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wechselausstellungen.de | 21. Oktober 2008

Von der Fläche zum Raum - Malewitsch und die frühe Moderne

25.10.2008 – 25.01.2009, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Große Landesausstellung  zum 100-jährigen Jubiläum der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens beleuchtet die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden das Werk Kasimir Malewitschs im Kontext seiner Zeit und damit die Epoche unmittelbar nach ihrer Gründung. In der Großen Landesausstellung zur russischen Avantgarde gipfelt eine Tradition der Staatlichen Kunsthalle als international profiliertes Ausstellungshaus, das sich durch zahlreiche Projekte zur russischen Kunst hervorgetan hat (u. a. Wassily Kandinsky, 1970; Rodtschenko: Fotografien, 1978; Rodtschenko und Stepanowa, 1983; Russische Avantgarde und Volkskunst, 1993; Vladimir Tatlin,1994; HA KYPOPT! Russische Kunst heute, 2004). „Die Große Landesausstellung zu Kasimir Malewitsch und der russischen Avantgarde ist ein besonderes Highlight im Jubiläumsjahr 2008/09 der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Damit unterstreicht die Kunsthalle eindrucksvoll ihren internationalen Anspruch in der Vermittlung moderner und zeitgenössischer Kunst. Das Land unterstützt die Präsentation mit rd. 330.000 Euro”, sagte Staatssekretär Dr. Dietrich Birk, Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst Baden Württemberg im Vorfeld der Ausstellung. Die Präsentation von Kasimir Malewitsch, einem der wichtigsten Vorläufer der konzeptuellen und minimalistischen Kunst, entspricht zudem dem Programm der Staatlichen Kunsthalle, zeitgenössische Tendenzen der Kunst mit ihren großen Vorbildern in Verbindung zu bringen.

Kasimir Malewitsch (Kiew 1879 - 1935 Leningrad) zählt als Wegbereiter der abstrakten Kunst und Begründer des „Suprematismus“ (der Kunst der Kombination geometrischer Flächen mit reinen Farben) zu den Schlüsselfiguren der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine ersten suprematistischen Werke wie das Schwarze Quadrat auf weißem Grund (1915) waren wegweisend für die künstlerischen wie auch intellektuellen Kreise seiner Zeit. Entstanden sind sie etwa gleichzeitig mit Vladimir Tatlins dreidimensionalen Objekten und Reliefs. Der Konstruktivist Tatlin, der eine Zwischenstellung zwischen Malerei und Skulptur einnahm, trieb mit seinen Experimenten die Entwicklung räumlicher Konstruktionsprinzipien im Bereich der gegenstandslosen Kunst voran. Auch er zeigte damit neue Möglichkeiten des geometrischen Denkens auf, die Malewitsch programmatisch formulierte: die Idee der geometrischen Fläche als eigenwertiger Form.

Die ungegenständlichen Farbflächen in Malewitschs Bildern heben sich vom weißen Bildgrund wie von einem leeren Raum ab. Sie machten „den Weg in die Unendlichkeit frei“ (El Lissitzky): Scheinbar schwebende, sich überlagernde geometrische Elemente und die tiefenräumliche Wirkung der Farbe prägen die Werke Malewitschs. Ihrer Faszinationskraft konnte sich kaum einer seiner Zeitgenossen entziehen – eingeschlossen seine künstlerischen Widersacher wie Alexander Rodtschenko. Dessen geometrische Kompositionen mit runden Formen und einander kreuzenden Linien auf schwarzem Grund sind als Antwort auf Malewitsch zu verstehen: In ihrer radikalen Gegenstandslosigkeit und Konzentration auf die Farbe zeigen sie „den Beginn einer neuen Existenz der Form im Raum“ (Rodtschenko). Rodtschenkos Interesse am Problem der Struktur und an Raumkonstruktionen hatte bereits 1918 zu Experimenten mit räumlichen Objekten geführt. Seine Beschäftigung mit Architekturprojekten und Möbelentwürfen mündete 1925 in die Gestaltung eines in der Internationalen Kunstgewerbeausstellung Paris präsentierten Arbeiterclubs. Mit der Umsetzung von Lenins Ziel, die Arbeiter am sozialen und politischen Leben teilhaben zu lassen, verkörpert der Club modellhaft die Ideologie der Russischen Revolution.

Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Russland in den Jahren 1905 bis 1920 bildeten den historischen Hintergrund von Malewitschs Werk. Die Künstler der Russischen Avantgarde suchten nach neuen Ausdrucksmitteln, um ihr Bild der Welt zu vermitteln. Ihre Schriften und Werke spiegeln die utopischen Ideen der frühen Moderne. Für die von Malewitsch anvisierte Umgestaltung der Welt nach den Gesetzen der suprematistischen Ästhetik war es erforderlich, das räumliche Potenzial des Suprematismus weiterzuentwickeln. Dreidimensionale Konstruktionen sollten eine Architekturkonzeption der Zukunft begründen. Mit der Umsetzung des Suprematismus in volumenhafte Formen beauftragte Malewitsch El Lissitzky, der als Übersetzer von Malewitschs Manifesten auch eine wichtige Vermittlerfunktion im Westen übernahm. Von 1919 an kombinierte Lissitzky in der Werkgruppe der Prounen (Projekte zur Verfechtung des Neuen), die Gemälde, Grafiken und den in der Ausstellung rekonstruierten Prounenraum (1923) umfasst, volumenhafte und flächige geometrische Elemente. Sie setzen dem Chaos und der Leere des Raumes eine durchstrukturierte Ordnung in dynamischer Spannung entgegen. Für die Arbeit an seinem MERZbau (1920–1936) als begehbare Raumskulptur und wucherndes Gesamtkunstwerk knüpfte Kurt Schwitters hier an und schuf ein Schlüsselwerk der Moderne, in dem der Dada-Künstler dem Suprematisten Malewitsch mit einer eigenen „Höhle“ huldigt.

Das Konzept der „Gegenstandslosigkeit“ ist in Malewitschs Kunst eng verknüpft mit der Idee des Raumes. Malewitsch entwickelte Architekturmodelle und lehrte ab 1919 an der Kunstschule von Witebsk. Durch sein Werk und seine Lehrtätigkeit beeinflusste er nicht nur in Russland, sondern auch in Europa die zeitgenössischen Maler ebenso wie Vertreter der angewandten Kunst, Bildhauer und Architekten.

Die Ausstellung widmet sich dem grundlegenden bildnerischen Denken des Suprematismus in Fläche und Raum. Gezeigt werden neben zentralen Arbeiten von Malewitsch Werke u. a. von Wassily Kandinsky, Ivan Kljun, Gustav Kluzis, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Alexander Rodtschenko, Kurt Schwitters, Nikolai Suetin und Vladimir Tatlin sowie eine Auswahl russischer Revolutionsplakate und Keramik der Zeit. Anhand von drei aufwändigen Rekonstruktionen werden suprematistische bzw. konstruktivistische Raumgestaltungen für die Besucher erschlossen und damit ein zentrales Thema der Avantgarde, die Überführung flächiger Konstruktionen in den Raum, visuell und körperlich erfahrbar gemacht.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

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