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wechselausstellungen.de | 7. März 2009

Royden Rabinowitch

14. Februar - 19. April 2009, Marta Herford

„Wer das Absolute will, erntet Subjektivität im Überfluss, und wer Objektivität sucht, kann dem Relativismus nicht entgehen.“
Royden Rabinowitch

Marta Herford zeigt erstmals seit über 20 Jahren in Deutschland eine größere Werkgruppe des kanadischen Bildhauers Royden Rabinowitch. Die Ausstellung umfasst Boden- und Wandskulpturen aus Metall sowie eine Reihe großformatiger Zeichnungen aus den Jahren 1990-2007.

Royden Rabinowitch, geboren 1943 in Toronto, steht künstlerisch der Minimal Art nahe. Doch am Beginn seiner Karriere bricht er nicht so radikal wie seine amerikanischen Kollegen mit dem formalen Raum der klassischen Moderne, sondern er bezieht sich in seinen Frühwerken sogar ausdrücklich auf Pioniere der modernen Skulptur, wie Alberto Giacometti, David Smith oder Constantin Brancusi.

Neben der Kunst befasst sich Rabinowitch mit Studien der Musik und der Naturwissenschaft. Diese bringen ihn zu der Überzeugung, dass sich die Gestalt der Realität, welche durch die Rationalität der Wissenschaft klar definiert wird, nicht mit der sinnlich-körperlichen Wahrnehmung vereinbaren lässt. In seinen umfassenden Notizen schildert Royden Rabinowitch nicht nur sein frühes Interesse für Erscheinungen der Natur, sondern auch seine Faszination für architektonische Formen, komplexe Konstruktionen und technische Instrumente. Angeregt durch einen Freund seiner Eltern, den Mathematiker Abraham Robinson, beschäftigte sich Rabinowitch bereits in jungen Jahren mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Fragen. Diese Erfahrungen und nicht zuletzt das frühe Geigenspiel prägen bis heute das Denken des Künstlers. Ausgangspunkt seiner wissenschafts-, musik- und kunsttheoretischen Reflexionen ist die unüberbrückbare Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlichen, modellhaft-abstrakten Denken und der unmittelbaren Wahrnehmung im Erfahrungsraum.

Das daraus resultierende Dilemma der Entfremdung des Menschen von der Welt („crisis of being“) hat Rabinowitch zu seinem Grundthema gemacht, das er durch seine künstlerische Arbeit zu überwinden sucht. Der Widerspruch zwischen Wissen und Erfahrung wird für ihn zum Thema einer intensiven, bis heute andauernden Auseinandersetzung und ist damit von entscheidendem Einfluss bei der Entwicklung seiner konsequenten Bildsprache.

Rabinowitchs Skulpturen sind einfache, intuitiv erfahrbare Objekte. Wie evident einsehbare Axiome scheinen sie mit ihrer minimalistischen Form und klaren Struktur zwischen dem Betrachter und der Welt zu vermitteln, indem sie die Komplexität des Erfahrungsraums reduzieren: In zahlreichen Variationen kombiniert Rabinowitch konkave und konvexe Formen, offene und geschlossene Räume, flache und gekrümmte Flächen, kontinuierliche und diskontinuierliche Linien und thematisiert existentielle Verhältnisse zwischen Körper und Objekt – wie Balance und Gewicht, oben, unten, rechts und links.

Rabinowitch selbst versteht seine Skulpturen und Zeichnungen als Choreographien für den Körper beziehungsweise für die Augen. Seine Werke sind stets das Ergebnis einfacher Kräfte und Bewegungen: Flache Bleche erschließen durch Biegung oder Faltung den Raum und folgen dabei immer wieder neuen Richtungen, Linien schwingen in immer ähnlichen, aber nie identischen Rhythmen. Royden Rabinowitchs Kunst lädt deshalb sowohl zu einer Betrachtung in Bewegung ein als auch zur Kontemplation. Dem Betrachter zeigt sich dieses Werk einfach und rätselhaft zugleich: Einfach, weil sich die Elemente und Konstruktionen stets leicht erkennen und nachvollziehen lassen, und rätselhaft, weil ihr Raum seltsam offen bleibt, ja sogar zu zerfallen scheint beim Versuch, ihn genau zu beschreiben.

„Meine gesamte Arbeit gründet auf der Annahme, dass die permanente wissenschaftliche Revolution nicht nur das Rückgrat unserer Gesellschaft bildet, sondern auch naturgemäß eine unauflösliche Krise des Daseins hervorruft. Einerseits glauben wir an empirisch darstellbare Dinge und Ereignisse, und diese Überzeugung folgt der Autorität einer abgeleiteten, abstrakten und unpersönlichen Realität, das heißt, sie repräsentiert die Bedingungen einer laufenden intellektuellen Entwicklung. Andererseits halten wir aber auch an einer Hierarchie von Werten und Zielen fest – eine Überzeugung, die sich aus der Autorität einer gegebenen, unmittelbaren und zwischenmenschlichen Realität ergibt, und die deshalb den Bedingungen einer alltäglichen und sterblichen Existenz geschuldet ist. Diese beiden Überzeugungen stehen nun, das ist der Ausdruck der Krise, in einem dauerhaften Widerspruch.“
Royden Rabinowitch

„In den Skulpturen und Zeichnungen Rabinowitchs, ergänzt durch seine Texte und Erzählungen, scheint ein komplexes, ganzheitliches Weltbild auf, dessen Utopie in der dialogischen Harmonisierung eines für die menschliche Erfahrung grundlegenden Spannungsverhältnisses zwischen Ratio und Emotio liegt. Dass der Mensch dank seiner intellektuellen Fähigkeiten in der Lage ist, die Welt modellhaft zu beschreiben, Theorien und Relationen logisch abzuleiten und zu abstrakten Erklärungsmustern zusammenzuziehen, entfernt ihn gleichzeitig von seinen Möglichkeiten, die Lebensräume körperlich, von Empfindungen und Intuition gesteuert zu erfahren. Dieser klassische Widerspruch, den die Philosophie schon seit alters her in ihrem Denken zu fassen versucht, wird bei Royden Rabinowitch zur zentralen Kategorie der Werkentwicklung.“
Roland Nachtigäller

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (68 Seiten, Hrsg. MARTa Herford) mit Beiträgen von Friederike Fast, Roland Nachtigäller, Thomas Niemeyer und Royden Rabinowitch. Der Katalog ist im Museumsshop erhältlich und über den Buchhandel zu beziehen.

Marta Herford

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