Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst
13. Februar - 24. Mai 2010
Bucerius Kunst Forum / Hamburg
Seit der Antike verschreiben sich Künstler listenreich und lustvoll dem Augentrug und spielen virtuos mit der Kunst der Illusion. Sie leiten den Betrachter an den äußersten Punkt der Sinnestäuschung und lassen ihn für einen wirklichen Gegenstand halten, was ihm doch nur als Bild gegenübersteht. Mit rund 80 Kunstwerken aus 55 deutschen und internationalen Sammlungen widmet sich das Bucerius Kunst Forum diesen Täuschungsmanövern in der Kunst.
Trompe-l’œil heißt auf Französisch „täusche das Auge“. Der Begriff bezeichnet ein Kunstwerk, das dieser Aufforderung nachkommt. Das Bild soll vortäuschen, kein Kunstwerk, sondern Realität zu sein. Perfekte Illusion wird dazu eingesetzt, die Handschrift des Malers zu leugnen. Erst wenn in der eingehenden Betrachtung erkannt wird, dass es sich um ein Kunstwerk handelt, offenbart sich auch die Idee. In diesem Spiel von Selbstverleugnung und -erschaffung liegt ein Schlüssel zur Kunst des Trompe-l’œil, zur Kunst der Künstler.
Die Ausstellung Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst, konzipiert von Gastkuratorin Dr. Bärbel Hedinger, zeigt die geschichtliche Entwicklung der Augentäuschung von der Antike bis zur Gegenwart. Sie untersucht die Motivationen der Künstler und präsentiert die vielfältigen Möglichkeiten der Wirklichkeitsdeutung, die das Trompe-l’œil hervorgebracht hat. Sie versammelt – zum ersten Mal in Deutschland – neben antiken Mosaiken, mittelalterlichen Handschriften und Naturabgüssen aus der Renaissance auch die berühmten „Augentäuscher“-Gemälde des 17. Jahrhunderts von Samuel van Hoogstraten oder Cornelis Gijsbrechts. Gezeigt werden darüber hinaus Werke von Lucas Cranach, Peter Paul Rubens und Jean-Baptiste Siméon Chardin und Skulpturen von Pop Art-Künstlern wie Andy Warhol und Jasper Johns.
Das anhaltende Interesse der Künstler am Augentrug spiegelt sich in den künstlerischen Positionen der Gegenwart, wie in den Photographien von Thomas Demand, Skulpturen von Christian Jankowski und Installationen von Peter Fischli/David Weiss und Janet Cardiff. Im digitalen Zeitalter, das geprägt ist von Fragen nach dem Realitätsgehalt von Bildern, erweist sich die besondere Aktualität des Trompe-l’œil. Aus diesem Anlass zeigt das Bucerius Kunst Forum zum ersten Mal in größerem Umfang zeitgenössische Kunst.
Das Spiel mit der Augentäuschung beginnt in der Antike. Wie hoch entwickelt die Illusionskunst seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. war, dokumentieren römische Kopien nach verlorenen griechischen Malereien und Mosaiken. Täuschend echt dargestellte Tiere und Esswaren, Geschirr und andere Alltagsgegenstände sind die häufigsten Motive von Fußbodenmosaiken und gemalten Wanddekorationen. An den geistreichen Illusionismus der Antike knüpft die Buchmalerei des späten 15. Jahrhunderts an. Pilgerzeichen oder Tier- und Pflanzendarstellungen halten in realistischer, vielfach scheinplastischer Schilderung Einzug in die illuminierten Handschriften. Die Kunst der Renaissance erweitert die Augentäuschung mit ihren Abgüssen von Tieren und plastischen Nachbildungen von Früchten. Diese gehören wie Herbarien oder Versteinerungen in das Studiolo eines Humanisten und in die fürstlichen Kunstkammern mit ihren Sammlungen kostbarer Artefakte und seltener Naturalia.
Der Realismus in der Kunst der frühen Neuzeit steigert sich nach 1600 in den Niederlanden zu einer zuvor ungekannten Wirklichkeitsnähe. Die Gegenstände werden in originaler Größe und authentischer Materialhaftigkeit dargestellt und erhalten durch Schatten und Lichtreflexe eine Räumlichkeit von nahezu haptischer Qualität. Die Fortschritte in den Naturwissenschaften und die Erfahrungen mit optischen Experimenten schaffen neue Voraussetzungen für die Malerei. Aus den Stillleben entwickeln sich die Bildmotive und -typen der Jagdtrophäen, der Steckbretter und Kunstkammerschränke. Das Trompe-l’œil entspricht mit seiner Zurschaustellung oft kostbarer und seltener Objekte dem Repräsentationsbedürfnis von Adel und Bürgertum.
Im 18. Jahrhundert verliert das klassische Stillleben für die Trompe-l’œil-Malerei an Bedeutung. Späte Vertreter sind Adriaen Coorte und Jean Siméon Chardin. Wichtigster Typus wird nun das in weiten Kreisen geschätzte Quodlibet (lat., „was beliebt“), das mit seinen collagehaften Zusammenstellungen von Briefen, Urkunden und Drucksachen historische Ereignisse und persönliche Erinnerungen einbezieht. Eine weitere populäre Facette des Trompe-l’œil stellen in Grisaille gemalte Steinreliefs dar, mit denen die Maler ihre Fähigkeit, eine fremde Gattung perfekt zu imitieren, selbstbewusst inszenieren. Transparente Glasscheiben durch Sprünge zur Erscheinung zu bringen, ist eine neue Spielart der Augentäuschung in der Zeit um 1800. In den USA erfährt die Trompe-l’œil-Malerei am Ende des 19. Jahrhunderts in der traditionellen Form des Quodlibets, jedoch mit typisch amerikanischen Sujets, eine letzte Renaissance.
Seit den 1960er Jahren arbeiten Künstler mit den Verfahren des Trompe-l’œil nicht nur in der Malerei, sondern in den verschiedensten Medien. Die Pop Art setzt auf den Überraschungseffekt, den lebensechte Nachbildungen alltäglicher Gegenstände hervorrufen. Graphik, Photographie und Videokunst der Gegenwart spielen mit der Irritation der Wahrnehmung. Sie zitieren und kommentieren die Traditionen des Trompe-l’œil. In der Installationskunst und hyperrealistischen Skulptur werden augentäuschende Verfahren eingesetzt, um die Grenzen der Kunst und des Kunstraums auszuloten und aufzubrechen. Auch im Zeitalter der Simulation bleibt dem Betrachter die Aufgabe, sich des Bildes und der Wirklichkeit immer neu zu vergewissern.
Zahlreiche deutsche und internationale Museen und Privatsammlungen haben kostbare Leihgaben zur Verfügung gestellt, darunter das Museo Nacional del Prado, Madrid, die Vatikanischen Museen, Rom, das Museo Archeologico Nazionale, Neapel, das Kunsthistorische Museum Wien und die Staatlichen Museen zu Berlin.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag, München (228 Seiten mit farbigen Abbildungen aller ausgestellten Werke, 24,80 € in der Ausstellung). Weitere Informationen unter www.buceriuskunstforum.de
Die Ausstellung wird gefördert von ExxonMobile
Medienmitteilung
Bucerius Kunst Forum
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