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wechselausstellungen.de | 15. September 2008

RENÉ MAGRITTE 1948 - LA PÉRIODE VACHE

30. Oktober 2008 – 4. Januar 2009, Schirn Kunsthalle / Frankfurt

René Magritte gehört nicht nur zu den bedeutendsten, sondern auch zu den populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Oft im Widerspruch zu den künstlerischen Tendenzen seiner Zeit hat der belgische surrealistische Maler eine einzigartige und unverkennbare Bildsprache geschaffen. Wie kaum ein anderer hat er mit seinem Werk nachfolgende Künstlergenerationen bis heute, aber auch die visuelle Kultur der Gegenwart wesentlich beeinflusst. Viele seiner ebenso rätselhaften wie einprägsamen Bildfindungen wurden millionenfach reproduziert und sind weit über die Kunstwelt hinaus zu Ikonen geworden.

Eine faszinierende Episode im Werk des richtungsweisenden Künstlers ist jedoch nahezu unbekannt geblieben: die sogenannte Période vache. 1948 schuf Magritte für seine erste Einzelausstellung in Paris eine Gruppe von Gemälden und Gouachen, die sich deutlich von seinem übrigen Werk unterscheidet. In einem neuen, schnellen und aggressiven Malstil – inspiriert vor allem von populären Bildquellen wie Karikaturen und Comics, aber auch mit Stilzitaten von Künstlern wie James Ensor oder Henri Matisse durchsetzt – entstanden innerhalb von wenigen Wochen etwa 30 völlig untypische Werke, die im damaligen Paris für Empörung sorgten. Magritte hatte die Ausstellung gezielt als Provokation und als Angriff auf das Pariser Publikum konzipiert. Mit seiner Hinwendung zu einem unerwartet kruden, spielerischen und bewusst „schlechten“ Malen reflektierte der Künstler sein eigenes Werk, aber auch die Malerei generell. In Retrospektiven zum Werk Magrittes meist nur vereinzelt gezeigt, werden die Arbeiten der Période vache in der Ausstellung in der Schirn erstmals außerhalb Frankreichs und Belgiens zusammengeführt. Besonders vor dem Hintergrund der Kunst der letzten 30 Jahre wirft diese konzentrierte Präsentation ein neues, überraschendes Licht auf einen herausragenden Künstler, dessen Werk oft fälschlicherweise als allzu eingängig und bekannt erachtet wird.

Dass erst im Jahr 1948 Magrittes erste Einzelausstellung in Paris stattfand, ist für die Entstehung der Période vache von entscheidender Bedeutung. Paris war nicht nur das Zentrum der Kunstwelt, sondern auch die Hauptstadt der surrealistischen Bewegung, und Magritte stand – als die zentrale Figur der belgischen Surrealisten – seit den 1920er-Jahren in engem Kontakt mit dem Kreis um André Breton. Doch war nicht nur sein Versuch, sich in der französischen Metropole zu etablieren, nach nur dreijährigem Aufenthalt (1927–1930) gescheitert; selbst nachdem in den 1930er-Jahren seine internationale Anerkennung gewachsen war, blieb ihm eine adäquate Würdigung seines Werks in Paris verwehrt. Darüber hinaus geriet Magritte unmittelbar nach dem Krieg in einen offenen Konflikt mit Paris, als die von ihm formulierte Neudefinition des Surrealismus bei den aus dem Exil heimkehrenden Protagonisten der surrealistischen Gruppe auf Ablehnung stieß. Magritte hatte in den Jahren zuvor, die er unter deutscher Besatzung in Brüssel verbrachte, eine programmatische Wendung vollzogen und damit die heute als Période Renoir oder Période soleil bezeichnete Phase seines Werks begründet: Auf den farbenfrohen Stil der französischen Impressionisten zurückgreifend, propagierte er eine Hinwendung zur „schönen Seite des Lebens“ und lancierte, in Abgrenzung von der offiziellen Pariser Linie, den „Surrealismus in praller Sonne“ (surréalisme en plein soleil). Vehement ging er dabei gegen die reaktionäre Haltung einer in seinen Augen erstarrten avantgardistischen Bewegung vor und versuchte vergeblich, Breton von seinem Ansinnen zu überzeugen. Nicht nur die von Magritte initiierten Manifeste, auch seine Werke im neoimpressionistischen Stil stießen durchweg auf Ablehnung und Kritik.

In diesem polemischen Kontext sah Magritte 1948 in der Einladung nach Paris weniger die Chance, endlich in der französischen Metropole zu reüssieren, als vielmehr die Möglichkeit, sich mit einem unerwarteten Coup zu revanchieren – für die Arroganz des hauptstädtischen Kunstbetriebs und die verknöcherte Haltung eines historisch und allzu salonfähig gewordenen Surrealismus.Der von Magritte für die neue Werkgruppe verwendete Terminus „vache“ wird meist als ironische Anspielung auf die historische Bewegung der Fauves gedeutet, deren übersteigertes Kolorit die Werke Magrittes ebenso parodieren wie ihren dekorativ-gefälligen Charakter. Im Französischen bedeutet „vache“ aber nicht nur „Kuh“, sondern auch so viel wie „gemein“; eine „vacherie“ ist ein übler Streich. Weitere um den Begriff angesiedelte Ausdrücke sind „femme vache“ für extrem dicke Frau, „peau de vache“ für fiese, bösartige Person oder „amour vache“ für brutale körperliche Liebe. Damit schwingt im Namen auch der aggressive und bewusst derbe Charakter mit, der die Bilder auszeichnet.

Die Werke der Période vache bilden weder motivisch noch stilistisch ein einheitliches Ensemble, sondern sind vielmehr ein Patchwork aus wechselnden Pseudostilen mit mehr oder weniger offenen Anleihen bei anderen Künstlern und Rückgriffen Magrittes auf das eigene Werk, die unter Verwendung von Versatzstücken aus der populären Bildkultur ins Komische, Triviale, Groteske überführt werden. Mit zahlreichen kunsthistorischen Anspielungen – etwa auf James Ensor, dessen groteske Physiognomien von Magritte noch einmal drastisch gesteigert werden, auf Henri Matisse, dessen farbige Ornamente er zum tapetenartigen Dekor degradiert, oder auf den von ihm bekanntlich wenig geschätzten Joan Miró – parodiert Magritte überkommene kulturelle Werte und ästhetische Normen und distanziert sich von einem innovationslüsternen Kunstbetrieb. Indem er Motive aus eigenen früheren Bildern in neuer Malweise präsentiert, macht er sich gewissermaßen zum Karikaturisten seiner selbst. Im Gegensatz zu den „klassischen“ Bildern Magrittes mit ihrer kühlen, präzisen und wirklichkeitsgetreuen Malweise und dem ihnen zugrunde liegenden konzeptionellen Kalkül sind die Vache-Bilder bunt, flächig, schnell gemalt und von einer unerwarteten Direktheit und Spontaneität.

Die Ausstellung in Paris brachte den erwarteten Misserfolg. Kein einziges Bild wurde verkauft. Die Presse reagierte kühl. Das Publikum war empört. Die Pariser Surrealisten hielten sich auf Distanz. Zu Magrittes Lebzeiten – also bis 1967 – wurde lediglich ein einziges der Vache-Bilder noch einmal ausgestellt. Die Werkgruppe stellte im Blick der Ausstellungsmacher wie auch der Händler und der Historiker einen irritierenden Fremdkörper in einem ansonsten ungewöhnlich konsistenten Œuvre dar. Sie hätte auch das Bild eines Künstlers gestört, der seit Beginn der 1960er-Jahre primär als Wegbereiter der Pop-Art und der Konzeptkunst rezipiert wurde. Erst mehr als 30 Jahre nach ihrem Entstehen begann – mit der Kölner „Westkunst“-Ausstellung 1981 – eine schleichende Neurezeption und Würdigung der bis dahin vergessenen Bilder. Im Kontext der postkonzeptionellen Malerei der 1980er-Jahre erwiesen sich die Strategien, mit denen Magritte im Medium der Malerei deren vorherrschende Normen unterwandert, mit einem Mal als vorbildhaft und in hohem Maße aktuell. Heute, etwa 40 Jahre nach Magrittes Tod, wird sein Werk von zeitgenössischen Künstlern wie John Currin, oder Sean Landers oft vorrangig über die Werke der Periode vache rezipiert. Ihr Witz, ihre spontane Handschrift und ihr Mut zum schlechten Geschmack dienen als Beispiel für eine Malerei, die aus der scheinbaren Sinnlosigkeit ihres Sujets die erforderliche Wucht bezieht, um die Klischees der zeitgenössischen Bilderwelt zu entkräften. Mit seinem manifestartigen Protest gegen jede Form von Arroganz und Maßregelung in der Kunst wird Magritte dabei auch zu einem Vorbild für den Triumph eines Künstlers über den – heute übermächtiger denn je erscheinenden – Kunstbetrieb.

Die Schirn setzt mit der Ausstellung „René Magritte 1948. La Période vache“ eine Reihe von Ausstellungen fort, die mit „Henri Matisse. Mit der Schere zeichnen“, „Paul Klee. 1933“, „Max Beckmann. Aquarelle und Pastelle“ sowie „Picasso und das Theater“ begonnen hat und außergewöhnliche Werkkomplexe oder wenig beachtete Aspekte im Œuvre von etablierten Meistern der klassischen Moderne in den Blickpunkt rückt.

KATALOG: René Magritte 1948. La Période vache. Herausgegeben von Esther Schlicht und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Texten von Michel Draguet, Robert Fleck, Florence Hespel und Esther Schlicht. Deutsch-englische Ausgabe, 176 Seiten, ca. 90 Abbildungen, Ludion, ISBN 978-90-5544-768-8, 29,80 € (Schirn), ca. 34,90 € (Ludion).

Schirn Kunsthalle Frankfurt

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