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wechselausstellungen.de | 17. Juni 2009

NACHBARN - Niederländisches Glas

13.6. - 25.10.2009
museum kunst palast / Düsseldorf

Ausstellung des museum kunst palast, Glasmuseum Hentrich, im Grünen Gewölbe der Tonhalle, Ehrenhof 1, Eingang Ehrenhof

Beim Aufbau und Ausbau des Themas „Niederländisches Glas“ zu einem besonderen Sammlungsschwerpunkt erhält das Glasmuseum Hentrich seit 1996 wertvolle Unterstützung durch Tijmen Knecht und Helen Knecht-Drenth. Das niederländische Ehepaar hat dem Glasmuseum nicht nur seine Sammlung von über 900 Gläsern geschenkt, sondern zudem erhebliche Geldmittel für zukünftige Ankäufe zur Verfügung gestellt. Das nachbarschaftliche Verständnis, das mit dieser Schenkung zum Ausdruck gebracht wurde, und das im Ausstellungstitel gewürdigt wird, hat Tijmen Knecht 1997 anlässlich der Übertragung seiner umfangreichen Sammlung an das Düsseldorfer Glasmuseum Hentrich erläutert. Vor dem Hintergrund, dass Amsterdam, Rotterdam und Den Haag große und repräsentative Sammlungen von modernen, niederländischen Glas besitzen, stellt er die Frage:

“Warum seine Glassammlung nach Deutschland schenken? Die Antwort ist, dass wir … in dem Europa, das sich langsam bilden wird, die Grenzen mehr und mehr relativieren müssen und nicht zögern dürfen, unsere Planungen in grenzüberschreitenden Kategorien zu fassen. (…) Von den Grenzen in vier niederländischen Provinzen aus können eineinhalb bis zwei Millionen Niederländer Düsseldorf schneller erreichen als die Großstädte im Westen.“

Die Ausstellung „Nachbarn“ präsentiert mehr als 50 Gläser aus der Sammlung Knecht-Drenth. Die Schau, die einen konzentrierten Blick auf die im 20. und 21. Jahrhundert entstandene Glaskunst unserer niederländischen Nachbarn wirft, bieten mit ausgewählten Beispielen auch Rückblicke auf die historischen Blüteperioden der Glaskunst der Niederlande.

Ein erster Höhepunkt in der niederländischen Glasproduktion fällt zusammen mit dem gouden eeuw, dem Goldenen Zeitalter (1581–1672). Damals zogen italienische Glasmacher von den südlichen, nunmehr spanischen Niederlanden nach Norden. Hier führten sie nicht nur die venezianische Glastradition in höchster Könnerschaft fort, sondern schufen eigene Techniken und Formen, etwa die der imposanten Flügelgläser.

Im späteren 17. und 18. Jahrhundert ging die Glasherstellung in den Niederlanden zurück. Einzelne Künstler, oftmals Amateure, brachten jedoch auf dem Gebiet der Glasgravur Spitzenwerke hervor, eingravierte kalligraphische Inschriften oder mit einem Diamantstift aufgestippte pastose Zeichnungen, für deren Betrachtung das Glas ins richtige Licht gewendet werden muss.

Eine im Jahr 1765 südlich von Utrecht errichtete Flaschenfabrik wird zum Vorgänger der bis heute namhaften Glasfabrik Leerdam, deren offizielle Gründung 1878 noch unter anderem Namen erfolgte. Seit etwa 1915 kam es hier unter der Leitung von Petrus Marinus Cochius (1874–1938) zu einem Wandel. Cochius räumte den Künstlern eine entscheidende Rolle beim Entwurf der Gebrauchs- und Ziergläser ein. „Gebrauchsgegenstände, für Jedermann erschwinglich, aber entworfen von Künstlern“, so lautete das neue Gestaltungskonzept.

Internationale Bekanntheit erlangte die Glasfabrik Leerdam auf der Exposition Internationale des Arts Décoratifs in Paris 1925, wo Entwürfe des Architekten Karel de Bazel (1869–1923), des Glasdesigners Andries Dirk Copier (1901–1991) und des Künstlers Cornelis de Lorm (1875–1942) mit Auszeichnungen gewürdigt wurden.

„Ich zögere nicht, das Leerdam-Glas als eine der wertvollsten Äußerungen der niederländischen angewandten Kunst dieses Jahrhunderts zu bezeichnen. Es ist bestimmt durch kraftvolle und natürliche Formen, durch Schlichtheit, zurückhaltende Farbigkeit, man möchte fast sagen, durch Einfalt. Es prahlt nicht, ist nicht künstlich und hat eine Einfachheit an sich, die echt ist.“ (Tijmen Knecht, 1997)

Copier entwickelte sich in der Glasfabrik Leerdam zum bedeutendsten Künstler der Firma. Anfangs von der Natur inspiriert, ließ er sich um 1930 durch die Auffassung der Gruppe „De Stijl“ beeinflussen und entwarf nunmehr Serien mit geometrischer Gestalt. Gemeinsam mit der Vereinigung der Niederländischen Weinhändler schuf er das „Gildeglas“, eine Serie, die wohl als Prototyp aller heutigen Weingläser gelten darf. Schlichtheit, der Verzicht auf überschwängliche Verzierung, blieben ein Merkmal der leerdamschen Gebrauchs- und Kunstgläser.

Auch andere Glasfirmen in den Niederlanden gingen im Sinne einer zeitgemäßen Gestaltung eigene Wege. 1919 entwarf der Graphiker Jacob Jongert (1883–1942) eine Serie von Likörflaschen für eine Destillerie in Purmerend, die bei den United Glassworks in Vlaardingen hergestellt wurden. Das „unbearbeitete Produkt der Glasmacherpfeife“ war für Gerard Muller (1877–1973), dem Leiter des Handelshauses Muller’s Kristal in Amsterdam, das höchste Gut der Glaskunst. Wohl in Reaktion auf die leerdamsche Gestaltungspolitik entwarf Muller die Gläser selbst, unter dem Werbespruch „angenehme Gebrauchsobjekte ohne Kunstprätention“. Hergestellt wurden seine Gläser bei der Josefinenhütte in Schlesien und bei Val Saint-Lambert in Belgien.

Die größte Konkurrenz erwuchs Leerdam durch die Kristalunie Maastricht. Diese war 1925 aus der Fusion der zwei Glasfabriken De Sphinx und Stella hervorgegangen, die auf geschliffenes Kristallglas spezialisiert gewesen waren. Die Kristalunie folgte dem leerdamschen Vorbild der künstlerischen Gestaltung, um den Charakter des Altmodischen abzuschütteln. Dafür sorgten der Firmendesigner W. J. Rozendaal (1899–1971) sowie auswärtige Entwerfer, zu denen auch der berühmte Jugendstilkünstler Jan Eisenloeffel (1876–1957) zählte.

In den Jahren 1923/24 begann Copier bei Leerdam mit der Herstellung von „Unica“, dem künstlerischen Einzelstück. Diese Werke entstanden nicht am Reißbrett, sondern am Glasofen, im Dialog zwischen Entwerfer und Glasmacher. So kam es zur gemeinschaftlichen Entwicklung der Krakelee-Technik, die charakteristisch für die Unica-Arbeiten der 20er Jahre wurde. Neben Copier waren unter anderem die Künstler Chris Lebeau (1878–1945) und Chris Lanooy (1881–1948) mit Unica-Arbeiten hervorgetreten.

Eine zweite Generation von Entwerfern, Floris Meydam (1919– 1992), Willem Heesen (*1925) und Sybren Valkema (1916–1990), sah sich neuen Herausforderungen gegenüber. Meydam reagierte auf die zunehmende Automatisierung in der Glasindustrie mit funktionellen Entwürfen. Bei seinem Sherryservice konnten die Gläser beispielsweise auch als Stöpsel der Karaffe dienen, und sein Trinkservice „Tumbola“ ließ sich völlig maschinell herstellen. Meydams Gläser markierten den Schnittpunkt zwischen Italien und Skandinavien und fanden über die Niederlande hinaus große Beachtung.

Heesen und Valkema begannen gegen Ende der 1960er Jahre, Glas an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam zu blasen. Dies war die Geburtsstunde der – durch Unica allerdings schon in die Wege geleiteten – Studioglas-Bewegung in den Niederlanden, die heute durch Künstler wie Mieke Groot (* 1949), Bernard Heesen (*1958) und den Amerikaner Richard Meitner (*1949), der seit 1972 in Amsterdam lebt, vertreten wird.

Kurator: Dr. Dedo von Kerssenbrock-Krosigk
Ausstellungsumfang: ca. 100 Glasobjekte
Kuratorenführungen: Donnerstag, 25.06.2009 und Donnerstag, 20.08.2009, jeweils 17 Uhr,
Treffpunkt: Tonhalle, Grünes Gewölbe
Öffnungszeiten: Di-So, 11 - 18 Uhr
Eintritt: frei

museum kunst palast

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