Die Macht des Ornaments
21. Januar - 17. Mai 2009
Orangerie (Unteres Belvedere) / Wien
1908 schreibt Adolf Loos seinen berühmten Aufsatz „Ornament und Verbrechen“, in dem er Verzierungen und Muster zur überflüssigen Dekoration erklärt. Der Bann über diese extrem harmonische Formensprache, diese Schnittmenge zwischen Hochkunst und Folklore, bleibt fast 100 Jahre bestehen. Erst seit der Jahrtausendwende hat sich das Ornament wieder etabliert: Dekorativ und doch subversiv und voller Anspielungen zieren und dominieren abstrakte und florale Muster und kalligrafische Elemente die Werke der zeitgenössischen bildenden Kunst.
Die Ausstellung in der Orangerie des Belvedere – mit Künstlern von der Jahrhundertwende bis heute aus Österreich, den USA, Iran und Indien, Pakistan und Deutschland – präsentiert die Macht des Ornaments einst und jetzt, in einer Begegnung der Künstler des Jugendstils mit der zeitgenössischen Kunst.
Beginnend mit Gustav Klimts Wasserschlangen, Textilentwürfen von Josef Hoffmann und Carl Otto Czeschkas Illustrationen der Nibelungen wird der Frage nach der heutigen Bedeutung des Ornaments nachgegangen. Wie definieren Muster Räume, wie füllen Formen Flächen, handelt es sich im bloße Verzierungen oder inzwischen vielmehr um eine postmoderne, gar globale Sprache zwischen Tradition und Kritik? Sprachen die Muster um 1900 von einer Welt voller Schein, so versinnbildlichen sie heute darin auch immer die Idee eines totalitären Systems. Nur die geringste Abweichung zerstört das Gleichmaß der Muster – eine Beobachtung, die Parastou Forouhar (Teheran/Frankfurt) in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte ihrer Heimat Iran aufgreift. Sakshi Gupta und Hema Upadhyay aus Mumbai nutzen Muster, um über Feminisierung und ethnische Zuschreibungen nachzudenken. Der in London lebende Raqib Shaw knüpft mit seinen üppigen goldenen Ornamenten an die Tradition islamischer Bildsprachen an – platziert aber mitten hinein Würmer und Folterwerkzeuge, zerbricht immer wieder die ober- flächliche Harmonie. Adriana Czernin (Wien) lässt ihre Frauen wie Gefangene der Muster wirken, die aus dem Gleichmaß der Formen auszubrechen versuchen. Die Grande Dame der iranischen Kunst, Monir Shahroudy Farmanfarmaian, transformiert die persische Bildsprache in die klaren Formen der Moderne, bedient sich dafür der Technik zerschnittener Spiegelstreifen und irritiert so die Reinheit der Rechtecke. Der in New York lebende Maler Philip Taaffe studiert die Ornamente aller Kulturen und legt sie in einer fast psychedelischen Dichte übereinander, ein Netz der Formen, ein Gewebe aus Welt-Ornamenten.
Ornamente beinhalten Geschichte und Gegenwart, sind voller Symbolik und Andeutungen, sprechen von Schönheit und Verführung und erzählen immer auch von Gesellschaft und Geschlecht – von der Konstruktion von Wirklichkeit.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Künstler:
Adriana Czernin (Wien), Carl Otto Czeschka, Parastou Forouhar (Teheran/Frankfurt), Sakshi Gupta (Mumbai), Mona Hatoum (London), Josef Hoffmann, Aisha Khalid (Lahore), Gustav Klimt, Brigitte Kowanz (Wien), Shirin Neshat (New York), Raimund Pleschberger (Wien), Imran Qureshi (Lahore), Monir Shahroudy Farmanfarmaian (Teheran), Rashid Rana (Lahore), Raqib Shaw (London), Jörn Stoya (Düsseldorf), Philip Taaffe (New York), Hema Upadhyay (Mumbai)
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