Tony Cragg. Second Nature
4.7. – 11.10.09
Museum der Moderne Salzburg (Mönchsberg)
Tony Cragg zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart. Das MdM Mönchsberg zeigt mit rund 120 Arbeiten einen Querschnitt seines zeichnerischen Werks, das bis in die 1970er Jahre zurückreicht und zahlreiche Skulpturen des Künstlers, die vor allem seit 2000 entstanden sind, darunter auch neue, bislang noch nie gezeigte Werke. Die Ausstellung findet auf zwei Ebenen des MdM Mönchsberg statt, an die sich die Skulpturenterrasse anschließt. Der Künstler wird dafür aktuelle Plastiken als Dauerleihgaben geben, die eine optische Verlängerung der Ausstellung in den Außenbereich bilden.
1949 in Liverpool geboren, arbeitete Tony Cragg von 1966 bis 1968 zunächst als Labortechniker in der Chemie-Industrie und ging 1969 an das Gloucestershire College of Art, Cheltenham, danach für drei Jahre an die Wimbledon School of Art und von 1973 bis 1977 an das Royal College of Art nach London. 1976 wurde er Professor an der École des Beaux-Arts in Metz, 1978 erhielt er einen Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er von 1988 bis heute eine Professur bekleidet. Seit 2009 ist Cragg Direktor der Kunstakademie Düsseldorf. Von 2001 bis 2006 lehrte er zwischenzeitlich an der Universität der Künste Berlin. Cragg war mehrmals mit Werken bei der Biennale in Venedig vertreten und repräsentierte Großbritannien dort 1988 im britischen Pavillon. In den Jahren 1972 und 1987 nahm er an der documenta in Kassel teil. 1988 erhielt er den Turner- Prize, 2001 den Shakespeare-Preis und 2007 den Praemium Imperiale für Skulptur des japanischen Kaiserhauses, der als Nobelpreis der Künste gilt. Tony Cragg lebt und arbeitet seit 1977 in Wuppertal, wo er 2008 einen Skulpturenpark mit eigenen Werken eröffnete.
Sein plastisches Oeuvre, das anfänglich Impulse aus der Auseinandersetzung mit der englischen Land Art und körperbetonten Arbeitsmethoden aufnahm, zeichnet sich durch einen immensen Reichtum an überraschenden Formerfindungen und –konstellationen aus, die sich auch in den Zeichnungen widerspiegeln oder dort anklingen. Metamorphosen von Wahrnehmungen der Gegenstandswelt, der Landschaft und der Figur verschmelzen in Craggs Werken. In den 1980er Jahren wurde der Künstler für seine Installationen aus Plastik- Fragmenten berühmt, die er mosaikartig zu farbigen Reliefs und Bodenarbeiten arrangierte und mit denen er ästhetisch provokativ Ikonen und Klischees der Gegenwart befragte.
Eine dieser Werkgruppen, die bis heute durch Cragg erweitert werden und auch in der Ausstellung zu sehen sind, bilden die Ende der 1980er Jahre entstandenen „Early Forms“. Die „Early Forms“ sind Skulpturen die sich aus mehreren organisch anmutenden Formen zusammensetzen, die miteinander verschmelzen, ineinander übergehen. Aus einer Haut entwickeln sich so Plastiken, die sich dynamisch zu drehen scheinen und an Frühformen der Entwicklung des Organischen erinnern.
„Rational Beings“ ist eine Werkgruppe, die um das Jahr 2000 entstanden ist. Das Motiv einer Wirbelsäule prägt diese Werke. Die Skulpturen entstehen, ähnlich der menschlichen Wirbelsäule, aus einer vertikalen Achse, die sich in verschiedene Richtungen neigt. Indem verschieden große, kreisförmige oder ovale Platten entlang der Achse geschichtet werden, bekommen diese Skulpturen ihre Masse. Aus dieser Werkgruppe heraus schuf Cragg in jüngster Zeit Stelen mit Deformationen von Gesichtern und Köpfen, die sich vielfach verzerrt und in rotierender Bewegung im Raum entfalten.
Cragg selbst bezeichnet sich gerne als „Materialisten“, der die Möglichkeiten seiner immer wieder neuen Werkstoffe erforscht und zu erweitern sucht. Tatsächlich setzt er sich in seinen Werken aus Glas, Holz, Kunststoff, Bronze, Gips, Fiberglas, Aluminium und Stein aber auch mit Raum und Zeit auseinander, mit Bewegung und Präsenz, mit Mikrostrukturen und Makrozusammenhängen, mit dem, was Lebendiges ausmacht.
Dabei kommt dem Begriff der Energie eine besondere Bedeutung zu – auch für die Zeichnungen Tony Craggs. Die Ausstellung vermittelt einen umfassenden Eindruck davon, welche Sujets – Landschaft, Figur und Stillleben –, welche Bezüge zwischen Mikrostrukturen und Makro-Zusammenhängen für das bildnerische Denken Craggs seit fast dreißig Jahren eine zentrale Rolle spielen und wie er sie über die Jahrzehnte hinweg verwandelt aufgreift, betrachtet, überformt und verschränkt.
Zeichnung und Skulptur stehen sich in Craggs Schaffen weitgehend autonom gegenüber – dennoch werden Vergleiche zwischen beiden Medien möglich und damit auch Konstanten sichtbar. Die Zeichnung mit ihren vibrierenden, rotierenden, unnachgiebig den Umriss von Gegenständen verfolgenden, ihn auflösenden Gesten lässt auch jene Dimensionen erahnen, die Cragg nur in diesem Medium andeuten, sichtbar machen kann: Welle und Teilchen, Partikel und Strahlung, Schwingung, Strömung und das Geschehen im Zwischenraum zwischen den Körpern, der erfüllt ist von unsichtbaren Kräften.
Die Ausstellung wurde in der Staatliche Kunsthalle Karlsruhe von 14.2. - 3.5.09 gezeigt und für das Museum der Moderne Salzburg modifiziert und erweitert.
Kuratoren: Eleonora Louis, Toni Stooss, Emilie Breyer
Zur Ausstellung ist im Dumont-Verlag ein Katalogbuch erschienen (256 Seiten, 200 Abbildungen, €29,- ) mit Beiträgen von Tony Cragg, Christa Lichtenstern (Ordinaria am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität des Saarlandes in Saarbrücken), Kirsten Claudia Voigt (Kuratorin, Kunsthalle Karlsruhe) und Jonathan Wood (Forschungsleiter am Henry Moore Institute in Leeds).
Medienrundgang: Donnerstag 2.7.09, 11.00 Uhr (Künstler ist anwesend!)
Eröffnung: Samstag 4.7.09, 11.00 Uhr
Stichwörter / Tags: Österreich, Bildhauerei, Museum der Moderne Salzburg, Salzburg, Tony Cragg



[...] Tony Cragg zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart. Das MdM Mönchsberg zeigt mit rund 120 Arbeiten einen Querschnitt seines zeichnerischen Werks, das bis in die 1970er Jahre zurückreicht und zahlreiche Skulpturen des Künstlers, die vor allem seit 2000 entstanden sind, darunter auch neue, bislang noch nie gezeigte Werke. Die Ausstellung findet auf zwei Ebenen des MdM Mönchsberg statt, an die sich die Skulpturenterrasse anschließt. Der Künstler wird dafür aktuelle Plastiken als Dauerleihgaben geben, die eine optische Verlängerung der Ausstellung in den Außenbereich bilden. (…) Sein plastisches Oeuvre, das anfänglich Impulse aus der Auseinandersetzung mit der englischen Land Art und körperbetonten Arbeitsmethoden aufnahm, zeichnet sich durch einen immensen Reichtum an überraschenden Formerfindungen und –konstellationen aus, die sich auch in den Zeichnungen widerspiegeln oder dort anklingen. Metamorphosen von Wahrnehmungen der Gegenstandswelt, der Landschaft und der Figur verschmelzen in Craggs Werken. In den 1980er Jahren wurde der Künstler für seine Installationen aus Plastik- Fragmenten berühmt, die er mosaikartig zu farbigen Reliefs und Bodenarbeiten arrangierte und mit denen er ästhetisch provokativ Ikonen und Klischees der Gegenwart befragte. Mehr finden Sie unter wechselausstellungen.de [...]