Stefan Müller. Hang zur Neigung
27.03. – 24.05.2010
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Das älteste Bild in der Ausstellung Hang zur Neigung von Stefan Müller ist ein unbetiteltes Selbstportrait aus dem Jahre 1993. Es ist vermutlich der erste und letzte Versuch des Künstlers, ein figuratives Tafelbild zu malen. Das Z auf dem T-Shirt könnte eine Abkürzung für Zero sein und programmatisch den Nullpunkt symbolisieren, an dem der Künstler damals stand. Oder es steht für Zorro, die amerikanische Version von Robin Hood, der tagsüber als unscheinbarer und feiger Landedelmann Don Diego de la Vega ein geruhsames Leben führt und sich nachts in schwarzem Umhang und mit Augenbinde zum Rächer des unterdrückten Volkes verwandelt.
Der Beginn der 1990er-Jahre war von Künstlern geprägt, die sich mit dem politischen und kritischen Potential von Kunst beschäftigten und vorwiegend an Fragen der Ortsbezogenheit von Kunst interessiert waren. Ähnlich wie bei den Hardlinern der Konzeptkunst der 1960er-Jahre stand bei den Vertretern dieser jüngeren Generation nicht die Herstellung eines künstlerischen Objektes im Vordergrund, sondern die Visualisierung einer Idee. In diesem Klima nahm Stefan Müller 1996 in der Klasse von Thomas Bayrle sein Studium der Malerei an der Städelschule in Frankfurt auf. Sein Schaffen war damals von Zweifeln an der Möglichkeit geprägt, am Ende des 20. Jahrhunderts überhaupt noch ein Bild zu malen. Dennoch standen im Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung von Anfang an die Beschäftigung mit dem Medium Malerei und die Frage, was diese nach den Ausdrucksformen der Konzeptkunst und der Minimal Art für die Gegenwart formal noch bedeuten kann.
Bereits in seinen frühen Werken experimentierte Müller mit unterschiedlichen Bildträgern und Materialien. Mit einem minimalistischen Ansatz lotet er das Bild aus, wobei er es oft bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt als fertig erachtet. Minimale Spuren, die beim Aufspannen der Leinwand zufällig entstanden zu sein scheinen, reichen oft schon für ein fertiges Bild aus. Mit dieser Haltung greift Müller Kernfragen postkonzeptueller Bildproduktion auf.
Kennzeichnend für Müllers Malerei ist die Reduktion in der Material-, Motiv- und Farbwahl. Malgrund sind unbehandelte Leinwand, Baumwolle oder gebrauchte Stoffe wie Bettlaken, die vor und während des Malens dem Zufall ausgesetzt werden. Oft ersetzen Bierflecken, Asche, Staub, Kaffee, Cola oder Blut die übliche Versiegelung durch Farbe. Seine Materialpalette reicht von Acryl, Transparentlacken, Öl, Silikon über Edding bis hin zu Blei- und Buntstift. Ebenso integriert er banale Elemente wie Schmutz, Seidenpapier, Konfetti oder Glitzerstreu.
In den Bildern der frühen 2000er-Jahre ist noch spürbar, wie Stefan Müller mit dem Konflikt zwischen abbildhafter und abstrakter Darstellung hadert. Giraffen, die über die Leinwand wandern, oder ein Schlagzeug lösen sich in abstrakte Farbmuster auf. Doch schon bald entwickelt Müller ein Formenvokabular aus Kreisen, Kugeln, Linien und Rechteckfeldern, das sich bis heute durch sein Werk zieht. Kringel werden zum Ich, Kreise stehen für das ständige Kreisen der Gedanken im Kopf des Künstlers. Titel wie Totel Total Confusion oder Aua, Aua, armes Universum oder Zu lange in die Sonne geschaut oder Empire of Dirt verleihen diesen Bildern eine weitere Bedeutungsebene.
Die Protagonisten der Minimal Art widersetzten sich selbstbewusst den traditionellen Ausdrucksmöglichkeiten von Malerei und Skulptur. Kennzeichen ihrer plastischen Arbeiten sind eine extrem reduzierte Formensprache, moderne Industriematerialien wie Sperrholz, Aluminium oder Leuchtstoffröhren sowie die Rücknahme der individuellen Handschrift. Die Bilder der amerikanischen Farbfeldmalerei definieren sich ausschließlich über den visuellen Illusionismus und negieren die herkömmliche Abbildfunktion der Malerei. Auch Palermo eliminiert in seinen Stoffbildern kategorisch jede individuelle künstlerische Handschrift. Seine Bilder aus eingefärbten Stoffbahnen besitzen keinerlei gemalte Materialität mehr, sondern sind radikal auf den farblichen Eindruck reduziert.
Wenn Müller Mitte der 2000er-Jahre beginnt, eine Form der Malerei zu entwickeln, ohne zu malen, indem er Stoffe unterschiedlicher Beschaffenheit, Größe und Farbe durch bloße Addition in Kunstwerke verwandelt, so ist dies sicherlich als eine Referenz zur Minimal Art zu verstehen. „Und tatsächlich schimmern bei den Arbeiten immer wieder mal gewisse Anspielungen auf malerische Traditionslinien durch, etwa auf Hardedge- und Farbfeldmalerei. … Bei Müller scheint das aber eher punktuell und stets gebrochen auf, ist meist recht rüde umgesetzt, radikal einfach gehalten oder so banalisiert, dass die unterstellte Referenz bloß wie ein Echo der eigenen Ahnung zurückruft. Bezüge sind hinreichend vage formuliert und gehen dabei fast in Müllers eigener Bildwelt auf: Als etwas, das mitschwingt, aber nicht dominiert. Eine Erinnerung, aus der aber auch etwas ganz Anderes werden kann.“(Jens Asthoff, Hamburg 2004) Müllers Stoffbilder sind oft von Fehlern und Brüchen gekennzeichnet und implizieren somit den romantischen Begriff des Scheiterns.
Die chronologische Hängung der Bilder in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden macht deutlich, wie Müller Malerei unaufhörlich neu denkt und erfindet. Stefan Müller kommt von der Malerei, hinterfragt diese mit unterschiedlichen formalen Mitteln und Methoden und findet in seinen neuesten Bildern auf verblüffende Weise seine eigene, unverkennbare Bildsprache.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Thomas Bayrle, Hans-Jürgen Hafner, Karola Kraus und Julia Wirxel, deutsch/englisch.
Pressekonferenz: Do. 25. 03. 2010, 11 Uhr
Eröffnung: Fr. 26. 03. 2009, 19 Uhr
Medienmitteilung
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
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