Wechselausstellungen.de

Kunstausstellungen und Pressenews aus Kunstmuseen, Kunsthallen und Galerien
Anzeige
Anzeige
wechselausstellungen.de | 23. Juni 2009

Das Porträt. Fotografie als Bühne - Von Robert Mapplethorpe bis Nan Goldin

3. Juli – 18. Oktober 2009
Kunsthalle Wien (halle 2)

A portrait! What could be more simple and more complex, more obvious and more profound?
Charles Baudelaire, 1859

Ich bin sichtbar. Ich bin Bild.
Jean Baudrillard, 1993

Als die Geschichte der Fotografie mit dem Porträt begann, verblüffte und verzückte das eigene Erscheinungsbild. Seit seiner Entdeckung, begonnen bei den frühen Daguerrotypien und der Studiofotografie des 19. Jahrhunderts, hat das fotografische Medium das Bedürfnis der Menschen nach ihrem Abbild befriedigt und die kostspieligere und aufwendigere Malerei weitgehend abgelöst. Das Bild des Gesichts, konstitutives Element einer Porträtaufnahme, gilt traditionell als Spiegel der Seele und Medium der Identifikation. „The face is where we are”, sagte der Fotograf Jonathan Miller: “We kiss, eat, breathe and speak through it. It’s where we think of ourselves as being finally and conclusively on show. It’s the part we hide when we are ashamed and the bit we think we lose when we are in disgrace.” Heute, angesichts neuer Technologien, mit denen jedes Bild schnell, einfach und billig manipuliert und der menschliche Körper nach Wunsch verändert und verschönert werden kann, muss die Rolle des Porträts als Stellvertreter der Person und Identitätsstifter ästhetisch hinterfragt und neu verortet werden.
Ausgehend von Robert Mapplethorpes formalistischer Studiofotografie, Peter Hujars intimen psychologischen Aufnahmen und Nan Goldins visuellem Tagebuch zeigt die international ausgerichtete Ausstellung die Innovationen der Porträtfotografie seit 1980. Motiviert durch die Suche nach Schönheit und der eigenen Bildsprache, durch soziales Mitgefühl und Zuneigung, haben Künstlerinnen und Künstler seither eine unkonventionelle Kunst des Porträtierens entwickelt, die sowohl Glamour und Inszenierung als auch radikalen Realismus, Schnappschuss und dokumentarische Objektivität umfasst. Die zeitgenössische Porträtfotografie steht im Bewusstsein der bildmedialen Gegenwärtigkeit von fiktiven Realitäten ihrer eigenen Tradition skeptisch gegenüber, dabei bleibt das Werk großer Fotografinnen und Fotografen des 20. Jahrhunderts wie August Sander und Diane Arbus bis hin zu Bernd und Hilla Becher einflussreich. Aus den klassischen Modi ausbrechend und diese nicht selten ironisch kommentierend, formulieren Fotografinnen und Fotografen seit 1980 radikal neue Lösungen in Hinblick auf die Repräsentation des Menschen. Sie halten ein Gegenüber fest und visualisieren die eigenen Phantasmen.

Unterschiedlichste Bildsprachen werden aus ihrer bisherigen Funktionalität herausgelöst und in den Bereich der Kunst überführt: Experimente mit Aufnahmemethoden und Ästhetik aus den Kontexten von Kriminalistik, Presse, Medizin oder Mode, Formen wie das Passbild oder das Urlaubsbild erweitern und dekonstruieren den tradierten Begriff des Porträts. Es geht immer auch um die immanente Reflexion des medialen Umfeldes und der technologischen Möglichkeiten und Grenzen der Abbildung respektive der spekulativen Neuerschaffung via bildmedialer Intervention. Porträt bedeutet heute das Durchspielen von Repräsentationsformen nach dem Verlust der Unschuld der Fotografie.
Zeitgenössische Porträtfotografie, die keiner Zensur mehr unterliegt und sich bisweilen als rücksichtlose Autoreflexion erweist, stellt das Individuum in den Mittelpunkt und befragt das Verhältnis von Gesellschaft und Subjekt. Ob Lover, Freunde oder Familie bei Sally Mann und Tina Barney, ob Hollywoodstar bei Greg Gorman oder Rockmusiker bei Anton Corbijn, Jugendliche bei Rineke Dijkstra oder Dorfbewohner bei Roger Ballen: die Porträtierten und ihr sozialer Background sind so vielfältig wie die künstlerischen Zugangsweisen, mit denen Persönlichkeiten in unorthodoxer Weise repräsentiert werden. Zur Diskussion steht dabei ebenso eine Fotografie, die aus der analogen Tradition hervorgeht und sich der Möglichkeiten digitaler Bearbeitungen und Korrekturen bedient. Der Bruch oder Übergang zum digital generierten oder verfremdeten Porträt wird durch Valérie Belin vertreten, deren Modelle sich der Ausdrucksqualität von Schaufensterpuppen annähern. Anthony Gayton reproduziert die Ästhetik historischer Fotografie des 19. Jahrhunderts und lässt das Porträt zur Fiktion werden. Die gezeigten Werkgruppen verdeutlichen die Bandbreite der ästhetischen Strategien fotografischer Praxis und verdichten sich zu einem Panorama des Menschenbildes von heute.

KünstlerInnen der Ausstellung: Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Alberto Garcia-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Katy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli, Wolfgang Tillmans
Pressekonferenz: Donnerstag, 2. Juli 2009, 10 Uhr
Eröffnung:
Donnerstag, 2. Juli 2009, 19 Uhr
Kurator:
Peter Weiermair
Katalog: Der zur Ausstellung im Verlag für moderne Kunst Nürnberg erscheinende Katalog wird Abbildungen der gezeigten Werke sowie Essays von Peter Weiermair und Ulrich Pohlmann über Phänomen, Geschichte und Aktualität der Porträtfotografie aber auch Selbstzeugnisse der vertretenen Künstler enthalten.
Programm: Im Rahmen eines umfangreichen Diskursprogramms werden die verschiedenen Aspekte der Fotografie und der Fotoszene in Österreich beleuchtet.

Kunsthalle Wien

Anzeige

Die Nutzung der Kommentierungsfunktion ist als Gast ohne Registrierung möglich. Nach Eingabe eines Nutzernamens und einer E-Mail-Adresse können Sie einen Kommentar hinterlassen.
Alternativ können Sie sich bei Disqus registrieren oder sich über Ihre Facebook-, Twitter-, Google-, Yahoo- oder OpenID-Accounts anmelden.
blog comments powered by Disqus