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wechselausstellungen.de | 11. September 2008

Edward Steichen - In High Fashion

11. Oktober 2008 – 04. Januar 2009, Kunstmuseum Wolfsburg

Seit seiner Eröffnung vor 14 Jahren hat das Kunstmuseum Wolfsburg immer wieder das Medium Fotografie in Einzelausstellungen von Künstlern gewürdigt. So waren im Museum Ausstellungen der Arbeiten von Lee Miller, Cecil Beaton, Brassaï, Richard Avedon sowie von Man Ray, Pietro Donzelli und Ed van der Elsken zu sehen. Auch der Themenbereich Kunst und Mode wurde mit Ausstellungen wie Avantgarderobe und Hussein Chalayan. Fashion & Video erforscht. Mit Edward Steichen stellen wir einen Fotografen vor, der wie kaum ein anderer die Modefotografie der 1920er und 1930er Jahre geprägt hat.

Edward Steichen (1879-1973) war beiderseits des Atlantiks bereits außerordentlich erfolgreich als Maler und Fotograf, als man ihm Anfang 1923 eine Stellung anbot, die zu den renommiertesten und lukrativsten im Bereich der kommerziellen Fotografie zählte: die des Cheffotografen der beiden einflussreichen Magazine Vogue und Vanity Fair aus dem Hause Condé Nast. Unter Aufbietung seiner außergewöhnlichen Talente und mit großem Enthusiasmus setzte er in den folgenden 15 Jahren die Kultur der damaligen Zeit und ihre herausragendsten Vertreter aus Literatur, Journalismus, Tanz, Sport, Politik, Theater und Film, vor allem aber die Kreationen der Haute Couture, ins rechte Licht und schuf so ein einzigartiges Œuvre.

Neben den außergewöhnlichen Modefotografien umfasst das Edward Steichen Archive des Hauses Condé Nast mehr als 2000 Originalabzüge, darunter herrliche Porträtaufnahmen von Winston Churchill, Cecil B. DeMille, Marlene Dietrich, Amelia Earhart, Greta Garbo, George Gershwin, Frank Lloyd Wright und Hunderten anderer berühmter Persönlichkeiten, von denen bis heute allerdings lediglich eine Handvoll der Öffentlichkeit in Ausstellungen oder gedruckter Form zugänglich gemacht wurden. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt eine Auswahl von Steichens Fotografien der 1920er- und 1930er-Jahre, die den Höhepunkt in Steichens fotografischer Karriere bilden. Unter den Arbeiten, die er in dieser Zeit für Vogue und Vanity Fair schuf, finden sich einige der beeindruckendsten fotografischen Werke des 20. Jahrhunderts.

Seit ihren Anfängen in Paris hatte die Modefotografie das Kleid in den Mittelpunkt gerückt und die Modelle als «Schaufensterpuppen» eingesetzt. Die besondere Leistung Steichens hingegen bestand darin, Situationen zu arrangieren, als wäre das Ziel das Porträt einer Persönlichkeit und ihres sozialen Status und als sei das Kleid dabei nur ein nebensächliches Attribut: Linien und Silhouetten der Modelle werden von Möbeln umfasst oder von Interieurs herausgestellt. Er komponiert porträthaft, dekorativ verfremdend, schnappschussartig oder nüchtern realistisch.
Anders als Man Ray und Erwin Blumenfeld, die beiden anderen Kunstfotografen, die in dieser Zeit ihre Talente in den Dienst der Mode und des Glamour stellten, verzichtet Steichen in seiner kommerziellen Fotografie auf avantgardistische Stilelemente: er entwickelt eine pragmatisch professionelle Bildsprache, die nicht mit avantgardistischen Stilmitteln zu glänzen versucht. Ebenso distanziert ist sein Umgang mit Elementen des Hollywood «Glamour Shot», des Filmstill oder dem erotisierten Starporträt des Broadway. Sein Stil ist der des weltmännisch, elegant unterkühlten Erotizismus des Art déco.
Technisch gesehen bedeutete die kommerzielle Fotografie für Steichen einen Neuanfang. Er erkannte, dass ein im sogenannten Halbtonverfahren gedrucktes Foto eine andere Lichtgestaltung verlangt als ein gerahmter, an der Wand präsentierter Originalabzug (Vintage). Die Verwendung von Kunstlicht wird zentral. Steichen kreiert einen Arbeitsprozess, der ähnlich einer Filmproduktion von Beginn an ein großes Team von Mitarbeitern involviert: von Bühnenbau und Ausleuchtung, dem Make-up und dem Styling bis zum Auskopieren der Prints, der Lithografie, der Retusche und der Integration der Bilder in ein Heftlayout.

Von großer Bedeutung für die Fotografien Steichens war die Geschichte der Malerei: Von ihren Anfängen in Renaissance und Barock über die bürgerliche Porträteuphorie bis zur Salonmalerei des Art déco stellt die Malerei ein grenzenloses Repertoire an Mitteln der Glamourisierung von Individuen zur Verfügung. Steichen bedient sich dieser Formpotenzen, spielt mit einem großen Fundus an Haltungen, Gesten und Kulissen. Die deutliche Abbildung eines Kleids oder einer Person dominiert nicht länger den autonomen Bildwert der Aufnahme. Die Ausstellung in Wolfsburg zeigt Einzel-, Doppel- und Gruppenporträts in sämtlichen Varianten bewährter Porträtkunst. Darin sind auch Formen erkennbar, wie sie die Maler Edgar Degas und Edouard Manet bereits in ihren Synthesen von Porträt und Stillleben oder Porträt und Interieur erprobten. Die Vogue zum Louvre machen, war der Anspruch und die Vision dieses außergewöhnlichen Fotografen.
Und dieser offensive, nie auf vergangene fotografische Stilformen zurückblickende, experimentelle Genius offenbart sich ebenso in Steichens Anspruch, all seine Arbeit für den Verlag, nicht nur die Porträts also, sondern auch die Modefotografie, unter seinem Namen, und nur unter seinem Namen - als Autorenfotografie mithin - publizieren zu lassen. Man hatte nämlich bei Condé Nast erwartet, Steichen würde „bloße“ Auftragsarbeiten anonym oder unter Pseudonym erscheinen lassen wollen, und man hätte ihm dies auch zugebilligt. Davon war keine Rede: Ich sagte, wenn ich ein Foto mache, dann stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein; andernfalls würde ich es nicht machen. Dieses emphatische und damals riskante Bekenntnis zur Modefotografie als Autorenfotografie hat Generationen von Fotografen einen neuen Weg gebahnt. Steichen definiert den Modefotografen in aller Selbstverständlichkeit als einen Autor, als einen Künstler, der eben gerade in der kommerziellen Fotografie sein größtes Talent verwirklicht; insofern ist er der Vater aller, die ihm folgen sollten: Richard Avedon und Cecil Beaton, Horst P. Horst, Irving Penn, Helmut Newton, Jeanloup Sieff, Guy Bourdin, Herb Ritts und andere.

Die Wolfsburger Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Foundation for the Exhibition of Photography in Minneapolis und dem Musée de l’Elysée in Lausanne und umfasst ca. 230 Vintage Prints. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft Ihrer Exzellenz Frau Martine Schommer, Botschafterin des Großherzogtums Luxemburg.

Zur Ausstellung ist ein Katalogbuch erschienen (Hatje Cantz): 288 Seiten, 242 farbige Abbildungen, mit Beiträgen von Tobia Bezzola, Todd Brandow, William A. Ewing, Nathalie Herschdorfer und Carol Squiers. Der Katalog ist für 38,00 € im Museumsshop erhältlich.

Kunstmuseum Wolfsburg

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