Marcellvs L. VideoRhizome
17. Februar - 28. März 2010
Kunsthalle Wien
Die experimentellen Filme des Video- und Soundkünstlers Marcellvs L. bestechen durch die Schönheit ihrer Sujets und die Feinsinnigkeit ihrer Darstellung, und mitunter auch durch den spektakulären Charakter ihrer Installation: Overground gehörte 2008 in Basel zu den herausragenden Präsentationen auf der Art Unlimited. Marcellvs L. verband darin maximale Präzisionsarbeit und eine gewagte Konstruktion mit der audio-visuellen Inszenierung einer existenziellen Körperempfindung, der Schwerkraft. Ein 400 kg schwerer Glasbildschirm wurde als hängende Zwischendecke in einen sieben Meter hohen Raum eingezogen, um knapp über den Köpfen der Besucher als Projektionsfläche den Blick von unten auf den Wasserspiegel eines bevölkerten Swimmingpools zu öffnen. Mit dieser faszinierenden und gleichzeitig beunruhigenden Arbeit gelang es dem Künstler auf bemerkenswerte Weise, Äquivalenzen und Ambivalenzen zwischen Tönen, Bildern, Körperempfindungen und Erinnerungen herzustellen, die starke physische Eindrücke zwischen Schwere und Schwerelosigkeit hinterließen.
Mit der Ausstellung VideoRhizome präsentiert die Kunsthalle Wien das Werk dieses international aufstrebenden Künstlers, der seit kurzer Zeit immer wieder mit außergewöhnlichen Arbeiten sowohl die Film- als auch die Kunstwelt auf sich aufmerksam macht. Die 2002 begonnene Serie VideoRhizome umfasst bisher 27 Filme, aus der in Wien zehn, darunter ältere und neueste Arbeiten, auf vier räumlich inszenierten Projektionsflächen und in einer zeitlich versetzt arrangierten Choreografie gezeigt werden. Es sind Aufnahmen von einfachen Motiven und scheinbar unbedeutenden Ereignissen, ästhetisierte Begegnungen mit der Welt, die zwischen Abstraktion und Figuration, Vehemenz und Flüchtigkeit, Kontemplation und Chaos changieren.
Benannt nach einem Begriff aus dem postmodernen Klassiker Tausend Plateaus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, geht es in VideoRhizome um die offenen heterogenen Strukturen der Wirklichkeitserfahrung im Gegensatz zu orthodoxen Exklusionssystemen. Dabei wird das Bild weniger als Illustration rhizomatischen Denkens entworfen und konzipiert, vielmehr ist das Projekt als Ganzes nach einer zufallsgesteuerten Produktions- und Distributionsstrategie angelegt, die philosophische Begrifflichkeit an alltägliche Lebensrealität anzuschließen versucht. Jede Arbeit wird mit den Zahlen eines Würfelwurfs betitelt und dann an in der Nähe des Künstlers wohnende unbekannte Personen verschickt, deren Kontaktdaten (Telefonnummer, Hausnummer etc.) eine Verbindung mit der gewürfelten Ziffernkombination aufweisen. Der subtile Einsatz von Ton und der Verzicht auf Schnitt wirken als Entschleuniger des Zeitempfindens. Zentrales Stilmittel von Marcellvs L. ist die Plansequenz, mit der Vorgänge, zufällig bemerkte Szenen oder Naturphänomene, die meistens ganz spontan aufgenommen werden, in der Detailliertheit der Erscheinung ihres Bewegungsablaufes festgehalten werden, um daraus eine originäre Bildsprache zu generieren. Was Jean-Luc Godard, der Großmeister der langen Einstellung, einsetzte, um eine Handlung innerhalb einer komplex angelegten Narration zu einem fließenden Bild zu machen, wird in VideoRhizome zur wahrnehmungspsychologischen Bedingung, denn das Wundersame dieser Arbeiten offenbart sich in den feinen Veränderungen eines Anblicks, die erst im langsamen Verstreichen der Zeit sichtbar werden. „Zeit ist ein Politikum“, hat Marcellvs L. einmal gesagt. In diesem Sinne entfalten seine Filme eine sublime audiovisuelle Poesie des Schöpferischen jenseits der Gesellschaft des Spektakels.
Marcellvs L., geboren 1980 in Belo Horizonte, Brasilien, lebt und arbeitet in Berlin.
Kuratorin: Synne Genzmer
Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch mit Texten von Marcus Steinweg und Synne Genzmer und einem Interview mit dem Künstler von Gerald Matt und Katarzyna Uszynska im Verlag für moderne Kunst Nürnberg.
Eröffnung: Dienstag, 16. Februar 2010, 19 Uhr
In Anwesenheit des Künstlers.
Medienmitteilung
Kunsthalle Wien
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