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wechselausstellungen.de | 13. August 2009

Das Gespinst

13. September - 15. November 2009
Museum Abteiberg / Mönchengladbach

„Er entschied sich für die Verwobenheit, das Nichthierarchische, das selbstverständlich Endlose, das Erfahrung darstellt: ein Gespinst aus Erzähltem und Erlebtem, aus Wissen, Anschauung, Erinnerung und Wahrnehmung der Sinne.“ (Elke Schmitter über Claudio Magris, 1999)

DIE SAMMLUNG SCHÜRMANN ZU BESUCH IM MUSEUM ABTEIBERG

Die in rund 35 Jahren gewachsene Sammlung von Gaby und Wilhelm Schürmann gibt einen unvergleichlichen Blick auf die Entwicklung der Gegenwartskunst seit den 1980er Jahren. Das ausgeprägt assoziationsreiche Sehen Wilhelm Schürmanns wurde zwischenzeitlich zum Modell für viele Sammler und Kuratoren, die eminent unabhängige Qualität seines Blicks indessen nur von wenigen erreicht. Nach dem Projekt „Strange I’ve Seen That Face Before“ mit dem schottischen Kurator Toby Webster (2006) wird das Museum Abteiberg ein weiteres Mal mit fanatischen Liebhabern dieses Hauses zusammenarbeiten: „Das Museum Abteiberg war eine Ikone. Hier fuhren wir immer hin“, so Wilhelm Schürmann, der als Gastkurator aktiv wird und zusammen mit dem Museumsteam eine gespinstartige Inszenierung quer durch die Schauräume des Hauses anlegt. Mit Werken von Monika Baer, Nairy Baghramian, Andrea Bowers, Meg Cranston, Kate Davis, Joanne Greenbaum, Rachel Harrison, Richard Hawkins, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Zoe Leonard, Cady Noland, Albert Oehlen, Roseline Rannoch, Cathy Wilkes und vielen anderen mehr.

Rund 65 Werke und Ensembles werden gezeigt, sowohl ganz neue Erwerbungen von Künstlerinnen und Künstlern der jüngsten Generation, als auch Schlüsselwerke der Sammlung Schürmann aus den 1980er und 1990er Jahren, deren Bezüge zu Werken der eigenen Museumssammlung spektakuläre Konstellationen erlauben: u.a. „Metal Fence“ und „Frame Device“ von Cady Noland, „Dirty Data“ von Julia Scher, „Modell Interconti“ von Martin Kippenberger“, die Serie „Paintings in Time“ von Mike Kelley, „No Sound Chair Piece“ von Angela Bulloch, „No No No“ von Mark Grotjahn, „Mouth Open Teeth Showing“ von Zoe Leonard oder „Reading Machine for Lenz“ von Rodney Graham.

„Das Gespinst“ erstreckt sich über alle drei Ebenen des Museums Abteiberg und verbindet sich an vielen Stellen mit der Sammlungspräsentation. Die Ausstellung nimmt umfassend Bezug auf die labyrinthische Struktur des Museums, die die Denkfigur des Gespinsts bereits selbst in sich trägt, als Nicht-Linearität von Schauräumen, in denen weder eine Trennung zwischen Sammlung und Ausstellung, noch eine Chronologie getrennter Kunstepochen zu finden ist. Das Museum Abteiberg, das „Antimuseum in Permanenz“ (vgl. Johannes Cladders Thesen in: Das Antimuseum, 1968), favorisiert seit jeher die Perspektive der vielfältigen Verbindungen und Bezüge, es widerspricht dem traditionellen Kanon der Kunstgeschichte, ist kultur- und institutionskritisches, ebenso anthropologisch und strukturalistisch gefärbtes Argument für diese andersartige Wahrnehmung von Kunst.

Die Sammlung Schürmann hat eine einzigartige Verbindung zu den Thesen des Antimuseums, die besondere Identität dieser Privatsammlung lässt sich sogar überraschend bildhaft hieraus erklären. Die Metapher des Gespinsts ist in diesem Zusammenhang eine willkommene Verbildlichung für die intellektuelle Erkenntnis: die heutigen Rollen von Künstlern, Objekten und Betrachtern, in ihren unzähligen Verbindungen zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, zwischen Außenwelt und Museumsraum. Bezeichnenderweise entdeckte Wilhelm Schürmann, als er dem Begriff des Gespinsts nachspürte, anstelle einer Definition die Umschreibung eines literarischen Denkens, das in der gleichen, der eigenen kulturellen Epoche den Anfang nahm: „ Er entschied sich für die Verwobenheit, das Nichthierarchische, das selbstverständlich Endlose, das Erfahrung darstellt: ein Gespinst aus Erzähltem und Erlebtem, aus Wissen, Anschauung, Erinnerung und Wahrnehmung der Sinne.“ (Elke Schmitter über Claudio Magris, 1999; vgl. http://images.zeit.de/text/1999/19/199919.l-magris_.xml)

Durch zwei heiß diskutierte Ausstellungen wurde die Sammlung Schürmann in den 1990er Jahren schlagartig bekannt, „Temporary Translation(s)“ in den Hamburger Deichtorhallen (1994/95) und „Das Ende der Avantgarde. Kunst als Dienstleistung“ in der Hypo Kunsthalle München (1995). Auslöser ihrer damals spektakulären Resonanz war nicht lediglich das sichere Auge der Sammler, die in allererster Minute bedeutende Werke der damals jungen Generation erkannten, sondern auch eine irritierend neuartige Präsenz von „sammlerischen Thesen“, die den aktuellen künstlerischen Diskurs aus allernächster Nähe verfolgten und reflektierten. Die Sammlung Schürmann folgte den grundlegenden Fragen zur Rolle von Objekt und Autor, den kontextuellen, medientheoretischen und kulturhistorischen Argumenten dieser Zeit und stellte die Forderung auf, die Bedeutungen von Kunst „am Ende der Avantgarde“ völlig neu zu formulieren. Es manifestierte sich dabei eine kuratierende Funktion des Sammelns und ebenso eine selbstreflexive, die - ähnlich wie die Künstler selbst - ein neuartiges Bewusstsein für die Bedeutung von Archiven und Displays darlegte. Beispielhaft sei erinnert an das „Import / Export Office“ von Renée Green, Köln 1992 (Geschenk der Sammlung Schürmann an das Museum of Contemporary Art in Los Angeles 1994), aber auch an frühe Sammlungskomplexe und Installationen von Jason Rhoades, Martin Kippenberger, Mark Dion, Zoe Leonard, Wolfgang Tillmans oder Peter Piller. Ebenso bedeutsam wurde das vergleichende Sehen von unterschiedlichen visuellen Medien, in der Verbindung von „angewandter“ Werbe-, Presse- und Modefotografie, von trivial scheinenden Filmstills, Werbeanzeigen oder Filmplakaten mit hochkarätigen Meisterwerken der Fotografiegeschichte u.a. von Leon Levinstein, Lisette Model, Robert Frank oder Larry Clark und der unmittelbaren Gegenwartskunst. Die Gegenüberstellung von scheinbar Unvergleichbarem wurde zum generellen Charakteristikum (siehe auch „Someone Else With My Fingerprints“, (Galerie David Zwirner New York 1997, Kunsthaus Hamburg 1998) „Wohin kein Auge reicht: Von der Entdeckung des Unsichtbaren“ (Deichtorhallen Hamburg 1999, Kunsthalle Basel 2000), „Kurzdavordanach: Gegenwart als Zwischenraum (SK-Stiftung Köln 2004/2005), „Gibt´s mich wirklich“, (K21 Düsseldorf 2005)), der Blick der Betrachter dabei ständig aufs Neue gefordert, in den Konstellationen der gesammelten Objekte nicht lediglich einzelne Artefakte, sondern grundlegende Fragen zur Existenz von Bildern, ihre Quer- und Wechselbeziehungen, ihre ikonografischen und medialen, bewussten oder unbewussten Zusammenhänge wahrzunehmen.

Zur Biografie der Sammler: Um 1970 Studium der Naturwissenschaften in Aachen; Gaby Schürmann: Mathematik und Chemie; Wilhelm Schürmann: Chemie. 1972 wechselt Wilhelm Schürmann in die Fotografie, er arbeitet autodidaktisch als Fotograf (u.a. „Bilder aus meiner Straße: Dortmund 1979/80“) und führt von 1973 bis 1977 zusammen mit Rudolf Kicken die Fotogalerie „Schürmann & Kicken“ in Aachen. Ab 1977 Beginn der sammlerischen Tätigkeit, ab 1982 in engem Kontakt zu Künstlern der Kölner und Stuttgarter Szene, Erwerb der ersten Arbeiten von Martin Kippenberger, Albert Oehlen u.a.m.. 1984 Verkauf der Sammlung historischer tschechischer Fotografie an das Getty-Museum, Los Angeles. Seit 1987 vielzählige kuratierte Sammlungsausstellungen in Deutschland und den USA, seit 2006 eigener Ausstellungsraum „SchürmannBerlin“, nahe der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Seit 1981 lehrt Wilhelm Schürmann als Professor für visuelle Kommunikation und Fotografie im Fachbereich Design der Fachhochschule Aachen.

Zur Ausstellung „Das Gespinst“ erscheint ein Gratisheft für die Besucher. Die gesamte Ausstellung wird in einer anschließenden Publikation dokumentiert. Ein Rahmenprogramm mit Künstlervorträgen wird gesondert bekannt

Eröffnung: Sonntag, 13. September, 12 Uhr
Pressevorbesichtigung: Donnerstag, 10. September, 11 Uhr

Museum Abteiberg

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