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wechselausstellungen.de | 21. April 2010

Detroit

28. April - 31. Mai 2010
Kunsthalle Wien

„You gotta lose your mind in Detroit Rock city …“ sang die legendäre Hardrock Band Kiss 1976. „Rock City“, einer der vielen Spitznamen der ehemals blühenden Industriestadt, trug ebenso zur Mythenbildung der Metropole im US Bundesstaat Michigan bei wie die Bezeichnung für das Zentrum der US amerikanischen Automobilindustrie „Motor City“ oder der davon abgeleitete Name des Soul und Poplabels „Motown“. Aufgrund niedriger Immobilienpreise und der Anziehungskraft der spannenden Brüche der Stadt gerade auf Künstler ist neuerdings die Rede von „the new Berlin“. Rezession und die chronisch gewordene Absatzkrise bei General Motors, Ford und Chrysler haben die urbane Realität von Detroit radikal verändert. Heute entspricht das Stadtbild den Eindrücken aus 8 Mile, dem Kinofilm über den Rapper Eminem: verfallene Häuser, verlassene Grundstücke, leerstehende Fabriken, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Seit 1950 ist die Einwohnerzahl um mehr als die Hälfte zurückgegangen und Downtown zur Geisterstadt geworden. Detroit gehört zu den schrumpfenden Städten. Abseits statistischer Negativzahlen existiert dort jedoch eine eigenwillige Kunst und Musikszene. Ökonomische, soziale und kulturelle Herausforderungen der Stadtentwicklung werden zum kreativen Stimulus. Es entstehen Revitalisierungsprojekte und bunte Wunderwelten, Gartencommunities („Urban Farming“) und soziale Initiativen, die sich der Rettung von Wohnbauten widmen, kompensieren ausbleibende politische Maßnahmen der Stadtbelebung.

Die Ausstellung der Kunsthalle Wien versammelt zeitgenössische Kunst, die sich facettenreich und vielschichtig mit Detroit auseinandersetzt, mit seiner Geschichte, seinem ökonomischen und demografischen Niedergang und der Möglichkeit, Stadträume künstlerisch zu besetzen oder ihre Inspirationskraft zu nutzen. Ausgewählte Werke international etablierter und junger aufstrebender Künstlerinnen und Künstler drehen sich um Recycling, den Autokult, städtische Ruinen, das industrielle Erbe, um Erinnerungen, Nostalgie und Mythos. Es geht aber auch um Zukunftsvisionen und eine ästhetische Praxis, die Lösungsansätze für realpolitische Probleme formuliert, wie in den Fotografien von Corine Vermeulen deutlich wird. Der retrospektive Blick wird durch die Serie Detroit von McDermott & McGough vertreten, die eine nostalgisch verklärte Darstellung der fünfziger Jahre reinszenieren. Einen autobiografischen Zugang prägen die Arbeiten von Ellen Cantor und Ellen Phelan, zwei Künstlerinnen, die in Detroit geboren und aufgewachsen sind, heute aber in London und New York leben und arbeiten. In den gezeigten Werken beschäftigen sie sich mit Ereignissen und Eindrücken der Kindheit und Jugend und dem subjektiven, fragmentarischen und verschwommenen Charakter von Erinnerung. Scott Hocking, Gordon Newton und Tyree Guyton stellen Objekte aus vorgefundenen Materialien her, die gleichzeitig für Vergangenheit stehen und Metaphern der Transformation bilden. Das Heidelberg Project von Tyree Guyton ist ein farbenfrohes, skulpturales Outdoor Environment, das sich über eine ganze Straße in Detroit und ihre anliegenden Häuser erstreckt, darüber hinaus aber auch ein Sozialprojekt zur Förderung von lokaler Gemeinschaft. Scott Hocking macht die Betonruinen von Fabrikhallen zum Schauplatz seiner ephemeren Installationen, die er anschließend dokumentiert und im Bild in einen magischen Ort verwandelt. Geisterhäuser des Projektes Object Orange verweisen in leuchtendem Orange bemalt auf den urbanen Verfall, um gleichzeitig die Verankerung von kulturellen Phänomenen wie Halloween mit den Bedingungen des Ortes zu spiegeln. Matthew Barney erfindet ein privates Paralleluniversum, das ägyptische Mythologie nach Norman Mailer mit dem in Detroit geborenen Magier Künstler James Lee Byars und den Symbolträgern des amerikanischen Traumes verknüpft, dem Automobil im Zentrum seines Aufstiegs und Falls. John Corbin installiert für die Ausstellung das Archiv des verstorbenen Poeten Jim Gustafson, der eine bedeutende Figur der jüngsten Detroiter Literaturgeschichte ist.
Jeff Bourgeaus Museum of New Art in Pontiac bei Detroit reflektiert die Isolation der Region von der internationalen Kunstwelt: erfundene Künstler stellen dort auf mehreren Etagen regelmäßig neue Arbeiten aus, ihre fiktiven Biografien (Clara Beckmann, Stig Eklund, Ford Wallace Ford, Riso Mattner, Missy Wiggins) persiflieren nicht selten Klischees über die Bevölkerung und das Selbstverständnis der Kunstszene.

Die Schau Detroit bildet den Auftakt einer Städtereihe der Kunsthalle Wien, die sich mit Metropolen im Wandel und deren kreativem Potenzial auseinandersetzt, die Städte in den Mittelpunkt stellt, in denen sich fundamentale gesellschaftliche, politische, soziale und kulturelle Veränderungen unserer Zeit widerspiegeln. Neben künstlerischen Arbeiten beinhaltet die Ausstellung dokumentarisches Bildmaterial und Texte zur Geschichte und Stadtentwicklung von Detroit. Weitere Städte im Fokus sind Beirut, Lagos und Saigon.

Künstlerinnen und Künstler:
Matthew Barney, Clara Beckmann, Ellen Cantor, Billy Conklin, John Corbin, John Cussans, Stig Eklund, Ford Wallace Ford, Jesper Just, The Heidelberg Project, Ben Hernandez, Scott Hocking, Cameron Jamie, Paul Albert Leitner, Ari Marcopoulos, Riso Mattner, McDermott & McGough, Jeff Mills, Gordon Newton, Object Orange, Ellen Phelan, Gina Reichert & Mitch Cope, Corine Vermeulen, Missy Wiggins

KuratorInnen: Gerald Matt, Ellen Cantor

Eröffnung: Dienstag, 27. April 2010, 19 Uhr

Medienmitteilung
Kunsthalle Wien
Treitlstraße 2, 1040 Wien, Infoline +43 1 52189 33, www.kunsthallewien.at
täglich 16 - 24 Uhr, So/Mo 13 - 19 Uhr

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