Paul Pfeiffer - THE SAINTS
10. Oktober 2009 - 28. März 2010
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart / Berlin
In seinen innovativen Videos und Skulpturen untersucht Paul Pfeiffer die Macht der Bildkultur und macht sich Gedanken darüber, wie Bilder hergestellt werden. Sein Werk animiert die Betrachter, ihren Blickwinkel zu verändern.
Die zentrale Arbeit der Ausstellung ist Pfeiffers Klang- und Videoinstallation The Saints, eine Neuinszenierung des legendären Weltpokalendspiels von 1966 zwischen Westdeutschland und England im Londoner Wembley Stadion. The Saints wurde 2007 von Artangel in London als Auftragsarbeit ausgeführt und im Herbst des gleichen Jahres in einem leeren Lagerhaus, einige Meter entfernt vom legendären Wembley Stadion, uraufgeführt. Inzwischen wurde die Arbeit für die Sammlung der Nationalgalerie erworben mit der freundlichen Unterstützung von Outset, Contemporary Art Fund, London. Der überwältigende Sound singender und grölender Menschenmengen in der Installation The Saints begleitet der Besucher auch bei der Betrachtung von Pfeiffers Empire (2004, Leihgabe Julia Stoschek Foundation e.V.). Es handelt sich um ein Echtzeitvideo, das den Bau eines Wespennests über einen Zeitraum von drei Monaten zeigt. Der mentale Ort, der durch den Klang hervorgerufen wird, verwirklicht sich auch in Pfeiffers Vitruvian Figure (2009, Leihgabe Sammlung Goetz), dem riesigen Modell eines Sportstadions.
Paul Pfeiffer, The Saints, 2007
Loop: 30 Min.
18-Mehrkanal-Ton und Videoinstallation
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
2009 erworben durch Outset, Contemporary Art Fund, London
Das Ergebnis der Fußballweltmeisterschaft von 1966 ist nicht nur legendär, es war ein geschichtsträchtiges Schauspiel und ist bis heute ein Mythos. Diese symbolträchtige und stark emotionalisierte Situation bildet den Hintergrund für die Arbeit The Saints.
Basierend auf originalem Film- und Soundmaterial, beleuchtet und reinszeniert die mehrteilige Video- und Toninstallation das bedeutendste Sportereignis in Europas Nachkriegsgeschichte. Paul Pfeiffer hat das Finale von 1966 in eine entfernte neue Szene übertragen. Circa 1000 Filipinos wurden angeheuert, um in einem Kino in Manila auf den Philippinen, jubelnd, singend und skandierend das Spiel von 1966 akustisch zu begleiten und neu zu inszenieren. Damit wird das Ereignis von 1966, im Sinne einer Manifestation der anonymen Masse, nicht nur rekonstruiert und aktualisiert, sondern auch örtlich und kulturell vom Wembley nach Manila verlegt.
Paul Pfeiffer begreift dieses Ereignis als Teil des kollektiven Gedächtnisses und verweist auf das symbolhafte Aufeinandertreffen zweier vormaliger Kriegsgegner, die sich nun auf einen sinnbildlichen „Schlachtfeld“ begegnen, umgeben von den Massen ihrer Anhänger. Die Fans bilden das konstitutive Element des Stadions. Der sogen. Hexenkessel des Stadions gehört zu den letzten Orten der Industriegesellschaft, wo Wut, Freude, Aggressionen und Gewalt, ebenso wie nationale Identifikationen noch offizielle Daseinsberechtigung haben. Auf diese Weise verhandelt diese Arbeit Topoi wie Identifikation, Historiographie, universale Übertragbarkeit von popkulturellen Motiven und fanatischer Fankultur. The Saints betritt eine existentielle Ebene, die weit über den spezifischen Kontext des Weltmeisterschaftsendspiels von 1966 hinausgeht.
Paul Pfeiffer, Empire, 2004
1-Kanal Video, Dauer: 3 Monate
Maße variabel
Julia Stoschek Foundation e.V., Düsseldorf
Empire zeigt den Bau eines Wespennests über einen Zeitraum von drei Monaten. Pfeiffer zeichnete auf, wie die Königin ihr Nest baut, die Eier legt und ihre Herrschaft etabliert. Der erste und der letzte Moment der Aufzeichnung sind durch den natürlichen Lebenskreislauf des bestimmten Nests vorgegeben. Es gibt keine Regie. Die Webcam läuft andauernd. Während man sich Empire anschaut, hört man bereits den Klang von The Saints. Es ist der typische Lärm von singenden und skandierenden Fußballfans. Sowohl in Empire als auch in The Saints untersucht Pfeiffer die Beziehung zwischen individuellen und größeren, sozialen Körpern. Die persönliche Identität wird dem Großenganzen untergeordnet. Man kann sogar noch weiter gehen und Empire mit der Geschichte vom Wembley Stadium verbinden, das 1923 aus Anlaß der British Empire Exhibition als das Empire Stadium eingeweiht wurde. Empire und The Saints sind unterschiedliche Fassungen von Hierarchien, die im Begriff sind, sich zu formieren. Die Länge des Videos Empire von drei Monaten, impliziert die Unmöglichkeit, das ganze Stück zu sehen. Wir können nur ein Fragment ergattern. So wird unsere Wahrnehmung bereits angestachelt, bevor wir den Raum betreten, in dem The Saints läuft.
Paul Pfeiffer, Vitruvian Figure, 2009
Birke Multiplex, Spionspiegel, polierter Edelstahl
586 x 472 x 240 cm
Sammlung Goetz
Während der Klang von The Saints unsere Fantasie schon in die Arenen der Sportspektakel entführt hat, versperrt uns mit Vitruvian Figure ein riesiges Stadionmodell buchstäblich den Weg. Paul Pfeiffer verwendet verspiegeltes Glas, um die Vorstellung zu evozieren, es handle sich um einen kompletten architektonischen Raum. Die Stadionarchitektur scheint ein Echo des perfekten Wespennests aus Empire zu sein. Während Empire eine Wespenkolonie beim Nestbau vorführt, erblicken wir jetzt eine Architektur, die gebaut wurde, um Tausende von Menschen zusammen zu bringen. Am Modell des klassischen Amphitheaters orientiert, ist das Stadion ein gelungen gestalteter geometrischer Raum mit perfekten Proportionen. Der Titel Vitruvian Figure bezieht sich auf den antiken Architekten Vitruv, der Architektur als Imitation der Natur definiert und sagt, die Art, wie Menschen ihre sie beschützenden Häuser aus Naturmaterialien konstruieren, gleiche der, wie Wespen ihre Nester bauen.
Paul Pfeiffer
Paul Pfeiffer wurde 1966 in Honolulu, Hawaii geboren und verbrachte den Großteil seiner Kindheit auf den Philippinen. Nach Beendigung eines Kunststudiums am San Francisco Art Institute besuchte er das Hunter College und nahm teil am Whitney Independent Study Program in New York City, wo er auch heute lebt und arbeitet. Paul Pfeiffer hatte Einzelausstellungen u. a. in The Museum of Contemporary Art in Chicago, dem Hammer Museum in Los Angeles, dem KW Institute for Contemporary Art, Berlin, K21, Düsseldorf und bei Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Wien. Sein Werk wurde in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt; dazu gehören, das Museum of Modern Art, PS1, und das Guggenheim Museum in New York ebenso wie die Whitney Biennial und La Biennale di Venezia. 1994 war Pfeiffer Stipendiat der Fulbright-Hays Foundation auf den Philippinen und im Jahr 2000 der erste Preisträger des Bucksbaum Award. 2001 war er artist-in-residence am MIT List Visual Arts Center in Cambridge, Massachusetts und bekam 2009 The Alpert Award in the Arts for Visual Arts. 2008 widmete das Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León in Spanien Pfeiffer eine umfassende Einzelschau mit einem Überblick über seine gesamte bisherige Karriere. Der Künstler bereitet momentan eine Einzelausstellung für die BAIBAKOV art projects in Moskau vor.
Ein umfangreiches Vermittlungsprogramm der Besucher-Dienste der Staatlichen Museen zu Berlin entsteht in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin.
Katalog
Der Katalog erscheint im Kehrer Verlag, in Deutsch und Englisch, mit einem ausführlichen Interview mit Paul Pfeiffer und James Lingwood, Essays von Kodwo Eshun, An Paenhuysen, Britta Schmitz, und Ian White ISBN 978-3-88609-670-1
Ausstellung vom 10. Oktober 2009 bis 28. März 2010, im Rahmen der Asien Pazifik Wochen 2009. Die Asien-Pazifik-Wochen werden unterstützt durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB).
Ort: Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, Invalidenstrasse 50-51, 10557 Berlin. 1. OG West im Beuys Flügel, auf 650 qm Ausstellungsfläche.
Öffnungszeiten: Di - Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr, Mo geschlossen
Pressekonferenz Freitag 9. Oktober 2009, 11 Uhr, mit Udo Kittelmann Direktor Nationalgalerie, und Dr. Britta Schmitz, Oberkustodin, Kuratorin der Ausstellung
Eröffnung Freitag 9. Oktober 2009, 20 Uhr
Stichwörter / Tags: Berlin, Paul Pfeiffer, Staatliche Museen zu Berlin