Friedrich Kunath - Home wasn’t built in a day
28. November 2009 – 24. Januar 2010
Kunstverein Hannover
Melancholie, Sehnsucht, Fernweh, Heimweh, Einsamkeit, stets begleitet von hintersinniger Ironie – diese grundlegenden atmosphärischen Komponenten ziehen sich durch die Installationen, Malereien, Skulpturen, Fotografien, Filme und Collagen des in Los Angeles lebenden Künstlers Friedrich Kunath (*1974 Chemnitz), der an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste in der Klasse Walter Dahn studierte.
Kunath bedient sich in seinen Arbeiten aus dem Bilderfundus der Popkultur – von Werbeplakaten der siebziger Jahre bis zu Zeichnungen von Mordillo – ebenso wie bei Ikonen der Kunstgeschichte: So baute er etwa in einer zeitgenössischen Interpretation von Caspar David Friedrichs berühmtem Tafelbild „Der Mönch und das Meer“ (um 1810) sein Bett am Strand auf, um wehmütig aufs tiefe Blau zu blicken (Ohne Titel, 2006, C-Print). An anderer Stelle skizziert er einen mystischen Kopf nach Jawlensky, der über einer desperat geschäftigen Menschenansammlung von Figurengruppen in unterschiedlichen Zeichenstilen thront und sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischt (Ohne Titel, 2009, Acryl auf Papier). Anleihen aus der Kunstgeschichte finden sich auch in seinen Installationen, wenn Kunath etwa in spielerisch vager Reminiszenz an Goyas berühmtes Blatt „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1796/97) eine Schar aus Schnürsenkeln geformter Vögel aus einem herrenlosen Paar Schuhen aufsteigen lässt (Ohne Titel, 2009, Installation).
Bereits Friedrich Kunaths Wahl des cartoonhaften Stils für die Figuren, die auf seinen großflächigen Wand- und Leinwandarbeiten in einzelnen Szenen nebeneinander stehen, unterstreicht eine wehmütige Flüchtigkeit, die den eingefangenen Momenten und Szenen anhaftet: Anders als Märchen oder Comics umreißen Cartoons in wenigen Bildern sehr präzise eine kurzweilige Geschichte, deren Reiz im Wesentlichen aus der Einladung zur Schadenfreude besteht. Diese Schadenfreude bringt Kunath ins Schwanken, wenn er seine geschäftigen Figuren nach Dada-Art grotesk überzieht, fidele Schneemänner mit Nachbars Karotten erdolcht oder ahnungslose Reisende in tollpatschige Situationen der Urangst Einsamkeit drängt. Erscheinen diese Szenen als scheinbar harmloser Slapstick und ungelenke Clownerie, so tritt hinter den bruchstückhaften Erzählungen eine dunkle, träumerisch-romantische Melancholie zum Vorschein, die von der vordergründigen Leichtigkeit weniger verdeckt als viel mehr unterstrichen wird.
Friedrich Kunaths Humor ist stets begleitet von einer hintersinnigen Ironie, die mit spitzbübischem Lächeln auf kollektive wunde Stellen deutet. Zielsicher spielt er in seinen Arbeiten mit Aspekten jugendlicher Träumerei. Seine Arbeiten simulieren die große tragische Geste, den selbstaufopfernden Heldentod, mit einem solchen Pathos, dass die schlichte Naivität und Trivialität dieser romantischen Wunschgedanken ein halb nostalgisches, halb beschämtes Lächeln abringt. Im gleichen Moment, in dem das Sehnsuchtsvolle, das den Arbeiten innewohnt, auf den Betrachter überzuschwappen droht, macht sich Kunath über diese Reaktion lustig.
Die Ausstellung zeigt sich als dichtes Geflecht von Skulpturen, Malereien und eigens für die Räume des Kunstvereins konzipierten Installationen. So kleidet Kunath etwa Wände und Decke eines gesamten Raums mit einem Patchwork aus verschiedenen Jeansstoffen wie mit einer Tapete aus, der das Motiv eines ebenfalls mit Jeansstoff bezogenen Sargs wieder aufgreift. Jeans als Inbegriff des Alltagsstoffs, der für Rebellion und Werte wie Freiheit und Jugendlichkeit steht und gleichzeitig an modische Fragwürdigkeiten der 1980er und 1990er Jahre denken lässt (Karottenjeans, Jeanshemd), wird so mit dem Memento Mori der unabwendbaren Endlichkeit, dem Tod, verknüpft. Zusammen mit den Stoff- und Leinwandarbeiten, die auf der Jeanstapete aufgebracht oder durch den Raum gespannt sind, schwankt die Atmosphäre des in eine Art Stoffhöhle verwandelten Raums zwischen kindlichem Rückzugsgebiet und melancholischer Träumerei über vergangene Zeiten.
Einen ähnlich nostalgischen Grundton schlägt Kunath in Arbeit „gescheiterte Hoffnung“ an, für die er ein eingestürztes Haus in den Räumen des Kunstvereins installiert. Während das Erscheinungsbild formal an die übereinander geschobenen Eisplatten des „Eismeers“ von Caspar David Friedrich angelehnt ist, erzählen die Tapeten- und Bilderreste auf den beiden noch halb stehenden Wänden, die Ansammlung von Andenken, skurrilen Gegenständen und Skulpturengruppen, die zwischen den Trümmern zu entdecken sind, die Geschichte des Verlusts einer konstruierten Idylle.
Der Titel der Ausstellung – „Home wasn’t built in a day“ (Zuhause wurde nicht an einem Tag gebaut) – lässt sich sowohl auf den realen Versuch beziehen, einen physischen Ort zu einem Lebensmittelpunkt zu gestalten, als auch auf das mentale Zuhause: Die Konstruktion eines Selbstbildes, das aus eigenen Erfahrungen nach den Maßstäben vertrauter Charaktere gebildet und bewertet wird. Diesen potentiell schwergewichtigen Ansatz bearbeitet Kunath mit einer träumerischen Leichtigkeit und konstruiert daraus eine buntgefleckte Welt des Tragikomischen.
Katalog
Friedrich Kunath - Home wasn’t built in a day
Hrsg. von Kunstverein Hannover, René Zechlin
mit Texten von Douglas Fogle, Matthew Thompson und René Zechlin
deutsch und englisch
Broschur, 220 x 270 cm, 88 Seiten
erschienen bei Sternberg Press
ISBN 978-1-933128-92-4
23 € / Mitglieder 18 €
Öffnungszeiten
Dienstag-Samstag 12-19 Uhr
Sonntag + Feiertag 11-19 Uhr
25.+26.12.2009 sowie 1.1.2010 11-19 Uhr
24.+31.12.2009 geschlossen
Eintrittspreise
€ 5 / ermäßigt € 3 / Mitglieder frei
sonntags ab 11 Uhr freier Eintritt
Die Ausstellung wird gefördert
von der Stiftung Niedersachsen
von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung
von der Sparkasse Hannover
Der Kunstverein wird vom Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover institutionell gefördert.
Pressemitteilung
Kunstverein Hannover
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