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wechselausstellungen.de | 16. März 2009

Simon Dybbroe Møller: Kompendium

14. März – 17. Mai 2009
Kunstverein Hannover

Simon Dybbroe Møller unterzieht in seiner Arbeit die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts einer subjektiven Revision. Die Installationen, Collagen, Filme und Skulpturen spielen mit Positionen aus Minimalismus, Konzeptkunst und Konstruktivismus, De Stijl oder Bauhaus. Sie sind geprägt von einer Faszination der künstlerischen Vorbilder des 20. Jahrhunderts, die er sich aneignet und mit vielfältigen Referenzen zu Kunst, Design, Architektur, Literatur oder Musik verknüpft und hinterfragt: von Richard Serra, Gordon Matta-Clark, Dan Flavin oder Henry Moore über John Cage bis hin zum dänischen Mathematiker Sophus Tromholt ziehen sich die assoziativen Linien in seinen Werken.

Die raumgreifende Installation Mass, Weight and Volume (Fallen Into Place) (2008) etwa besteht aus Stahlrohren, die sich scheinbar kreuz und quer zwischen Boden und Decke verkeilt durch den Ausstellungsraum erstrecken. Das Material selbst und seine rostige Patina verweisen auf die massiven Skulpturen von Richard Serra, ihre Verteilung aber ist vom Zufall diktiert: Simon Dybbroe Møller ließ ein Mikadospiel in einem Modell des Kunstvereins fallen und rekonstruiert die Anordnung der 32 Holzstäbe des alten chinesischen Spiels maßstabsgerecht im Ausstellungsraum.

Die – absurde – Idee der Kombination von Stahl und Mikado, die präzise Umsetzung eines zufällig- dynamischen Ergebnisses in ein Material, das der Inbegriff von Statik ist, und die Einbettung der Stäbe in einen kunsthistorischen Gesamtkontext allerdings führen die unterschiedlichsten Ansätze zur Auseinandersetzung mit der Arbeit zusammen. Die Verflechtungen lassen sich weiter und weiter spinnen – das Mikadospiel etwa ist aus der buddhistischen Wahrsagemethode des Chien-Tung- Orakels entstanden und besteht traditionellerweise aus 41 Holzstäbchen vom 3 mm Dicke. Zufall oder Schicksal bestimmen, wie die Stäbe fallen, und wer einen Stab bewegt, hat verloren, was zum Begriff der Mikado-Methode führt, in dem zwei Parteien sich gegenseitig blockieren (denn wer sich bewegt, hat verloren).

Wie komplex die Verwicklungen und Verweise sind, die Simon Dybbroe Møller in seine Arbeiten einfließen lässt, zeigt sich auch an Dance of Light (2009), eine seiner neuesten Arbeiten, die für die Ausstellung im Kunstverein neu produziert wurde:

Ende des 19. Jahrhunderts versuchte der dänische Mathematiker Sophus Tromholt von seiner Forschungsstation im norwegischen Kautokeino aus, Nordlichter zu fotografieren. Das Projekt scheiterte an der unausgereiften Technik der Fotografie, und so zeichnete Tromholt seinen Eindruck der Nordlichter, fotografierte die Zeichnungen ab und publizierte sie dennoch als Fotografien der Nordlichter.

Die Texte, mit denen er versuchte, den „Tanz der Lichter“ mit dem Instrumentarium seiner klassischen wissenschaftlichen Ausbildung zu beschreiben, lesen sich ähnlich umständlich wie Kritiken von modernem Tanz, die sich um die Beschreibung einer komplexen Choreografie bemühen. Simon Møller übersetzt den Tanz der Lichter in tatsächlichen Tanz: Er gab einer Ballettgruppe der Staatsoper Hannover – Ballett als klassischste unter den Tanzformen – die Texte zur Interpretation.

Von dieser Interpretation wiederum entstanden Fotografien in leuchtenden Farben, die – so wie es Tromholt für seine Analyse geplant hatte – einen Moment innerhalb der Bewegung wiedergeben. Trotz der an Mareys Chronophotographie erinnernden Langzeitbelichtung fehlt das Zusammenspiel der einzelnen Tänzer in einem zeitlichen Ablauf. Die Fotografien werden von zwei Diaprojektoren als Einzelbildsequenz überblendet und die Standbilder beinahe wieder in Bewegung zurückversetzt. Der eigentliche Tanz aber bleibt dem Betrachter verschlossen und kann höchstens in seiner eigenen Vorstellung wieder entstehen – so wie eben auch Tromholt nur seine eigene Vorstellung der Nordlichter wiedergeben konnte.

Eine zweite Arbeit, die sich auf Tromholt bezieht, ist Only Particles, Some Fast Some Slow (to Sophus Tromholt) (2006–2009) – eine Serie von Collagen aus Lambdaprints, deren Titel den physikalischen Vorgang beschreibt, der die Nordlichter entstehen lässt: Teilchen der Sonnenwinde treffen auf die Magnetosphäre über den Polen und entladen sich in Lichtenergie. Die Lambdaprints sind wiederum die Nordlicht-„Fotografien“ Tromholts, die Simon Møller nachkoloriert, in Tangram- Teile zerlegt und neu zusammengesetzt hat. Die Parallelen, die sich dabei auftun, lassen sich einerseits zur Grundidee des Kubismus ziehen, schließen aber auch die Tatsache ein, dass Tromholt bis heute für kaum mehr als seine vom Tangram inspirierten mathematischen Knobelspiele bekannt ist.

Simon Dybbroe Møller interessiert sich hier dafür, wie unterschiedliche Ansätze – ganz zufällig – zu einer ähnlichen Formensprache führen können. Mit der tatsächlichen Genese der einzelnen Objekte und Bilder, die einer für Møllers Arbeiten charakteristischen, strengen Programmatik folgen, konterkariert er die etwa in Lawrence Weiners „Declaration of Intent“ niedergeschriebene, grundlegende Idee minimalistischer und konzeptueller Kunst, die die gedankliche Auseinandersetzung ganz klar vor eine tatsächliche Ausführung der konzipierten Arbeit stellt: „1. The artist may construct the piece. 2. The piece may be fabricated. 3. The piece need not be built.“

Eine Ästhetik, die der der zerschnittenen und wieder zusammengesetzten Lamdaprints von „Only Particles“ ähnelt, zeigt sich in Oh Spirit Duplicator, Oh Moving Image (No More Dry Writing) (2008/2009), eine Arbeit, die ganz ähnlich mit Übersetzungen umgeht wie Dance of Lights: Die 16mm-Projektion zeigt scheinbar abstrakte Formen und Farben, die sich bei sorgfältiger Beobachtung als Buchstabensequenzen herausstellen. Die Worte No More Dry Writing sind geschrieben in einer Art Fotogramm, die durch die Bewegung von bunten, teilweise durchsichtigen Objekten über einen Kopierer geformt werden.

Auch hier schlägt Simon Dybbroe Møller eine Brücke in eine andere Disziplin, die diesmal nicht neuer Tanz, sondern neue Musik ist: Der Beiklang von John Cage oder Charlotte Mooreman lässt sich deutlich nachvollziehen, wenn im Soundtrack zu Oh Spirit Duplicator – beinahe schon selbstironisch – ein Streichquartett die Geräusche eines Kopierers nachzuahmen versucht.

Simon Dybbroe Møller interessieren die Fehlschläge und Randbereiche der jüngeren Kunstgeschichte, und er kombiniert einzelne Fragmente, um neue Bezüge zu konstruieren oder vergessene Protagonisten und Seitenwege hervorzuheben. Hinter der glatten, klaren und rationalistischen Fassade der abstrakten und konzeptuellen Kunst kommt damit eine Seite der Moderne zum Vorschein, auf die auch Sol LeWitt in seinen Sentences on Conceptual Art hinwies: „We are mystics rather than rationalists.“

Die Ausstellung “Kompendium” setzt sich in der parallel stattfindenden Ausstellung “Appendix” im Frankfurter Kunstverein fort (27. März - 31. Mai 2009).

Pressekonferenz am Donnerstag, 12. März 2009, 11 Uhr
Eröffnung am Freitag, 13. März 2009, 20 Uhr

Kunstverein Hannover



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