Emil Nolde - Mensch-Natur-Mythos. Aquarelle und Graphik im Berliner Kupferstichkabinett
3. Juli - 25. Oktober 2009
Staatliche Museen zu Berlin
Die Ausstellung zeigt auf 240 qm Aquarelle der Südsee-Serie von 1913/14, Blumen- und Porträtbilder sowie herausragende Druckgraphik aus der gesamten Schaffenszeit des Künstlers.
Emil Nolde (1867-1956) zählt als ein Hauptvertreter des Expressionismus zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit 110 Werken – darunter Aquarelle, Radierungen, Lithographien und Holzschnitte – gehört das Berliner Kupferstichkabinett nach der Nolde Stiftung Seebüll und dem Sprengel Museum Hannover zu den umfangreichsten öffentlich zugänglichen Nolde-Sammlungen.
Die diesjährige Sommer-Ausstellung des Kupferstichkabinetts präsentiert in einem umfassenden Überblick über die wichtigsten Themen und Schaffensphasen des Künstlers das bedeutende graphische Werk Emil Noldes zusammen mit seinen Aquarellen. Die Schau ist untergliedert in die Bereiche Lebensfreude, Bildnisse, See- und Hafenbilder, Städte und Landschaften, biblische Themen sowie Südseereise. Gemälde aus der Nationalgalerie und Plastik aus dem Ethnologischen Museum, Abt. Südsee, runden die eindrucksvolle Präsentation ab.
Heute werden in erster Linie farbenfrohe Aquarelle und Gemälde mit Darstellungen von norddeutschen Landschaften, Bauernhäusern, dem Meer und vital leuchtenden Blumen und Gärten mit dem Namen Emil Noldes in Verbindung gebracht. Dass der Künstler darüber hinaus ein exzellenter Graphiker war, der hervorragende Druckwerke zu schaffen wusste, ist dagegen weniger bekannt. Wie die meisten Expressionisten definierte auch Nolde die Darstellung der menschlichen Gestalt als Zentrum der Kunst. Am meisten faszinierte ihn dabei das einfache Landleben, das er als norddeutscher Bauernsohn von klein auf kennen gelernt hatte. Aber auch die Stadtmenschen interessierten den Künstler, der seit 1907 regelmäßig die Wintermonate in Berlin verbrachte. Die hier entstandenen Bilder zeigen insbesondere belebte Tanzlokale, Cafés und Varietés der Großstadt. Nolde interessierte sich in seinen Bildern jedoch immer für das gesamte Spektrum des menschlichen Daseins. Lebensfreude bedeutete für ihn, den Menschen in allen seinen Gegensätzlichkeiten und Lebenssituationen im Bild festzuhalten. Erklärtes Ziel war ihm die Darstellung des „Vollklanges von Leben und des menschlichen Seins“ (Nolde 1913). Noldes Vorliebe für Blumenbilder entstammt letztendlich nicht nur der Faszination an der Farbenpracht, sondern auch ihrer Symbolik zum menschlichen Dasein, das empor sprießt, erblüht, leuchtet, sich neigt, schließlich verwelkt und stirbt.
In den Bildnissen Noldes wird dieses Streben des Künstlers nach einer Darstellung des Wesentlichen durch eine meist kaum vorhandene äußere Ähnlichkeit mit der portraitierten Person offenbar. Ihm ging es stattdessen um die Erfassung einer inneren Ähnlichkeit. Er konzentrierte seine Bildnisse bald auf die Darstellung der Köpfe, die die gesamte Bildfläche ausfüllen, und verzichtete auf äußerliche Merkmale, wie Kleidung oder Attribute, die den gesellschaftlichen Rang des Dargestellten kennzeichnen könnten. Auf diese Weise wird eine emotionale Erfassung des Portraitierten möglich, die über die individuelle Persönlichkeit des Dargestellten hinausweist. Das Aquarell der Spanierin etwa verdeutlicht diese Auffassung des Typischen durch eine Charakterisierung mit dunklem Teint, schwarzem Haar und angedeuteter bunt leuchtender Kleidung, die eher allgemein für die jungen Frauen in Spanien stehen als für eine bestimmte Person.
Während eines längeren Aufenthaltes in Hamburg im Februar und März 1910 anlässlich seiner Ausstellung in der Galerie Commeter hatte Nolde Gelegenheit, sich täglich im Hafen der Hansestadt aufzuhalten und die Atmosphäre in See- und Hafenbildern auf Papier zu bannen. Wie besessen zeichnete er täglich mehrere Stunden teils mit Pinsel und Tusche, teils mit der Radiernadel direkt auf die Eisenplatte. Ihn scheinen dabei besonders die unruhige See, das ständige Auf und Ab und die instabile Position von Dampfern und Segelschiffen auf dem Wasser fasziniert zu haben, während Menschen kaum in Erscheinung treten. Es entstanden zahlreiche Radierungen, Holzschnitte, Tuschzeichnungen, aber auch Gemälde, die er in den darauffolgenden Monaten vollendete. Oft nutzte er streng reduzierte Bildzeichen als Chiffren für Bewegung und Körper. Die Ausdrucksspanne reicht von dunkelsten Farbflächen bis hin zur feinsten kleinteiligen Lineatur, wobei die Boote mit dem Meer zu verschmelzen scheinen.
Schon in früheren Jahren waren bei Aufenthalten in St. Gallen und Soest auch Stadtansichten entstanden. Diese zeugen in ihrer Detailgenauigkeit noch von einem vorsichtigen Suchen nach der eigenen Ausdrucksweise. Schon die in Hamburg entstandenen Ansichten der Petri- und Jacobikirche bringen jedoch eine Hinwendung zur Darstellung eher der inneren Stimmung des Künstlers, wie sie auch in den Hafenbildern deutlich geworden war. Seine regelmäßig in Berlin verbrachten Wintermonate nutzte er hingegen kaum zum Abbilden von Häuserzeilen oder Straßenzügen der Großstadt. Stattdessen vollzog sich schon früh in seinen gemalten Landschaften eine Hinwendung zum expressiven Ausdruck von Emotionen und inneren Befindlichkeiten. Tiefe Naturverbundenheit und seine Liebe zur nordfriesischen Heimat lassen das wahrgenommene Naturbild bei Nolde zu den berühmten vibrierenden Seelenlandschaften werden.
Noldes biblische Bilder entstanden zu einem großen Teil in den Jahren zwischen 1909 und 1912, zu einer Zeit, in der auch andere Expressionisten die Geschichten der Bibel für ihr Werk entdeckten. Doch stand hier nicht die Wiederentdeckung des christlichen Glaubens im Vordergrund, sondern das Streben nach Spiritualität; die Künstler waren auf der Suche nach einer seelischen Vertiefung und hofften auf eine Erfahrung des Absoluten. Geprägt von einer christlichen Erziehung im bäuerlichen Elternhaus entstanden so von tiefer Geistigkeit durchdrungene Bilder wie das „Abendmahl“ oder „Pfingsten“, aus denen geistiges Feuer und seelische Inbrunst förmlich hervorflammen. Auch aus der Graphik mit biblischer Thematik spricht eher leidenschaftlicher Freigeist als christliche Ehrerbietung. In der Farblithographie der „Heiligen drei Könige“, die Nolde 1913 schuf, stehen die drei fremdländischen etwas skurril, doch würdevollen Weisen im Mittelpunkt des Geschehens während der Hauptgrund ihres Erscheinens, die heilige Familie, ganz fehlt. Die Protagonisten folgen hier nicht dem Stern von Bethlehem, sondern ihr Weg wird von einer gleißenden Sonne erleuchtet, die Magier stehen wie im Bann der Erwartung des neuen Messias. Nicht die Heilsgeschichte ist also Gegenstand der Darstellung, sondern vielmehr die Anziehungskraft von Heilslehren auf den Menschen. Wie so oft bei Nolde werden gerade auch in seinen biblischen und Legendenbildern menschliche Schwächen und Stärken thematisiert, wofür sich Gleichnisse und Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament besonders anbieten. Er nutzte sie jedoch nicht, um bloßzustellen, sondern als Appell für Menschlichkeit und Toleranz. Nolde sah, wie viele Expressionisten, die Kunst als etwas alle Völker verbindendes, als eine Religion über den Religionen.
Aus dem Traum von der Einheit des Menschen mit der Natur und untereinander entsprang die Kunst des Expressionismus. Dieses Ideal vom ursprünglichen, wahren Leben in Abkehr von der Zivilisation schienen die Bewohner der Südseeinseln zu erfüllen. Für das Ehepaar Nolde ergab sich im Herbst 1913 die Gelegenheit, an einer Expedition des Reichskolonialamtes zu den deutschen Kolonien in der Südsee teilzunehmen und so das Leben der einheimischen Bevölkerung kennen zu lernen. Neben der farbenprächtigen üppigen Landschaft war Nolde dementsprechend besonders an den Menschen mit ihren blumengeschmückten Häuptern und den sonderbar anmutenden Schmuckobjekten interessiert und verlieh ihnen in seinen Aquarellen mit nur wenigen Pinselstrichen Ausdruck und Charakter. In ihnen fand er das Idealbild vom Urmenschen im Einklang mit der Natur und trat ihnen positiv und aufgeschlossen entgegen. In seinen Bildern setzte er sie mit all ihren Seltsamkeiten majestätisch in Szene.
Text: Babette Tewes
Ausstellung vom 3. Juli bis 25. Oktober 2009 im Kupferstichkabinett, Kulturforum Potsdamer Platz, Eingang: Matthäikirchplatz
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa-So, 11-18 Uhr
Eröffnung: Do 2.7.2009, 20 Uhr
Zur Eröffnung sprechen
Michael Eissenhauer
Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin
Heinrich Schulze Altcappenberg
Direktor des Kupferstichkabinetts
Anita Beloubek-Hammer
Kuratorin, Kupferstichkabinett, Abteilung Klassische Moderne
Katalog
Ein Katalog erscheint im Michael Imhof Verlag. Autoren: Dr. Anita Beloubek-Hammer, Prof. Dr. Heinrich Schulze Altcappenberg und Dr. Jörn Grabowski
Ticket
Partnerticket der Ausstellung des Kupferstichkabinettes mit der Ausstellung Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin: Mit verschnürten Händen - “Ungemalte Bilder” von Emil Nolde, 26. Juni 2009 bis 17. Januar 2010, Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin, Jägerstrasse 55 , 10117 Berlin
Stichwörter / Tags: Aquarelle, Berlin, Emil Nolde, Graphik, Staatliche Museen zu Berlin
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