehender Zeit, von Vergangenheit und Gegenwart.
Christian Müller
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Text von Christian Müller (72 Seiten, 26 ganzseitige Abbildungen), CHF 25.–
Stichwörter / Tags: Basel, Corsin Fontana, Kunstmuseum Basel, Schweiz, Zeichnungen
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